Putin sperrt das freie Internet – Russen greifen zu Walkie-Talkies
Russlands Führungselite plant schon länger, die eigene Bevölkerung vom Rest der Welt abzukoppeln. Der feuchte Traum von Machthaber Wladimir Putin heisst «Runet». Und nun scheint er damit Ernst zu machen.
In den vergangenen Wochen kam es in verschiedenen Regionen des Riesenlandes zu Internet-Ausfällen. Zuletzt waren auch die Grossstädte Moskau und St. Petersburg von Mobilfunk-«Blackouts» betroffen.
Dann verbreiteten sich Putschgerüchte.
Hier erfährst du, was dahintersteckt.
Was ist passiert?
Seit Anfang Monat erleben die Metropolen Moskau und St. Petersburg sowie über 60 weitere russische Regionen massive Ausfälle des mobilen und kabelgebundenen Internets. In den letzten Tagen kursierten verstärkt Gerüchte über einen bevorstehenden Putsch.
Der Kreml erklärte diese Woche, die Internetsperren würden eingeführt, um «die Sicherheit zu gewährleisten». Die Sperren blieben so lange bestehen, «wie zusätzliche Massnahmen« erforderlich seien. Details zu den Gründen für die Einschränkungen wurden nicht genannt.
Droht tatsächlich ein Umsturz?
Nein. Danach sieht es aktuell nicht aus.
Insbesondere britische Medien und regierungskritische Telegram-Kanäle spekulierten, die Internet-Sperren seien eine Reaktion auf eine drohende Meuterei. Als mögliche Umstürzler wurden Kreise um den ehemaligen russischen Verteidigungsminister Sergej Schoigu vermutet. Die Lage habe sich zugespitzt, nachdem dessen enger Vertrauter Ruslan Tsalikow verhaftet wurde.
Seriöse westliche Analysten und Russland-Kenner, etwa vom Institute for the Study of War (ISW), bezeichnen solche Umsturzgerüchte als «Wunschdenken».
Da die Internet-Sperren technisch und gesetzlich über Monate vorbereitet wurden, spricht vieles für eine geplante Eskalation der Zensur – statt für eine panische Reaktion auf einen aktuellen Putschversuch.
Und damit zum echten Grund für die Internet-Ausfälle.
Warum wird es nun eng für russische User?
Seit 1. März gelten in Russland Regelungen, die gemäss unabhängigen Berichten eine massive operative Verschärfung darstellen (dazu gleich mehr).
Ein 2019 vom russischen Parlament, der Duma, verabschiedetes Gesetz legte das technische und rechtliche Fundament. Auf Betreiben Putins erlaubt es den Behörden, die Internet-Infrastruktur im Land vollumfänglich zu kontrollieren und Online-Zensur zu betreiben.
Das Gesetz war primär darauf ausgelegt, einzelne «schädliche» Inhalte zu blockieren (Blacklisting). Doch nun zieht der Kreml die Schrauben an. Neue Verordnungen markieren den Übergang zu einem System, in dem der Zugang zum freien Internet grundsätzlich unterbunden wird. Wie es in China bereits der Fall ist.
Wie killt Russland das freie Internet?
- Direktzugriff für Geheimdienst: Der russische Inlandsgeheimdienst FSB hat neu die Befugnis, den Datenverkehr übers Internet ohne vorherigen Gerichtsbeschluss regional oder landesweit einzuschränken oder ganz abzuschalten.
- Umstellung auf «White List»-Verfahren: Bald sollen nur noch staatlich zugelassene Online-Dienste (die auf der Weissen Liste stehen) erreichbar sein.
- DNS-Löschung: Die Zensurbehörde Roskomnadzor hat begonnen, westliche Dienste wie YouTube, WhatsApp und Facebook direkt aus dem nationalen Domain-Namen-System (NSDI) zu löschen, das ist quasi das Internet-Adressbuch. Für User in Russland «existieren» die Dienste dadurch technisch nicht mehr.
- Technische Drosselung: Mit der «16 KB Curtain»-Taktik drosselt Russland die Geschwindigkeit so massiv, dass nur die ersten 16 Kilobyte von einer Website, respektive einem Online-Dienst, geladen werden. Textnachrichten funktionieren teils noch, aber moderne Webdienste und Videos werden unbrauchbar.
