Digital
Künstliche Intelligenz

Wie künstliche Intelligenz Filme und Lieder schreiben kann

Wie künstliche Intelligenz die Musik- und Film-Welt in Aufruhr versetzt

Täglich werden Tausende Songs auf Spotify geladen, die eine künstliche Intelligenz komponiert hat. Die Kulturindustrie steht vor ihrer grössten Herausforderung seit dem Aufkommen der Internet-Tauschbörsen.
20.05.2023, 16:4820.05.2023, 18:17
Raffael Schuppisser und Adrian Lobe / ch media
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In Hollywood geistert das Schreckgespenst der Robokalypse. Die Angst ist diesmal keine Fiktion, die auf die Leinwand projiziert wird, sondern sehr real: Drehbuchautoren fürchten, dass sie ihre Jobs an Sprachroboter verlieren, wenn künftig Skripte von einer künstlichen Intelligenz (KI) geschrieben werden. Vor wenigen Tagen traten 11'000 Mitglieder der Writers Guild of America in den Streik – zum ersten Mal seit 15 Jahren. Die Gewerkschaft fordert nicht nur eine bessere Bezahlung für Autoren, sondern auch eine Beschränkung von KI bei Kreativprojekten.

Die Sorge ist nicht unbegründet: 2016 kam der Kurzfilm «Sunspring» heraus, dessen Drehbuch eine KI verfasst hat. Das Projekt wurde seinerzeit belächelt, die Kritiken waren nur deshalb wohlwollend, weil der Film experimentellen Charakter hatte, sonst aber ziemlich logikbefreit war. Damals war die Technik noch rudimentär.

Der Kurzfilm «Sunspring»:

Heute gibt es hochleistungsfähige Sprachmodelle wie ChatGPT, mit denen jeder zum Drehbuchautor werden kann.

Wenn George Clooney auch Chinesisch spricht, braucht's keinen Synchronsprecher mehr

Laut einer Studie von Goldman Sachs sind durch sogenannte generative KI, die Texte, Bilder oder andere Inhalte produzieren können, weltweit 300 Millionen Vollzeitarbeitsplätze gefährdet – darunter auch viele der Kreativindustrie. Zwar müssen Drehbuchautoren oder Schriftsteller nicht fürchten, dass ihnen die KI von heute auf morgen die Jobs wegnimmt. Computer werden so schnell keine neue «Bridgerton»-Romanreihe schreiben und auf den Bestsellerlisten stehen.

Doch mit generativer KI ist es möglich, seriell mittelmässige Drehbücher und Romanvorlagen zu schreiben und damit Low-Cost-Produktionen zu realisieren, mit denen Verlagsprogramme oder Streaming-Dienste bestückt werden können. Die Angst vor der maschinellen Billigkonkurrenz hat nun den Aufstand in Hollywood provoziert.

Die KI-Revolution betrifft nicht nur Drehbuchautorinnen, sondern auch Synchronsprecher. Sie dürften zuerst überflüssig werden. Es gibt bereits Stimmgeneratoren, mit denen sich Texte mit der gewünschten Podcaster- oder Autoren-Stimme vertonen lassen; Softwareschmieden bieten ganze Kataloge von KI-Charakteren an, die sich nach dem Baukastenprinzip in vorgefertigte Video-Templates wie Nachrichtensendungen oder Produktpräsentationen einfügen lassen. Der Kunde muss nur ein Skript schreiben, dann wird der Text von einem Avatar in der gewünschten Sprache eingesprochen. Warum Synchronsprecher anstellen, wenn die KI mit dem Timbre von George Clooney auf Deutsch, Italienisch, Japanisch und Chinesisch sprechen kann?

Einer der ersten Kreativschaffenden, der durch KI seinen Job verloren hat, ist Alejandro Graue. Der argentinische Schauspieler und Synchronsprecher arbeitete an verschiedenen Projekten, unter anderem als spanische Stimme für einen Youtube-Kanal mit Millionen Abonnenten.

Als er eines Tages ein Video abrief, musste er zu seinem Entsetzen feststellen, dass die Stimme von einer KI synthetisiert worden war, erzählte er dem Sender «Euronews». Als er die Produktionsfirma kontaktierte, wurde ihm schriftlich mitgeteilt, dass man ihn als Synchronsprecher nicht mehr benötige.

