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A GameStop sign is seen above a store, Thursday, Jan. 28, 2021, in Urbandale, Iowa.  The online trading platform Robinhood is moving to restrict trading in GameStop and other stocks that have soared recently due to rabid buying by smaller investors. GameStop stock has rocketed from below $20 to around $350 this month as a volunteer army of investors on social media challenged big institutions who has placed market bets that the stock would fall.  (AP Photo/Charlie Neibergall)

Den Kampf um die Game-Stop-Aktie wird in die Geschichtsbücher eingehen. Bild: keystone

Kommentar

Wallstreetbets wird zum Opfer seines Erfolges – Hobbytrader aufgepasst



Durch den Widerstand seiner Mitglieder gegen den Wall-Street-Giganten Melvin Capital wurde das Reddit-Forum Wallstreetbets über Nacht berühmt – und zu einem gefürchteten Player an den Finanzmärkten. Es wuchs innerhalb von wenigen Wochen von weniger als zwei auf fast acht Millionen registrierte Mitglieder an. Ein Erfolg, der allerdings auch seine Probleme mit sich bringt.

Wallstreetbets war nie eine homogene Gruppe – so wie das gerne von einigen Medien dargestellt wird. Und schon gar keine politische Gruppierung. Es ist ein Forum, in dem Privatanleger jeder Couleur ihre Trades kommentieren. Hohe Gewinne werden genauso gefeiert wie extreme Verluste. Damit ein Beitrag im Forum verbleiben darf, muss bei Geschäften mindestens ein Verlust (oder Gewinn) von 10'000 Dollar ausgewiesen werden. Es geht um «skin in the game». Wie viel Geld man tatsächlich verjubelt / gewinnt. Je verwegener, desto besser. Wallstreetbets ist ein Poserforum. Und das ist gar nicht mal böse gemeint.

Das Homogenste an Wallstreetbets war bis jetzt die Kommunikationsform: ironisch, fatalistisch, je höher der Gewinn/Verlust, desto billiger das Meme. Yolo-Kultur mit all ihren positiven wie negativen Facetten. Doch dem theatralisch zelebrierten Dilettantismus hing stets der Hauch einer gewissen Professionalisierung an. Wallstreetbets ist das Forum, in dem man den spektakulären Verlust von 100'000 Dollar mit einem Meme abfeiert, aber verschweigt, dass es sich dabei nur um einen Posten einer ausgeklügelten Risikostrategie handelt, mit der man sich immer noch in der Gewinnzone befindet. Und wenn eingestandene Wallstreetbetter zum Kauf von GameStop animieren – und dabei selbst partizipieren –, dann ist das ebenfalls kalkulierter, als dies die Memes einen glauben machen wollen. Um diese Signale aber richtig zu interpretieren, braucht es eine gewisse Erfahrung.

Das Interview auf Bajour.ch mit einem Basler Privatinvestor zeigt es perfekt: Auch er stieg in den Hype ein, machte grosse Gewinne, zog dann aber sein Investment wieder zurück. Den Rest hält er nun: «A fonds perdu, so quasi. Und aus Prinzip.» Nichts verloren, dafür aber etwas für die Revolution getan. Kalkulation at its best.

Diese Erfahrung fehlt gewissen neuen Usern. Sie wissen die Signale noch nicht korrekt zu lesen. GameStop-Aktien zu kaufen ist Hochrisikospekulation. Vielleicht steigt der Preis noch, kann sein – dass er danach aber zusammenfällt wie ein Soufflé, wenn man den Backofen zu früh öffnet, ist absolut sicher. Wie immer in solchen Fällen werden ein paar wenige damit Geld verdienen, das Gros wird aber verlieren. Das ist auch okay – wenn man sich der Risiken bewusst ist. Doch die Befürchtung ist gross, dass der Hype der letzten Tage auch weniger informierte Trader und Neulinge angezogen hat, die weder von Risikokalkulation noch von Instrumenten wie Trailing Stop Loss jemals etwas gehört haben. Diese Trader werden nun zum Schafott geführt.

Und es lauert eine weitere Gefahr: Der Erfolg von Wallstreetbets mit GameStop (und AMC) provoziert Nachahmer. Twitter ist voll mit Empfehlungen, welches Asset das neue «GameStop» wird. Am Wochenende wurde die nutzlose Spasskryptowährung Doge zuerst in die Höhe gejubelt, danach wieder ausgeblutet. Pump & Dump nennt sich dieses Vorgehen. Und wie oben beschrieben, bereichern sich damit ein paar wenige. Das Gros macht retour. Und im Fall von Doge fand nicht einmal ein idealistischer Kampf gegen einen bösen Hedge Fonds statt. Es war reine Abzocke.

Auch die Halter von Ripple (XRP) versuchten, neue Investitionsopfer anzulocken. Die amerikanische Börsenaufsicht hat vor Wochen gegen die einstige Nr. Zwei im Kryptomarkt Klage eingereicht. Die grössten Börsen haben den Handel damit eingestellt. Nun wittern die verzweifelten Ripple-Anleger doch noch eine Chance, ihre Verluste ein paar Glücksrittern abzutreten.

Aktuell versuchen findige Spekulanten, einen Hype um Silber zu lancieren. Der entsprechende Hashtag dazu trendet in Deutschland bereits. Die Chancen stehen gut, dass auch hier orientierungslose Neulinge abgezockt werden. GameStop hat eine Welle losgetreten.

Bild

Eintrag auf Wallstreetbets: In diesem Fall wird hinter dem Silber-Hype eine Falle vermutet: «Fallt nicht darauf hinein», heisst es im Titel. Es besteht die Angst, dass GameStop-Anleger zum Silber gelockt werden sollen – damit der GameStop-Kurs wieder fällt. bild: screenshot: reddit/r/wallstreetbets.

Derweil veranstalten die neuen Mitglieder auf Wallstreetbets eine Stampede, die derart viel Staub aufwirbelt, dass es immer schwieriger wird, den Durchblick zu behalten. Hier ist der neuste Trend! Nein da! Dort drüben! Bleibt bei GameStop! Halt's Maul! Allesanfängeraussermutti.

Auch der Charakter des Forums leidet. Jeder, der einmal in einem schnellwachsenden Betrieb gearbeitet hat, weiss, dass eine der Hauptherausforderungen darin besteht, den originalen Spirit beizubehalten. Das Verhältnis von neuen zu alten Mitgliedern bei Wallstreetbets beträgt im Moment 3:1 – das wird nachhaltige Auswirkungen auf die Kultur im Forum haben. Im Moment aber herrscht einfach nur Durcheinander.

Lange Rede, kurzer Sinn: Verspekuliere nur immer so viel, wie du von heute auf morgen verlieren kannst, ohne dass du danach eine schlaflose Nacht hast.

Und mach's wie der Basler Investor.

Das ist keine Finanzberatung. GameStop hat heute bisher 18 Prozent verloren (Stand: 16:04 Uhr).

Vermisst du Ausgang und Clubben? Versuch es mit diesen Auto-Tänzen!

Video: watson/Knackeboul, Madeleine Sigrist, Emily Engkent

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