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Bild: shutterstock

Yonnihof

Dating in Zürich: Eine Stadt aus Eis?



Yonnihof Yonni Meyer

Sie scheinen sich in letzter Zeit zu häufen: Die Berichte übers Singlesein in der Stadt Zürich. Sowohl in den Zeitungen als auch in meinem privaten Umfeld ist der Tenor immer wieder: «Es liegt an der Stadt.» Dann nicken alle eifrig und sagen ja, es sei wirklich schwierig. Gerade mit den Männern. Züri-Buebe. Flatterhaft seien sie und unzuverlässig.  

Es liegt an der Stadt.  

Fakt ist doch, dass eine Stadt niemanden per Elektroschock davon abhält, einen nach dem Date anzurufen. Eine Stadt liefert niemandem ein Factsheet mit den «25 billigsten Ausreden, um sich aus der Affäre zu ziehen» und es ist auch nicht die Stadt, die einen Menschen dazu anstiftet, den anderen zu versetzen. Der Mensch entscheidet das!  

Woran liegt’s also, dass sich dieses Gerücht über die Eisprinzen in Zürich, die sich nicht festlegen wollen, die einen verarschen und einen hocken lassen, so hartnäckig hält? Stimmt es am Ende noch?

Zuerst einmal glaube ich nicht, dass sich das nur auf Männer beschränkt. Da hört man dann zwar ein entrüstetes «Seit dem Date habe ich nichts mehr gehört», wenn man aber nachhakt, stellt sich heraus, dass sich die Damen genauso wenig gemeldet haben wie ihre Dating-Partner.  

Nun mag man sagen: «Da schreien sie immer nach Emanzipation, haben dann aber den Mumm nicht, auch mal den ersten Schritt zu machen.» Das verstehe ich zwar im Grundsatz, glaube aber auch, dass das nicht ausschiesslich Prinzessinnen-Gehabe und Spielchen-Spielerei ist, sondern dass viele Frauen bei Nicht-Melden des Mannes Desinteresse vermuten und sich abgelehnt fühlen. Dies, weil sie davon ausgehen, dass ein Mann sich bei Interesse meldet, was meiner Erfahrung gemäss auch oft der Fall ist – übrigens etwas, was ich sehr schätze, weil ich so weiss, woran ich bin.  

Ausserdem ist es in meinem Umfeld schon passiert, dass ein Mann eine Frau bei zu starker Initiative als zu dominant empfunden und sich «entmannt» gefühlt hat.  

So ist es von Paar zu Paar unterschiedlich, wie sehr der Akt der Eroberung eine Rolle spielt und auch, von wem er ausgehen soll. Das kann ja durchaus seinen Reiz haben, wenn man’s aber übertreibt mit Scharren oder mit Rarmachen, dann löscht’s dem Gegenüber ab.  

Aber hat das mit der Stadt zu tun, die ja an allem Schuld sein soll?

Meine (vereinfachte, verallgemeinernde und überzeichnete) These bezüglich mühsamem Dating in der Stadt ist folgende: Wer in der Stadt lebt, kann sich eine durchschnittlich höhere Miete leisten. Das bedeutet, dass in der Stadt eher Leute leben, die gute Jobs haben, die entsprechend bezahlt sind. Um einen guten Job zu bekommen, muss man von sich überzeugt sein und wenn man ihn einmal hat, ist man sich gewohnt, dass einem zugedient wird, dass man die Kontrolle hat und das man selbst der/die ist, auf den/die andere zukommen. Erfolg macht selbstbewusst und Selbstbewusstsein macht begehrenswert.  

Das alles resultiert in der Stadt, wo viele solcher Menschen auf einem Fleck leben, darin, dass jedes Wochenende all die begehrenswerten Eisprinzen und –prinzessinnen in den Bars der Stadt hocken und darauf warten, dass der/die jeweils andere in ihr Iglu kommt. Und wenn, dann muss es der/die Perfekte mit dem perfekten Spruch und dem perfekten Profil sein. Die mit den perfekten Brüsten und der mit dem perfekten Waschbrett.  

Wenn nicht, sind da noch 100 andere verfügbare, begehrenswerte Prinzessinnen, bzw. Prinzen, auf die man umschwenken kann: Dass in der Stadt gerne mal einer oder eine abspringt, hängt wohl auch mit dem Überangebot an Alternativen zusammen. Jedoch nur vermeintlich. Denn bei denen geht das Spielchen dann ja wieder von vorne los.

Es gibt den Spruch «Kein Mann/keine Frau läuft dir ins Wohnzimmer». Es kann aber auch jeder Club und jede Bar zum Wohnzimmer werden, wenn keine/r bereit ist, vom Sofa aufzustehen. Anstatt das zu tun, bezeichnet man das Gegenüber als kalt und unzugänglich. Daran liegt’s. Oder eben an der Stadt.  

Kann es sein, dass die Stadt-BewohnerInnen an ihrer eigenen Perfektion zugrunde gehen, weil es diese eben gar nicht gibt?

Yonni Meyer

Yonni Meyer (33) schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen – direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt. 
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