Freunde von Christian Ulmen distanzieren sich – die Reaktionen zum Fall Fernandes
Collien Fernandes erhob vergangenen Donnerstag schwere Vorwürfe gegen ihren Ex-Mann Christian Ulmen. Er soll über Jahre hinweg falsche Profile erstellt und Deepfake-Fotos und -Videos von ihr veröffentlicht haben. Aus ihrer eidesstattlichen Erklärung geht auch hervor, dass er gegenüber Hunderten von Männern im Netz ihre Identität angenommen und diesen Männern in ihrem Namen sexuelle Avancen gemacht haben soll. Fernandes sprach unter anderem von «digitaler Vergewaltigung».
Inzwischen haben sich einige enge Freunde sowie Kolleginnen und Kollegen von Ulmen distanziert. Am Sonntag fand ausserdem eine Demonstration in Berlin statt, um Solidarisierung mit Fernandes und anderen Frauen, die von digitaler Gewalt betroffen sind, zum Ausdruck zu bringen.
Ein Überblick über die Reaktionen zum Fall Collien Fernandes:
Fahri Yardim äussert sich nach «Zögern»
Am Sonntagabend meldete sich Fahri Yardim mit einem langen Instagram-Post erstmals öffentlich nach den Vorwürfen gegen seinen Schauspielkollegen und engen Freund Christian Ulmen zu Wort. Die beiden produzierten unter anderem gemeinsam die Serie «Jerks».
Yardim schreibt, er sei «genauso geschockt wie viele andere» und bewundere den Mut von Collien Fernandes. Er betont seine Solidarität:
Gleichzeitig legt Yardim dar, warum er sich mit einem öffentlichen Statement Zeit liess: «Ich konnte nicht anders. Ich brauchte Zeit. Aus der besonderen Situation heraus, auf zwei Ebenen berührt zu sein.» Diese zwei Ebenen – eine öffentliche und eine persönliche – stünden für ihn «nicht in Konkurrenz», existierten jedoch gleichzeitig und liessen sich nicht ohne Weiteres in eine eindeutige Position übersetzen.
Dennoch räumt Yardim ein, dass sein Zögern Konsequenzen habe:
Er verweist zudem auf strukturelle Muster: «Ich weiss auch, dass Zögern in solchen Konstellationen historisch und strukturell oft dazu beigetragen hat, dass Betroffenen nicht geglaubt oder ihnen nicht ausreichend Schutz gewährt wurde.»
Am Ende zieht Yardim ein nüchternes Fazit seiner eigenen Haltung: «Ich sehe klarer, dass mein Zögern – und das Ausbleiben einer rechtzeitigen Position – selbst bereits eine Position ist. Mit realen Folgen.» Er wolle sich diesen Folgen «nicht nur gedanklich, sondern auch praktisch» stellen.
Anlaufstellen für Opfer von sexueller Gewalt
Stuckrad-Barre beendet Freundschaft öffentlich
Auch der Autor Benjamin von Stuckrad-Barre äusserte sich öffentlich zu Fernandes' Vorwürfen, die er als «fürchterlich» beschreibt. Er macht deutlich, dass er sich klar von seinem «Freund Christian» distanziere. Er befinde sich «in einer Art Schockzustand und noch immer weit davon entfernt, das alles zu begreifen».
Er kenne Ulmen seit fast 30 Jahren, sie verbinde eine enge Freundschaft. Collien Fernandes' Schilderungen seien für ihn auf mehreren Ebenen eine immense Erschütterung. Er könne das Ulmen «vorgeworfene entwürdigende Verhalten zwar überhaupt nicht zusammenbringen», müsse das aber jetzt tun.
Männer müssten sich den Satz «Das kann ich mir nicht vorstellen» abgewöhnen. Weiter schreibt er:
Es ist an niemandem sonst als an uns Männern, festzustellen, anzuerkennen und zu verurteilen, dass die allermeisten Gewalttaten gegenüber Frauen innerhalb von Beziehungen stattfinden. Und dass die Täter eben nicht nur irgendwelche düsteren Gestalten aus Statistiken sind, sondern dass darunter auch Menschen sind, die wir bewundern oder lieben.»
Männer hätten die Aufgabe, Gewalt zu verhindern und keine Täter zu schützen. Er wollte nun damit öffentlich anfangen – «gerade weil Christian mein Freund war, bis zum vergangenen Donnerstag».
Weitere Kollegen zeigen sich solidarisch
Zahlreiche weitere Kolleginnen und Kollegen aus der Branche zeigten sich nach der Veröffentlichung der Vorwürfe solidarisch mit Collien Fernandes, darunter Schauspieler Kostja Ullmann, Moderatorin Palina Rojinski oder Comedian Michael Mittermeier. Moderator Joko Winterscheidt schrieb auf Instagram an Fernandes gerichtet:
Die beiden Schauspielerinnen Pheline Roggan und Emily Cox, die in «Jerks» mitspielten, solidarisierten sich ebenfalls mit Fernandes. «Ich bewundere dich dafür, dass du den Mut und die Kraft hast, damit an die Öffentlichkeit zu gehen, damit die Scham endlich die Seiten wechselt», schreibt Roggan auf Instagram.