KI heute wie damals Napster: Eine gigantische Herausforderung für die Musikindustrie

Auch die Musikindustrie erlebt eine Disruption. Die «Financial Times» vergleicht die aktuelle Situation mit den 1990er-Jahren, als das Aufkommen von Internet-Tauschbörsen wie Napster den Mark durcheinanderwirbelte und das Geschäftsmodell von Plattenlabels bedrohte. Damals brauchte man nicht mehr als einen Computer mit Internetanschluss, um einen Song herunterzuladen. Heute braucht man nicht mehr als einen Computer mit Internetanschluss, um einen Song zu kreieren und ihn ins Netz hochzuladen.

Es gibt zahlreiche Musikgeneratoren, die Songs nach den Wünschen der Nutzer kreieren: Stimmung, Genre, Beats – das lässt sich alles konfigurieren, wie in einem professionellen Tonstudio. Mit wenigen Klicks können die Songs dann auf Spotify oder einen anderen Streamingdienst gestellt werden.

Ein besonders beliebtes Tool ist Boomy, mit dem bereits 14 Millionen Songs produziert wurden. Der ganze Spotify-Katalog besteht aus 100 Millionen Songs. Täglich kommen Tausende neue dazu. Ob die Mehrzahl davon bereits mithilfe von KI produziert wurde, ist unklar. Denn längst nicht jeder Song wird so rasch entlarvt wie das fantastische Duett von Drake und The Weeknd, das kürzlich für Aufsehen sorgte, doch wegen Urheberrechtsverletzung wieder gelöscht wurde.

Auch hört sich nicht alles so virtuos an wie das DJ-Set von David Guetta, in das der Franzose die unverkennbare Stimme von Rapper Eminem integriert hat – natürlich wurde sie von einer KI generiert. Doch auch Songs ohne Promibonus stösst auf Interesse: So liess der chinesische Streaming-Dienst Tencent Music 1000 Songs von einer KI «einsingen». Massenware von der Stange, die beim Publikum gut ankam: Ein Track wurde mehr als 100 Millionen Mal gestreamt. Studio? Tontechnikerin? Musiker? Kann man sich alles sparen!

Der Nirvana-Song «Drowned in the Sun» – geschrieben und «gesungen» von künstlicher Intelligenz.Video: YouTube/Good Luck Chuck

Grimes will auch mit KI-Songs verdienen

Die KI-Songs auf Spotify und anderen Streamingdiensten konkurrieren die menschlichen Musiker unmittelbar. Denn ihre Verdienste generieren sie vereinfacht gesagt so: Die Einnahme (Abogebühren aller Nutzer und Werbeeinnahmen) werden durch die Anzahl Streams geteilt. Wenn nun plötzlich ein substanzieller Teil an KI-Songs geht, bleibt weniger für die menschlichen Musiker.

Musiklabels schlagen Alarm. Universal versandte allen Streamingplattformen einen Brief mit der Bitte, rigoros gegen KI-Tracks vorzugehen. In den letzten Tagen löschte Spotify tatsächlich Zehntausende von Songs. Allerdings nicht, weil sie von einer KI produziert wurden, sondern weil sie von einer KI gehört wurden. Hersteller von KI-Tracks haben einen Algorithmus eingesetzt, der ihre Songs im Dauerstream abspielte, um mehr Einnahmen zu generieren. Damit ist zumindest klar, wer all die Songs konsumiert, die schneller produziert als zu Ende gehört sind.

Ein legales Geschäftsmodell mit KI-Songs hat sich die kanadische Musikerin Grimes erdacht. Die Ex-Geliebte von Elon Musk, die dafür bekannt ist, dass sie die Zukunft mit offenen Armen willkommen heisst, hat ihre Stimme im Internet allen zur Verfügung gestellt.

FILE - Grimes, left, and Elon Musk attend The Metropolitan Museum of Art's Costume Institute benefit gala in New York on May 7, 2018. The Tesla and SpaceX founder tells the New York Post that he  ...
Grimes (links) mit ihrem ehemaligen Freund Elon Musk. Bild: keystone

Jeder, der will, soll sie für neue Songs nutzen. Die einzige Bedingung: Die Hälfte der Einnahmen gehen an Grimes. Damit stellt sie sicher, dass sie auch dann gut verdient, wenn der beliebteste Grimes-Song dereinst nicht mehr von ihr stammt.

(aargauerzeitung.ch)

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