Blogs
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Yonnihof

Meine «unchristlichen» Werte

Bild: shutterstock

Meine Moral gehört mir.



Seit kurzem schreibt Hugo Stamm für watson. Ich mag Hugo Stamm, nur schon unserer Herkunft wegen (Hopp Schafuuse!). Einig bin ich mit ihm bei weitem nicht immer, aber ich schätze seine Inputs und seine kritischen Fragen.  

Wenn man die Diskussionen zu seinen Artikeln liest, taucht dort eine regelrechte Kluft auf. «Religion gehört abgeschafft» vs. «Religionsbashing ist wohl das neue Sexy, hört endlich auf damit».  

In der Tat fällt mir auf, dass die anti-religiösen Stimmen ganz generell immer lauter werden. Gegen die Institutionen, aber auch gegen den Glauben selber. Erstere seien kriminell, Zweitere naiv. Da sind dann die radikalen Atheisten, die mit gleicher Vehemenz behaupten, nach dem Tod komme gar nichts, wie es zum Beispiel die Christen mit der Existenz eines Paradieses tun. Ich frage mich dann jeweils: Tun sie damit nicht dasselbe, was sie den Christen vorwerfen, nämlich eine Sicherheit vorzugaukeln, die sie letzten Endes unmöglich hundertprozentig haben können? Wäre es nicht logischer, den «Gospel of I don’t know» zu predigen?  

Anyway. Es soll in diesem Text nicht um diese Grundsatzfragen gehen – dafür haben wir ja Herrn Stamm.  

Ich glaube nicht an Gott, ich bin in keiner Kirche und ich wurde nicht getauft. Ich bin aber auch nicht grundsätzlich «gegen Religionen» – ich kann anerkennen, dass die Kirchen vielen Menschen auf der Welt helfen und ich finde, dass man das nicht vergessen sollte. Auf der anderen Seite lässt sich die zerstörerische Wirkung, die sie und gewisse ihrer Ableger in der Geschichte und heute auf die Menschheit hatten und haben, in meinen Augen nicht verleugnen. So viel dazu.  

Dieser Text aber soll um «christliche Werte» gehen.  

Es passiert mir nämlich immer wieder, dass ich, nachdem ich Texte über die Liebe oder die Nähe zwischen Menschen schreibe oder wenn ich Spendenaktionen starte, Messages oder sonstige Rückmeldungen bekomme, es sei schön, dass ich das christliche Prinzip der Nächstenliebe weitergäbe. Gestern passierte mir das gar Face to Face mit einem Herrn, der sagte, er finde es schön, dass junge Menschen, auch wenn sie nicht glaubten, christliche Werte leben würden.  

Nun bin ich mir sicher, dass der Mann das gut meinte, es ein Kompliment war und ich konnte es auch als solches annehmen.  

Trotzdem ging mir das nachher nicht mehr aus dem Kopf und irgendwann wurde mir klar, weshalb: Die Nächstenliebe gehört nicht dem Christentum.  

Ich finde es schwierig, wenn mir vermittelt wird, ich hätte mir ein moralisches Grundprinzip meines eigenen Lebens von einer Gemeinschaft geborgt, zu der ich nicht gehöre und mit der ich in vielerlei Hinsicht nicht einig bin.  

Moralisches Denken beruht nicht auf christlichen Schriften – ich denke, wir kommen auch ohne Bibel darauf, dass wir uns nicht gegenseitig umbringen, bestehlen und betrügen sollten. Ich finde es stossend, wenn gläubige Christen es erstaunlich finden, dass jemand ohne ihren eigenen Hintergrund ein von Moral bestimmtes Leben führen kann.  

Dazu kommt, dass zwar gerade die Nächstenliebe ein christlicher Wert sein soll, diese dann aber zum Beispiel bei Homosexuellen ein jähes Ende findet. Meine nicht. Ist Nächstenliebe also eher ein nichtchristlicher Wert?  

Wichtig: Ich kenne viele Gläubige, die solche Ansprüche nicht erheben, die ihr Leben gut und beherzt leben und mit ihrer Toleranz über das hinausgehen, was in gewissen Kirchenschiffen gepredigt wird – dazu gehören auch MitarbeiterInnen der Kirche selbst.  

Ich lasse jedem Christen seinen Glauben, auch wenn ich nicht unbedingt damit einverstanden bin, solange er niemandem schadet und nicht seinen Stempel aufs Gute in mir drückt. Dann werde ich etwas hässig.  

Eines ist klar: Meine Nächstenliebe kommt nicht von der Kirche und wird es auch nie tun. Sie ist kein christlicher Wert, sondern ein menschlicher. Sie ist Ausdruck meiner inneren Überzeugungen und meiner Moral, die unabhängig von Dogmen ist. Es macht in meinen Augen viel eher Sinn, die Kirche als Schule solcher Prinzipien zu betrachten denn als deren Ursprung.  

Ich weiss nicht, ob es Gott gibt und falls ja, in welcher Form. Bisher habe ich ihn oder sie oder es nicht entdeckt. Oder nicht verstanden. Ich glaube, das muss ich auch nicht. Ich will trotzdem versuchen, mein Leben so gut und voll wie möglich zu leben – weil ich zwar nicht an Gott glaube, aber an Frieden.  

Vielleicht ist «Gott» ja gerade das: die Vereinigung des Friedens in und zwischen uns – und wenn er das ist, dann gehört er keiner einzigen der Institutionen, die vorgeben, er tue es.

Yonnihof Yonni Meyer

Yonni Meyer

Yonni Meyer (34) ist Psychologin und schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen – direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt. 
Pony M. auf Facebook
Yonni Meyer online

DANKE FÜR DIE ♥

Da du bis hierhin gescrollt hast, gehen wir davon aus, dass dir unser journalistisches Angebot gefällt. Wie du vielleicht weisst, haben wir uns kürzlich entschieden, bei watson keine Login-Pflicht einzuführen. Auch Bezahlschranken wird es bei uns keine geben. Wir möchten möglichst keine Hürden für den Zugang zu watson schaffen, weil wir glauben, es sollten sich in einer Demokratie alle jederzeit und einfach mit Informationen versorgen können. Falls du uns dennoch mit einem kleinen Betrag unterstützen willst, dann tu das doch hier.

Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen?

(Du wirst zu stripe.com (umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)

Oder unterstütze uns mit deinem Wunschbetrag per Banküberweisung.

Nicht mehr anzeigen

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Themen

Yonnihof

Mamma Mia! – Eine Abrechnung mit Mutter-Klischees

Oder: HÖRED DOCH MAL UUF!

Disclaimer: Ich rede hier von Müttern, weil ich eine von ihnen bin. Ich rede zwar auch mit Vätern über solche Themen und ich bin gespannt auf ihre Kommentare, mein Erleben ist jedoch das einer Mutter. Man kann Mutter in vielen Fällen aber gut mit Vater substituieren.

Vor gut zwei Wochen wurde unser Sohn ein Jahr alt. Zeit für ein kleines Resümee, angefangen mit der Tatsache, dass das Motto seiner Geburtstagsparty «Nicolas wird 1 – Oder: Hurra, wir leben noch» lautete.

Seit ich Mutter bin, habe …

Artikel lesen
Link zum Artikel