DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Versucht Donald Trump über die neue Social-Media-Plattform ein Comeback? Bis jetzt finden sich auf Gettr vor allem Trump-Fans und andere berüchtigte Populisten.
Versucht Donald Trump über die neue Social-Media-Plattform ein Comeback? Bis jetzt finden sich auf Gettr vor allem Trump-Fans und andere berüchtigte Populisten.
Bild: watson/Keystone
Analyse

Das sollten auch Trump-Hasser über die neue Social-Media-App «GETTR» wissen

Die von einem Ex-Berater von Donald Trump lancierte Social-Media-Plattform hat massive Sicherheitsprobleme. Und es gibt weitere beunruhigende Erkenntnisse.
09.07.2021, 09:3510.07.2021, 09:07

Wenige Tage nachdem der frühere Trump-Sprecher Jason Miller einen Twitter-Klon lancierte, war das neue soziale Netzwerk bereits von massiven Problemen betroffen. Im Folgenden fassen wir die Fakten zu «GETTR» zusammen. Eine Bemerkung vorab: Die watson-Recherchen zeigen, dass Unternehmen und Prominente gut daran tun, zu prüfen, ob dort Fake-Accounts unter ihrem Namen geführt werden.

Gettr* hat Fake-Accounts – auch aus der Schweiz

* Die Macher vermarkten ihre App in marktschreierischen Grossbuchstaben, wir halten uns im Folgenden an Gettr.

bild: watson / screenshot: gettr
«Schweiz Tourismus unterhält keinen Account auf Gettr – es handelt sich um einen Fake-Account.»
Markus Berger, Schweiz Tourismus

Solche Fälschungen kämen leider immer wieder vor, teilt Schweiz Tourismus auf Anfrage von watson mit. Es sei davon auszugehen, dass (auch) auf Gettr «eine relevante Zahl von Accounts fake» seien, schreibt uns Markus Berger, Leiter Unternehmenskommunikation. Und er betont: «Wir verfahren mit diesem Fake-Account gleich wie mit jeder anderen irreführenden Nutzung unserer Marke: Wir melden Missbräuche bei den Betreibern und verlangen deren Löschung.»

Gettr will das Anti-Twitter sein und kopiert das Original

Das Design der App sei auffallend identisch mit Twitter und scheine die Programmierschnittstelle (API) des US-Unternehmens genutzt zu haben, um Profile einiger Nutzer zu kopieren, konstatiert Tech Crunch.

Der Vergleich: Gettr (links) vs. Twitter

Der Name «GETTR» sei von «Getting Together» inspiriert. Textbeiträge dürfen 777 Zeichen lang sein. Die Plattform spielt Videos mit einer Länge von bis zu drei Minuten ab und es sollen auch Livestreams möglich sein, wie Politico berichtete.

Man habe Twitter auf die auffälligen Ähnlichkeiten von Gettr und die Verwendung seiner API angesprochen, schreibt Tech Crunch, doch wurde keine Stellungnahme abgegeben.

Bei der Registrierung lassen sich Inhalte von Twitter nach Gettr importieren – wenn «Sie den gleichen Benutzernamen verwenden, den Sie auf Twitter verwenden».

Dies kommt für den lebenslang gesperrten Donald Trump wohl nicht infrage – er will aber juristisch gegen die Verbannung vorgehen, wie er am Mittwoch verlauten liess.

Gettr will rechte US-Patrioten ansprechen

Gettr wurde am 4. Juli 2021 offiziell gestartet, also dem Nationalfeiertag der Vereinigten Staaten von Amerika.

Das Unternehmen positioniere sich als zensurfreie Alternative für alle, die glaubten, dass die «Mainstream-Social-Networks» rechtsextremen Ideen gegenüber feindlich eingestellt seien, konstatiert Tech Crunch. Die Website von Gettr locke neue Nutzer «mit vertrauten Trumpschen Botschaften».

Wie das Beispiel der (vorübergehend) aus den App-Stores verbannten Parler-App gezeigt habe, seien solche Zufluchtsorte für Verschwörungsanhänger meist nicht von Dauer.

Vorläufig werden die beiden grossen App-Store-Betreiber Apple und Google das Treiben bei Gettr nur beobachten. Solange keine Skandale publik werden oder strafrechtlich relevante Fakten vorliegen, dürfte nichts passieren.

Zum Gettr-Start hiess es, die Moderation von Inhalten sei entweder lasch oder nicht vorhanden. Hier haben die Verantwortlichen wohl eine gewisse Gefahr ausgemacht.

