Eigentlich will ich gar nicht mehr weiterspielen. Nach den ersten Stunden sitze ich ernüchternd da und schüttle meinen Kopf. Mir sind so viele mechanische Stolpersteine und inhaltliche Ungereimtheiten über den Weg gelaufen, dass ich schlicht keine Lust mehr habe. Doch irgendwo tief in meinem Star-Wars-Herz flackert immer noch die Hoffnung, dass das alles doch noch irgendwie gut werden könnte. Also nehme ich den Controller wieder in die Hand und setze meine Reise fort.
Ich bin Kay Vess, eine junge Diebin aus der Casinostadt Canto Bight, die es mit den galaktischen Gesetzen des Imperiums nicht so genau nimmt und sich in der Unterwelt viel wohler fühlt. Kay wartet auf den einen grossen Auftrag, um sich mit reichlich Beute irgendwo zur Ruhe zu setzen. So wird es uns jedenfalls vermittelt, doch wir ahnen schon, dass unter der obercoolen Oberfläche mehr stecken muss, als nur eine simple Halunkin.
Die junge Schurkin ist zwar durchaus eine Einzelgängerin, hat jedoch einen pelzigen Sidekick, der sie stets treu begleitet. Nix darf aber nicht nur gekrault, sondern jederzeit losgeschickt werden, um Dinge zu klauen, Schalter zu drücken, Wachen abzulenken oder auch mal in einen Hals zu beissen. Gemeinsam startet dieses dynamische Duo sein Abenteuer auf dem Planeten Cantonica, wo das eine zum anderen führt.
Bei ihrem jüngsten Auftrag geht einiges schief und Kay findet sich nach der Flucht und einer Notlandung auf einem fremden Planeten mittendrin in einer Welt voller Syndikate und lukrativen Geschäften. Schnell macht sie die Bekanntschaft mit ihr wohlgesinnten Menschen und Aliens, die sie ab sofort mit Aufträgen versorgen und sich ihr anschliessen wollen. Diese braucht sie dringend, wenn sie ihr Schiff reparieren will und weitere Missionen in der weit, weit entfernten Galaxis erledigen möchte.
Und damit das ganze noch mit einer grossen Portion Spannung erzählt werden kann, gibt es im Hintergrund einen Super-Verbrecher-Schurken, der alle Syndikate vernichten und alle Einnahmen für sich haben möchte. Sliro, Anführer des Syndikats Zerek Besh, ist ein typischer Verbrecherboss mit grimmigem, stets genervtem Blick und schlecht sitzendem Umhang. Er will die Macht über alle Verbrechergesellschaften an sich reissen. Crimson Dawn, die Hutten, der Ashiga Clan und die Pykes, sie alle sollen vor ihm niederknien.
Während unseren Aufträgen müssen wir uns stets entscheiden für welche Organisation wir aktuell arbeiten sprich gegen welches Syndikat wir konspirieren. Wie wir uns auch entscheiden, dies hat immer Einfluss auf die Gunst der anderen Organisationen. Nehmen wir beispielsweise einen Auftrag für die Hutten an, verärgert das zuweilen die anderen Parteien. Dies hat Auswirkungen auf den Verlauf der einzelnen Missionen allerdings so gut wie keine auf die Hauptgeschichte, die im Hintergrund erzählt wird.
Unsere Loyalität wirkt sich auch auf den Zugang von Arealen aus. Sind wir zum Beispiel mit Crimson Dawn ziemlich beste Freunde, können wir uns auf ihrem Territorium auch freier bewegen. Im Gegensatz müssen wir uns bei den anderen Syndikaten hineinschleichen, wenn unser Ruf dort nicht gerade prickelnd ist.
Bei den jeweiligen Missionen, wo man meistens ein Areal still und leise infiltrieren muss, um einen Gegenstand zu holen, der dann an einem anderen Ort verwendet werden kann, ist der Ablauf fast immer derselbe: Kay wird hinter Kisten oder Wänden dirigiert, wo sie darauf wartet, dass die Wachen vorbeiziehen. Sie kann zwar diese auch leise ausschalten, doch riskiert sie damit eine Entdeckung plus Verbannung aus dem Areal. Ab und zu darf sie klettern, einen Greifhaken verwenden und alternative Wege einschlagen. Immer wieder müssen Türschlösser geknackt und kleinere Display-Rätsel gelöst werden, um weiterzukommen.
Selbstverständlich darf auch mal geballert werden. Gerade bei den Actionabschnitten kommt endlich beste Star-Wars-Stimmung auf. Passende Soundeffekte und ordentliches Trefferfeedback ziehen uns wunderschön hinein. Kay kann im Verlaufe des Spiels ihren Blaster aufmotzen und auch mal fremde Waffen auflesen und diese für einen bestimmten Zeitraum benutzen. Ab und zu darf sie sogar Adrenalinschüsse abgeben. Dabei friert die Zeit ein und ihr könnt in bester Western-Manier ein paar Gegner auf einmal weghauen.
Kay trifft während ihrer Verbrecherkarriere nicht nur auf imperiale Truppen, Rebellen und andere bekannte Figuren aus der Originaltrilogie, sondern auch auf fiese Kopfgeldjäger, halbsympathische Waffenschmuggler und auch mal auf einen Kampfdroiden aus den Klonkriegen mit dem sie eine spezielle Verbindung eingehen darf. Wird nach dem Spielende zurückgeblickt, gibt es doch eine beachtliche Anzahl an Figuren, die uns über den Weg gelaufen und in der Erinnerung geblieben sind.