- Die Provider haften nicht: Die Anbieter von Internet-Diensten sind nun explizit vor Schadensersatzforderungen der Kundschaft geschützt, wenn sie staatlich angeordnete Internet-Sperren umsetzen.
Was will Putin erreichen?
Sicher ist: Putin forcierte nach Beginn der Grossinvasion 2022 und dem Inkrafttreten von westlichen Sanktionen seine Pläne für ein russisches Intranet. Übersetzt aus dem Russischen wird es «Runet» genannt.
Es geht um nicht weniger als die vollständige Entkoppelung russischer Netzwerke vom globalen Netz. Dahinter können verschiedene Motive stecken:
- Informationskontrolle vor den Wahlen: Im September finden die «Parlamentswahlen» statt. Der Kreml versucht laut Beobachtern, jede Form von digitaler Mobilisierung der Opposition im Keim zu ersticken.
- Zwang zu neuer Staats-App: Durch die Blockade von WhatsApp und Telegram werden die russischen Bürgerinnen und Bürger zur Nutzung der staatlich kontrollierten Handy-App «MAX» gedrängt. Diese ermöglicht eine lückenlose Überwachung und ist dem chinesischen WeChat nachempfunden.
- Noch mehr staatliche Propaganda: Der Kreml will die Bevölkerung auch im Internet von unabhängigen Informationen abschneiden. Staatliche Propagandalügen sollen nach dem TV die Handys erobern.
Und damit sind wir beim Angriffskrieg gegen die Ukraine, der als russischer Sicht schlecht läuft.
Was hat das mit dem Krieg gegen die Ukraine zu tun?
Die russische Bevölkerung soll über militärische Misserfolge und negative Auswirkungen der internationalen Sanktionen im Dunkeln gelassen werden.
Laut Schätzungen des Analyseunternehmens Top10VPN hat Russland im Jahr 2025 weltweit den unrühmlichen ersten Platz bei Internetausfällen belegt.
Staatliche Störungen und Unterbrechungen des Internetzugangs sind seit dem Überfall auf die Ukraine in ganz Russland zu einem häufigen Phänomen geworden.
Russische Beamte behaupteten, die Internet-Abschaltungen seien ein Versuch des eigenen Militärs, ukrainische Drohnenangriffe zu vereiteln. Diverse Fachleute halten das Vorgehen aber für wenig wirksam.
Wie reagiert die russische Bevölkerung?
Wegen der Unzuverlässigkeit des mobilen Internets und der eingeschränkten Funktionsweise von Apps greifen einige wieder auf alternative Kommunikationsmethoden wie Walkie-Talkies und Pager zurück.
Technisch versierte Personen können bei Internet-Zensur auch zu anderen Gegenmassnahmen greifen.
Eine Möglichkeit sind spezielle VPN-Dienste. Ein Virtual Private Network (VPN) leitet bekanntlich den ganzen Datenverkehr durch einen verschlüsselten «Tunnel». Da der russische Staat jedoch verstärkt Deep Packet Inspection einsetzt, um VPN-Verkehr zu erkennen, werden verschleierte Datenübertragungs-Protokolle wichtig. Dieses als Obfuskation bezeichnete Vorgehen lässt den VPN-Verkehr gegenüber Dritten unverdächtig aussehen.
Da der Zugang zum bekannten Anonymisierungs-Netzwerk «Tor» in Russland oft erschwert ist, kommt vermehrt die «Snowflake»-Erweiterung zum Einsatz.
Dabei stellen Freiwillige weltweit ihre Browser als Brücke zur Verfügung, um Usern in zensierten Gebieten den Zugang zum freien Internet zu ermöglichen.
Wermutstropfen: Wie der «Guardian» schreibt, sagte ein russischer Abgeordneter diese Woche, dass die Sicherheitsdienste des Landes innerhalb der nächsten sechs Monate die Möglichkeit erhalten könnten, den VPN-Verkehr einzuschränken. Dadurch würde für viele Russen eine der letzten Möglichkeiten abgeschnitten, auf unzensierte Inhalte aus dem Westen zuzugreifen.
Quellen
- theguardian.com: Unexplained Moscow internet blackouts spark fears of web censorship plan (12. März)
- united24media.com: Russia Builds Digital Iron Curtain by Restricting Internet to “White List” Domains
- reuters.com: Kremlin says Moscow mobile internet outages are done for sake of security (10. März)
- top10vpn.com: The Cost of Internet Shutdowns in 2025