Die Produktionsfirma Pyjama Pictures, die die Serie «Jerks» ab der vierten Staffel produziert hat, zeigte sich schockiert über die Vorwürfe. Das berichtet der «Spiegel». Man sei zum Schutz der Firma mit dem Mitbegründer Christian Ulmen im Gespräch darüber, ob er seine Gesellschafteranteile zurückgebe – trotz der geltenden Unschuldsvermutung.
Demo am Brandenburger Tor
In Berlin haben am Sonntag mehrere tausend Menschen an der Demonstration «Gegen sexualisierte digitale Gewalt – Solidarität mit allen Opfern» teilgenommen. Sie versammelten sich am Nachmittag am Brandenburger Tor. Die Polizei sprach von 6700 Teilnehmerinnen und Teilnehmern, die Veranstalter von 13'000 Menschen.
Unter den überwiegend jungen Demonstrantinnen und Demonstranten waren auch bekannte deutsche Politikerinnen wie Saskia Esken (SPD), Ricarda Lang, Lisa Paus und Katrin Göring-Eckardt (alle Grüne).
Collien Fernandes nahm selbst nicht teil, liess aber ein Statement verlesen. «Ich freue mich über jeden, der für dieses wichtige Thema auf die Strasse geht», hiess es darin. Sexualisierte und digitale Gewalt seien weiter verbreitet, als man ahne. «Aktuell gibt es jedoch massive gesetzliche Schutzlücken.»
Fernandes kritisierte auch den Staat: Er komme seiner Verantwortung nicht nach – weder beim Persönlichkeitsrecht noch beim Recht auf sexuelle Selbstbestimmung. «Das muss sich ändern. Wir dürfen die Täter nicht mehr davonkommen lassen.»
Klimaaktivistin Luisa Neubauer ebenfalls betroffen
Klimaaktivistin Luisa Neubauer enthüllte an der Demonstration in Berlin, dass sie selbst betroffen sei. Sie brauche seit fünf Jahren Personenschutz der Polizei, wenn sie zu Demonstrationen gehe, aufgrund von Bedrohungen durch Männer. Das LKA melde sich regelmässig bei ihr, weil es Stalker von ihr gebe – real und im Internet.
Eine Hilfsorganisation habe ihr berichtet, dass das Internet voll sei mit sexualisierten Fake-Bildern von ihr. Erstellt offenbar von Männern, die Gewaltfantasien hätten, die eine Sucht hätten nach Kontrolle und Abwertung von Frauen. «Solange diese Gewalt herrscht, kämpfen wir für Gesetze, die die Täter nicht länger schützen, sondern die Opfer.»
Frühere Gesetzesvorlage als geplant
Die deutsche Bundesjustizministerin Stefanie Hubig hat aufgrund der aktuellen Entwicklungen angekündigt, ihr geplantes Gesetz zum besseren Schutz der Frauen vor digitaler Gewalt früher vorzulegen, als sie es zunächst geplant hatte. Die Gesetzesvorlage soll demnach bereits in dieser Woche erfolgen.
Damit reagiert sie auch auf Druck von den Grünen in Deutschland. «Wir Frauen sind die warmen Worte der Bundesjustizministerin leid», sagte etwa Lena Gumnior, Obfrau der Grünen im Rechtsausschuss des Bundestags, gegenüber dem «Spiegel». Hubig kündige bereits seit einem Jahr Reformen an. «Der Fall Ulmen muss das jetzt ändern. Nicht irgendwann, mit langen Aktionsplänen, auf die nichts folgt, sondern mit einem Gesetzentwurf in der nächsten Sitzungswoche.»
Christian Ulmen schweigt – Anwalt geht gegen «Spiegel» vor
Christian Ulmen selbst schweigt weiterhin zu den Vorwürfen. Es gilt die Unschuldsvermutung.
Medienanwalt Christian Schertz will für Ulmen rechtlich gegen den «Spiegel» vorgehen. Das Magazin hatte zuerst über die Vorwürfe von Collien Fernandes berichtet. Schertz bezeichnet die Berichterstattung als «aus mehreren Gründen rechtswidrig». Es handle sich um eine «unzulässige Verdachtsberichterstattung» sowie um die Verbreitung «unwahrer Tatsachen aufgrund einer einseitigen Schilderung». Es gilt die Unschuldsvermutung.
Der Anwalt kündigte an, gegen die Veröffentlichung vorzugehen. Weitere Details zu möglichen rechtlichen Schritten nannte er zunächst nicht.
(mit Material von T-Online)