Bei der Anzahl an Planeten sieht es dann aber nicht mehr so üppig aus. Doch auch wenn es nur fünf sind, die wir besuchen können, kommen sie glücklicherweise sehr unterschiedlich daher. Während wir auf dem Eisplaneten Kijimi mit Kälte konfrontiert werden, wartet auf Tatooine die sengende Hitze. Nebenmissionen und witzige Minispiele lockern stets zusätzlich auf und lenken uns gekonnt ab.
Apropos Tatooine: Dieser Aufenthalt und das Erkunden via Speeder-Bike gehört zu den Highlights im Spiel. Alleine dafür lohnen sich die zähen ersten Spielstunden. Es gibt eine Fülle von wirklich guten und wunderschönen Seitenhieben und Eastereggs, die den Star Wars-Fan glücklich machen.
Die grafische Pracht in «Outlaws» pendelt zwischen zufriedenstellend bis zweckentsprechend. Es gibt Areale oder Welten, die mit ihrer Flora und Fauna überzeugen und begeistern. Dann wiederum Abschnitte, wo schnell bemerkbar wird, dass hier ein simples Computerprogramm die Areale nach Zufallsprinzip gefüllt hat und uns eine Welt aus dem Reagenzglas präsentiert.
Stocksteife Animationen wechseln sich mit geschmeidigen Bewegungen und Gesichtsanimationen ab. Begeisterung und Nüchternheit geben sich die Hand. Technische Probleme wie etwa in der Luft hängende Charaktere und stockende Objekte treten zwar nicht übermässig auf, sind aber ein Anzeichen dafür, dass eine innige Feinpolitur vernachlässigt wurde.
«Star Wars Outlaws» von Ubisoft ist ein Videospiel der Kompromisse und der einfachen Mixtur aus unzähligen Genre-Kollegen. Wenn wir klettern, durch Gassen schleichen oder endlich mal herumballern dürfen, erinnert uns das sofort an andere Action-Adventures, die wir schon zu Genüge gespielt haben.
Böse kann man dem Spiel dabei nicht wirklich sein, aber die simple Kopie von anderen Titeln liegt auf der Hand und somit dürfen wir keine nennenswerten Gameplay-Revolutionen erwarten. Wir bekommen schlicht das, was die Genre-Familie seit Jahrzehnten bietet und für Unterhaltung sorgt. Das ist okey, aber ein bisschen mehr Innovation und Experimente wären schön gewesen.
«Outlaws» hat einen unglaublich zähen Einstieg. Kay bleibt über viele Stunden blass und langweilig. Ihre Charakterentwicklung wirft Fragezeichen auf und wir können uns nicht so wirklich mit ihr und ihrer Motivation anfreunden. Sie möchte sympathisch sein, schafft aber in den ersten Spielstunden nur eine gewisse Abneigung und will zu sehr in die Rolle einer übercoolen Solo-Schurkin gedrückt werden. Immerhin löst sich der Knoten nach einer bestimmten Zeit und wir werden endlich etwas wärmer mit ihr. Eine Kultfigur für die Ewigkeit ist sie jedoch auch nach ca. 20 Stunden Spielzeit nicht geworden.
Auch die Hauptgeschichte will lange Zeit nicht zünden. Wir verstehen zwar wo es hingehen soll und warum wir tun müssen, was von uns verlangt wird. Aber auch hier fehlt uns die Tiefe und wir werden mit Missions-Einerlei zugeschüttet, die Originalität vermissen lässt. Immerhin dürfen wir alte bekannte Schauplätze besuchen und diverse Fan-Momente erleben, doch am Gesamtbild bleibt ein unspektakuläres Siegel haften.
Obwohl wir uns zwischen Episode 5 und 6 der Originaltrilogie aufhalten, will hier das alte Star Wars-Flair nicht immer zünden. Die Ambitionen sind zwar spürbar, doch das Spiel stolpert immer wieder über den Aufgabeneinheitsbrei. Auch die kurzen, sehr aufgesetzten Weltraumschlachten lassen uns ratlos zurück und haben keine besondere Nennung verdient.
Fazit: Als alter Star-Wars-Fan, der mit der Originaltrilogie aufgewachsen ist und den Krieg der Sterne seit Jahrzehnten multimedial verfolgt, waren meine Erwartungen hoch. Alleine dass «Outlaws» zwischen «Das Imperium schlägt zurück» und «Die Rückkehr der Jedi-Ritter» angesiedelt ist, sorgte bei mir schon bei der Ankündigung für innere Jubelschreie.
Die ersten Spielstunden waren für mich jedoch eine Qual. Unsympathische Figuren aus dem Reagenzglas, seichte Geschichte und eine uninspirierte Spielmechanik zogen meine Motivation immer tiefer nach unten und das Weiterspielen wurde zum Krampf. Doch das anfängliche Durchseuchen hat sich dann überraschenderweise trotzdem gelohnt. Auch wenn «Outlaws» seine Startschwierigkeiten hat, kehrt der Spielspass zurück.
Figuren und Geschichte bleiben aber vorwiegend kalt. Es ist hauptsächlich das freie Erkunden auf den neuen und altbekannten Planeten, die dafür sorgen, dass das Star Wars-Flair zurückkommt und mich selig stimmt. Der Weg dorthin ist aber hart und braucht viel Hoffnung und Geduld.
«Star Wars Outlaws» ist erhältlich für Playstation 5, Xbox Series X/S und PC. Freigegeben ab 12 Jahren.