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Yonnihof

Diskutieren leicht gemacht!

Warum es sich manchmal lohnt, eine Meile in den Schuhen anderer zu gehen.
30.05.2015, 14:5130.05.2015, 15:09

Manchmal fragt man sich ja, warum die Menschen so oft aneinander geraten. Man geht durch die Welt und denkt, dass man eigentlich vieles richtig macht und dass die eigenen Absichten und Einstellungen doch fürchterlich viel Sinn ergeben. Warum verstehen die anderen dann einfach nicht, wie logisch meine Gedanken sind? Wie kann man die Welt so anders sehen? 

Im Moment geht es mir selber mit der Homo-Ehe und der Adoption von Kindern durch Homosexuelle so. Ich wollte ursprünglich einen Text schreiben, der sich mit dieser Thematik auseinandersetzt, und dachte mir bereits bei der Skizze: «Dann kommen sie wieder mit Nur Mann und Frau können Kinder haben, die Natur hat das so vorgesehen und Die Ehe ist eine heilige Institution, die der Verbindung von Mann und Frau dient und die Nachwuchs hervorbringen soll» und ich legte mir bereits Antworten zurecht, was denn zum Beispiel mit zeugungsunfähigen Männern und Frauen sei, ob die dann auch nicht heiraten dürften, weil sie ja den heiligen Zweck ihrer Verbindung auch nicht erfüllen könnten.  

Ich merkte, wie ich nur schon in Gedanken aggressiv wurde und sich in mir das oben erwähnte Unverständnis einstellte: Wie kann man anderen Rechte verwehren wollen, die einen selber null und nicht tangieren? Als Hetero ändert sich für mich nichts, wenn Schwule und Lesben heiraten können. Für mich als Hetero ändert sich nichts, wenn der kleine Marco zwei Papas hat, ausser dass Marco ein liebevolles Elternhaus bekommt. Genauso, wie sich für Männer nichts ändern würde, wenn Frauen gleich viel verdienen würden wie sie. 

Ich sass da und schrieb und war ratlos.  

Und dann löschte ich den Text wieder. Weil er in dieser Form nichts bringt. Alles, was ich schreiben wollte, war schon x-fach gesagt worden. Ich wollte einfach noch einmal sagen, was in meinem Kopf Sinn macht. Vielleicht etwas lauter, vielleicht etwas bestimmter, in der Hoffnung, dass es mehr Menschen verstünden. 

Doch was muss man tun, um Verständnis zu bekommen für die eigene Sichtweise? Quengeln? Aggressiv werden? Toben? Mache ich damit Lust darauf, sich mit meiner Perspektive auseinanderzusetzen? Wohl kaum. Bediene ich damit nicht nur das Verlangen nach Zustimmung von denen, die sowieso schon auf meiner Seite sind? Wohl eher. 

Ich glaube, wenn man Verständnis von der Gegenseite will – in welchem Belang das auch immer sein mag – muss man selber Verständnis aufbringen. Ich wurde so erzogen, dass es völlig in Ordnung ist, dass zwei Männer oder zwei Frauen sich ineinander verlieben, mir wurde beigebracht, dass das Gefühl des Gewollt-Seins eines Kindes viel wichtiger ist als soziale Stigmata. 

Ich muss aber auch Verständnis dafür aufbringen können, wenn jemand das anders gelernt hat. Ich muss verstehen, wenn jemand andere Werte vertritt, seien sie politisch oder religiös. Es ist nicht meine Aufgabe, ihn oder sie zu bekehren. Gerade bei den Religionen beklagen sich ja Nicht-Gläubige oft über Bekehrungsversuche der Gläubigen. Warum sind sie dann oft so erpicht darauf, Gläubige vom Nicht-Glauben zu überzeugen? Ist das nicht eine eigene Art der Bekehrung? 

Ich wuchs in einer eher konservativen Gegend auf. Natürlich betrifft das nicht alle, aber der Grundtenor war, dass «diese Homosexualität» etwas Modernes, Seltsames und ja, etwas Unnötiges war. Eine Phase. Man kannte das nicht anders. Im Nachbardorf lebte ein junger Mann. Er ging in den Turnverein, war überall dabei, war akzeptiert und geschätzt. Bis er sich mit circa 20 Jahren outete. Und was dann passierte, wird Sie umhauen! Nämlich nichts. Er war genauso beliebt wie zuvor. 

Mich hat das damals beeindruckt und ich habe mich etwas geschämt, dass ich den Bewohnern des Dorfes keine so offene und herzliche Reaktion zugetraut hatte. Ich bin mir sicher, dass viele von ihnen Homosexualität als solche noch immer eher ablehnen, wenn’s um den einzelnen Menschen geht, ist diese Grundsatzdiskussion jedoch einfach nicht so wichtig. 

Ich glaube, einer der Schlüssel zu einem friedlichen Zusammensein ist Empathie für die Lebensmodelle anderer Menschen. Sich ab und zu in die Schuhe des anderen stellen und eine Meile darin gehen – und erst dann Diskussionen zu führen beginnen. Zu verstehen, wo jemand herkommt, bedeutet dann ja noch lange nicht, dass man gleicher Meinung sein muss und ich werde mich selbstverständlich weiterhin für die Rechte Homosexueller einsetzen. 

Es bedeutet jedoch, dass gewissen Einstellungen und Aussagen eine Geschichte zugrunde liegt, die (oft) Sinn macht. Beim Gegenüber genauso wie bei uns selbst. Und dadurch entstehen schlussendlich Diskussionen, die in meinen Augen oft wohlwollender und konstruktiver sind.

Yonni Meyer
Yonni Meyer schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen – direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt. 

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