Was hinter den jüngsten Verhaftungen in Russland steckt
Fast zwei Jahre sind vergangen, seit Wladimir Putin Sergej Schoigu seines Amtes enthoben hat. Zwölf Jahre lang war er Verteidigungsminister und galt eigentlich als unersetzlich. Der russische Präsident feierte seinen Geburtstag mehrfach gemeinsam mit Schoigu und zog sich mit ihm regelmässig in die sibirische Taiga zurück. Als Putin 67 Jahre alt wurde, fuhr er zusammen mit Schoigu mit einem Buggy entlang des Flusses Jenissei. Sie sammelten Pilze, bewunderten Zedernzapfen und schnappten frische Luft.
Seitdem hat sich viel verändert: Schoigu, der nach seinem Rücktritt das formelle Amt des Sekretärs des Sicherheitsrates übernahm, sieht zu, wie ein enger Vertrauter nach dem anderen wegen Korruptionsvorwürfen eingesperrt wird.
Kürzlich wurde der ehemalige erste Stellvertreter von Schoigu, Ruslan Tsalikow, wegen der Gründung einer kriminellen Vereinigung und Bestechung verhaftet. Sein ehemaliger Stellvertreter Timur Ivanov, der wegen Korruption zu 13 Jahren Haft verurteilt wurde, versucht derzeit, als Freiwilliger in den Krieg in der Ukraine zu ziehen.
Dies wird ihm jedoch verweigert. Ein weiterer ehemaliger Stellvertreter von Schoigu, Pawel Popow, ebenfalls Angeklagter in einem Korruptionsverfahren, wartet in der berüchtigten Haftanstalt «Lefortowo» auf sein Urteil.
Schoigu fühlt sich in seinem Amt als Sekretär des Sicherheitsrates nicht wohl. Die Aufgaben, die er zu erfüllen hat, hält er für zweitrangig und erniedrigend. Im Laufe des Jahres 2025 flog Schoigu mehrmals nach Pjöngjang, um sich mit Diktator Kim Jong-un zu treffen.
Der nächste Kandidat für den in letzter Zeit auffallend häufig vergebenen Status eines Angeklagten in einem Korruptionsverfahren im Verteidigungsministerium könnte nach Tsalikow ausgerechnet Schoigu selbst sein. Darüber berichten unter anderem zahlreiche Telegram-Kanäle, die sich auf Informationsleaks aus den Sicherheitsbehörden spezialisiert haben.
Niemand ist mehr unantastbar
Hinter dieser Säuberungswelle könnte eine tiefe Angst Putins stecken. Im Kreml fürchtet man angeblich einen möglichen Umsturzversuch durch den Clan um Schoigu und ergreift deshalb präventive Massnahmen sowie Überprüfungen auf Illoyalität in militärischen Kreisen.
Der Telegram-Kanal «WTSchK-OGPU» weist darauf hin, dass es unter merkwürdigen Umständen nach der Verhaftung von Tsalikow in Moskau zu einem grossflächigen Ausfall des mobilen Internets kam. Betroffen waren das Hauptgebäude des FSB an der Lubjanka, die Präsidialverwaltung, der Sicherheitsrat, das Geschäftsviertel Moskwa-City sowie mehrere Einheiten des Verteidigungsministeriums.
Hat Wladimir Putin Grund, den Mann, mit dem er vor einigen Jahren angeln war, als Verräter zu betrachten? Der Telegram-Kanal «Moskauer Wäscherei» mit mehr als 600'000 Abonnenten meint: ja. «Zweifellos wurde die Verhaftung von Tsalikow persönlich mit Wladimir Putin abgestimmt», heisst es dort. Und weiter: «Wenn der FSB über Tsalikow an Schoigu herankommt, dann handelt es sich um eine tektonische Verschiebung in den Beziehungen zwischen Wladimir Putin und seinem engsten Umfeld, zu dem auch Schoigu gehört.»
Im Zusammenhang mit Schoigu könne man davon ausgehen, dass Wladimir Putin durch die Verhaftung von Nicolás Maduro in Venezuela und die Ermordung des iranischen Revolutionsführers Ali Khamenei stark beeinflusst wurde, heisst es in dem vielbeachteten Telegram-Kanal weiter. Zu seiner Zeit habe «das traurige Schicksal Gaddafis einen enormen Einfluss auf ihn» gehabt. Wenn Schoigu vor Gericht gestellt werde, sei das eine Botschaft an sein Umfeld: «Es gibt keine Unantastbaren mehr», schreibt der Kanal.
Ein Aufstand des Militärs ist eine der grössten Ängste des Kreml-Chefs. Jewgeni Prigoschins gescheiterter Marsch auf Moskau im Sommer 2023 liess diese bereits sehr real werden. Daher kommt die Paranoia des Kremls nicht überraschend.
Die Strafverfahren gegen die Generäle haben unter anderem den einst beim Volk beliebten Schoigu von den Russen entfremdet. Ihm die Unterstützung des Volkes zu entziehen, wird ebenfalls als Strategie des Kremls interpretiert. Die Gerüchte, dass Schoigu eine Verschwörung vorbereitet habe, dürften sich aber erst bestätigen, wenn er eines Tages zusammen mit seinen ehemaligen untergebenen Generälen auf der Anklagebank sitzt. (aargauerzeitung.ch)