Letzte Woche blockierte Gettr einem Bericht des Magazins Slate zufolge das Profil von Tim Gionet, der unter dem Künstlernamen „Baked Alaska“ auftritt und einer der prominenteren Teilnehmer des Kapitol-Sturms war. Ebenso sollen Nutzerkonten gesperrt worden sein, die, angeblich unter Anleitung des prominenten Ultrarechten Nick Fuentes, zum offenen Bruch der Nutzungsbedingungen aufriefen.

Trump ist bei Gettr omnipräsent. Bislang äussert er sich jedoch nicht über einen eigenen verifizierten Account.
Trump ist bei Gettr omnipräsent. Bislang äussert er sich jedoch nicht über einen eigenen verifizierten Account.

Gettr richtet sich nicht nur an Amerikaner: Die Benutzeroberfläche gibt es auf Englisch, Französisch, Spanisch, Chinesisch und weitere Sprachen, aber nicht auf Deutsch.

Eine Beta-Version von Gettr ging am 1. Juli an den Start. Bereits seit Mitte Juni waren die iPhone- und Android-Version in den App-Stores von Apple und Google verfügbar. Auf die Plattform kann auch über gettr.com zugegriffen werden. Es ist jedoch eine Registrierung per E-Mail-Adresse nötig.

Die Macher versprechen im App Store:

«Gettr ist ein unvoreingenommenes soziales Netzwerk für Menschen auf der ganzen Welt. Gettr versucht das Beste, um den Benutzern die beste Softwarequalität zu bieten und jedem zu erlauben, seine Meinung frei zu äussern.»

Die Realität sieht jedoch anders aus ...

Kaum lanciert, wurde die Plattform gehackt

Wenige Tage nach dem Start konnten Hacker eine fehlerhafte Programmierschnittstelle (API) ausnutzen, um persönliche Daten von Nutzerinnen und Nutzern abzugreifen. Sie erbeuteten die vermeintlich geschützten E-Mail-Adressen und den Standort von Zehntausenden von Betroffenen, wie Reporter des US-Magazins «Vice» am Dienstag berichteten.

Laut dem IT-Sicherheitsexperte Alon Gal fielen den Angreifer auch die Geburtsdaten in die Hände.
Laut dem IT-Sicherheitsexperte Alon Gal fielen den Angreifer auch die Geburtsdaten in die Hände.
screenshot: twitter

Zuvor hatten Unbekannte schon die Gettr-Profile von (angeblich) verifizierten US-Prominenten wie Mike Pompeo, Steve Bannon, Marjorie Taylor-Greene und dem US-Sender Newsmax kompromittiert, berichtete Business Insider.

So zeigte unter anderem das Profil des ehemaligen US-Aussenministers die Botschaft eines @JubaBaghdad: «free palestine» – befreit Palästina. Man habe die Sache binnen Minuten behoben, behauptete später der Gettr-Chef.

Tatsächlich wurde die neue Plattform zum Start von allerlei pornografischen Darstellungen, sogenannten Shitposts, und wirren Botschaften geflutet, berichteten US-Medien.

Im Hintergrund agiert ein Milliardär und Freund von Steve Bannon

Der ehemalige Trump-Wahlkampfsprecher Tim Murtaugh ist als Berater an der App beteiligt, wie Politico berichtete.

Gettr sei eines der profiliertesten Projekte in einem grösseren Ökosystem von Pro-MAGA-Technologien und Social-Media-Plattformen, die im rechten Lager aufgeblüht seien.

Der Hauptsitz der App befinde sich in New York.

Zwar richte sich die App an die berüchtigte anti-chinesische Trump-Sphäre, konstatiert Tech Crunch. Doch habe Gettr offenbar vom im Exil lebenden chinesischen Milliardär Guo Wengui eine frühe Finanzspritze erhalten.

Miles Guo gehört zu den Gettr-Investoren.
Miles Guo gehört zu den Gettr-Investoren.
screenshot: watson

Bei diesem Geldgeber handle es sich um einen Verbündeten des ehemaligen Trump-Beraters Steve Bannon. Anfang 2021 machte die «Washington Post» publik, dass Guo im Zentrum eines massiven Desinformations-Netzwerks steht. Darüber seien massenhaft Anti-Impf-Behauptungen und QAnon-Verschwörungserzählungen verbreitet worden.

Ein Teil des anfänglichen Startkapitals stamme von Guos Familienstiftung, bestätigte der Gettr-Geschäftsführer Jason Miller. Guo, der auch unter dem Namen Miles Kwok bekannt ist, sei kein Direktinvestor von Gettr und habe weder einen Sitz im Vorstand noch eine andere formelle Funktion.

Das Unternehmen wird laut Gettr-Chef von einem «Konsortium internationaler Investoren» unterstützt. Er lehnte es jedoch ab, sie über die Guo-Stiftung hinaus zu benennen.

PS: Als die US-amerikanischen Ermittlungsbehörden Bannon im August 2020 wegen Betrugsvorwürfen festnehmen wollten, fanden sie ihn auf einer Luxusyacht von Guo.

Gettr ist ein Tummelplatz für Populisten

Hier soll es sich um das verifizierte Profil des umstrittenen brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro handeln. Gegen den notorischen Corona-Verharmloser wird wegen Korruptionsverdachts und weiterer Delikte ermittelt.
Hier soll es sich um das verifizierte Profil des umstrittenen brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro handeln. Gegen den notorischen Corona-Verharmloser wird wegen Korruptionsverdachts und weiterer Delikte ermittelt.
bild: watson

Und noch ein bekanntes Gesicht ...

Dass es sich um das Profil der französischen Politikerin der rechtsextremen Partei Rassemblement National handelt, ist fraglich. Es fehlt ein Verifizierungssymbol und auch die kleine Follower-Zahl spricht dagegen.
Dass es sich um das Profil der französischen Politikerin der rechtsextremen Partei Rassemblement National handelt, ist fraglich. Es fehlt ein Verifizierungssymbol und auch die kleine Follower-Zahl spricht dagegen.
bild: watson

Möglich, dass für Marine Le Pen ein Konto angelegt wurde, das sie noch nicht selber in Betrieb genommen hat. Der Benutzername entspricht jedenfalls nicht ihrem (verifizierten) Twitter-Handle. Sie twittert unter @MLP_officiel.

Der echte Trump lässt auf sich warten

Bei Gettr finden sich gleich mehrere Profile, die angeblich vom früheren US-Präsidenten Donald Trump stammen. Besonders dreist: Ein «Donald J. Trump» führt einen schwarzen Haken im Profilnamen, um Authentizität zu suggerieren.

Ein Haken soll signalisieren, dass es sich um einen verifizierten Account handelt, das ist aber irreführend. Auf der Plattform existieren unzählige Fake-Profile. @presDonaldTrump hat immerhin über 80'000 Follower.
Ein Haken soll signalisieren, dass es sich um einen verifizierten Account handelt, das ist aber irreführend. Auf der Plattform existieren unzählige Fake-Profile. @presDonaldTrump hat immerhin über 80'000 Follower.
Bild: watson

Gemäss einem Bericht des Journalisten Aaron Mak ist der Profilname @realDonaldTrump, also der frühere offizielle Twitter-Handle des Ex-Präsidenten, bei Gettr reserviert.

screenshot: slate.com

Dass der echte Trump überhaupt bei Gettr an Bord geht, ist gemäss einer US-Journalistin zu bezweifeln. Die Bloomberg-Reporterin Jennifer Jacobs twitterte am 1. Juli, Trump werde sich nicht an der neuen Social-Media-Plattform beteiligen. Ihr sei gesagt worden, es gebe keine finanzielle Beteiligung. Offenbar verfolge der Ex-Präsident noch immer Pläne für eine eigene Plattform. Was genau, sei unklar.

Laut Ankündigung vom Mittwoch will Trump seine früheren Social-Media-Kanäle wieder nutzen. Er klage vor einem Gericht in Florida gegen Twitter, Facebook und Google. Wobei er an der gleichen Pressekonferenz auch behauptete, er wisse noch nicht, ob er die Dienste wieder nutzen würde.

Quellen

Arnold Schwarzenegger über Trump:

Video: watson/een
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

21 Tweets, die deine Laune auf ein ganz neues Level heben werden

1 / 23
21 Tweets, die deine Laune auf ein ganz neues Level heben werden
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

«Zurück in die Gesellschaft» – Ein Horrorfilm über das Leben nach Corona

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Nach Facebook-Hetze gegen Merkel: 40-jähriger Corona-Schwurbler verurteilt

Der gelernte Gärtner war Mitglied einer geschlossenen, etwa 5000 Mitglieder umfassenden Facebook-Gruppe, in der auch zu Gewalt gegen «Asylanten und Migranten» aufgerufen wurde.

Ein Berliner Facebook-Nutzer ist nach Hetze gegen die deutsche Kanzlerin Angela Merkel zu acht Monaten Haft auf Bewährung verurteilt worden.

Der 40-Jährige habe sich der öffentlichen Aufforderung zu Straftaten, der Störung des öffentlichen Friedens durch Androhung von Straftaten sowie der Volksverhetzung schuldig gemacht, begründete das Amtsgericht Berlin-Tiergarten am Donnerstag. Der Angeklagte hatte zuvor gestanden und erklärt, er habe sich «übelst über die Corona-Massnahmen …

Artikel lesen
Link zum Artikel