Gesellschaft & Politik
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Kuenstler Jan Morgenthaler verfolgt den Aufbau der Kunstinstallation

Künstler Jan Morgenthaler kommentiert den Aufbau des umstrittenen Hafenkrans am Zürcher Limmatquai.  Bild: KEYSTONE

Interview mit Jan Morgenthaler

«Ich sage Ihnen, das Horn wird noch komplett unterschätzt»

Jan Morgenthaler von Zürich Transit Maritim beobachtet und kommentiert die Ausgrabungsarbeiten seines Hafenkrans. Ein Gespräch über nautischen Segen, die Wirkung eines 90-Hertz-Tons und Geld.

Herr Morgenthaler, endlich wird Ihr Hafenkran aufgebaut, die Arbeiter sind ein wenig grob. Haben Sie keine Angst, dass etwas kaputt geht? 
Nein, das sind alles absolute Profis, die machen ihr Leben lang nichts anderes als Hafenkräne aufstellen. Es ist wichtig, dass nach so langer Zeit der Ausgrabung nur absolute Könner am Werk sind.

Ausgrabung? Ihr Hafenkran kommt aus Rostock. Er ist ein Sozi. Niemand braucht ihn mehr. 
Das ist natürlich nicht wahr. Der Hafenkran ist Teil eines dreistufigen Forschungs- und Ausgrabungsprozesses. Er war immer schon hier. Hier in Zürich, wir haben ihn lediglich gefunden, gereinigt und vom Depot ganz hier in der Nähe hergebracht, um ihn jetzt wieder aufzustellen und den Menschen zugänglich zu machen. 

Ein dreistufiger Forschungs- und Ausgrabungsprozess?
Ja. Wir haben erst per Zufall die Poller entdeckt, hier am Ufer der Limmat. Grosse Poller, wie es sie an den grossen Überseehäfen gibt. Wir waren zuerst ratlos und haben Experten angefragt. Dr. Andreas Motschi, ein Archäologe, hat zwar gesagt, dass Zürich schon immer eine Geschichte mit dem Hafen hatte, aber für die Limmatschiffahrt seien solch grosse Poller nicht nötig gewesen. Und Professor Wilfried Winkler, ein Sedimentologe, hat uns erklärt, dass vor 18 und 30 Millionen Jahren das Meer bereits zweimal in Zürich gewesen sei. Das erkläre aber nicht die Poller, denn es gab ja damals weder Menschen, noch Schiffe, noch Poller. Professor Doktor Winkler war ratlos und auch alle anderen Wissenschaftler. Deshalb mussten wir einen neuen Wissenschaftszweig begründen: Die Archäologie der Zukunft! 

Und welches sind die beiden weiteren Stufen im Forschungs- und Ausgrabungsprozess? 
Als zweites haben wir den Hafenkran gefunden, ausgegraben und stellen ihn jetzt auf. Und dann kommt natürlich noch das Schiffshorn.

Die Hafenkran-Monteure bei der Vorbereitung der Schraubarbeiten. Bild: Maurice Thiriet 

Jan Morgenthaler

Der 58-jährige Zürcher ist reisender Autor und Mitglied des vierköpfigen Projektteams Zürich Transit Maritim. Die Gruppe um Martin Senn, Barbara Roth, Fariba Sepehrnia und Morgenthaler hat die Idee eines Hafenkranes in Zürich lanciert und letztendlich mit Hilfe des SP-Stadtrates Martin Waser und gegen starke bürgerliche Widerstände realisiert. Morgenthaler war bereits Teil der Kunstinterventionen Swiss Transit Esfahan und Transit 1999

Und wie erklären sich aus Sicht der Archäologie Ihre erstaunlichen Funde?
Das sind Splitter einer anderen Wirklichkeit. Es gibt solche auch in Rom, dort weisen sie in die Vergangenheit, unsere Splitter weisen auf die Zukunft hin. Ja, sie zeigen in die Zukunft.

Sie widersprechen sich. Wie kann man etwas aus der Zukunft ausgraben?
Früher war hier, an dieser Stelle, wo wir den Hafenkran gefunden haben, das Fleischhaus. Die Arbeiter warfen die Fleischabfälle
ins Wasser, was die Fische anzog und 1963 ist das Fleischhaus gegen den Widerstand der Architekten Häfeli, Moser, Steiger abgerissen worden. Der Hafenkran hat auch Jahrgang 1963 und ist ein Überbleibsel aus dieser Zeit. Er weist darauf hin, dass das Meer jederzeit wieder kommen kann. Wir müssen das Bewusstsein in der Bevölkerung dafür wieder schärfen. Sie sehen, das ist nicht nur ein lustiges Projekt, es ist auch sehr ambivalent. 

Verstanden. Wann kommt das Schiffshorn?
Am 10. Mai.

Wird es laut sein?
Man wird es in der ganzen Stadt hören. Ich sagen Ihnen, das Horn wird noch komplett unterschätzt. 

Die ersten der insgesamt 3000 Schrauben des Hafenkrans werden gesetzt. Bild: Maurice Thiriet 

Hafenkran, Zürich, Maurice Thiriet

Das Fundament des Krans wird geliefert. Bild: thi

Wird man es hören bis nach Seebach?
Oh, ja. Warum? Wohnen Sie in Seebach?

Ja. Wie laut wird es sein?
Es ist ein 90-Hertz-Ton. Das ist sehr tief. Und weitherum zu hören. Es ist auch das grösste Horn der Welt. Darauf können Sie sich verlassen. Es gibt Schiffshörner für Schiffe bis 100 Meter, solche für Schiffe bis 200 Meter und solche für Schiffe für über 200 Meter Länge. So eins haben wir freigelegt. Und es wird noch da sein, wenn der Kran schon wieder weg ist. Und er wird in den Leuten eine Melancholie und eine Sehnsucht nach dem Meer und dem Hafenkran hervorrufen, ganz tief im Bauch drin, denn dort zielt ein richtiger 90-Hertz-Ton hin. 

Das Horn ist nicht auf dem Kran?
Nein, nein überhaupt nicht. Das Horn kommt von ganz verschiedenen Orten her zum Einsatz.

Von wo?
Das sagen wir nicht im Detail, aber sicher werden wir auch in Oerlikon tuuten. Sie werden sich fühlen wie früher die Menschen in Marseille, deren maritimes Lebensgefühl erfahren. 

Marseille?
Ja, auch dort sind die grossen Schiffe mit noch grösseren Schiffshörnern angekündigt worden, damit die Leute wussten, dass die Schiffe kommen. Dann sind sie zum Hafen geströmt, um deren Ankunft zu bestaunen. Wir werden wie in Marseille am ersten Juli-Wochenende ein Hafenfest machen. Und dazu haben wir sogar den nautischen Segen. 

Die angelieferten Hafenkran-Teile werden vom Transportkran abgehängt. Bild: Maurice Thiriet 

Wer erteilt in Zürich nautische Segen? 
Peter Neuenschwander, der Zunftmeister der Zunft zur Schiffleuten. Wir haben ja gute Beziehungen. Nach allen Seiten haben wir gute Beziehungen oder warum glauben Sie, warum heute, zum Aufbau des Krans, so gutes Wetter ist? Sie werden sehen, wenn der Hafen steht, wird es neblig sein. Authentisch neblig, ein Wetter, wie es einem Hafenkran am besten gefällt. 

Sie und Ihre Archäologie haben eine Menge Leute eine Menge Geld gekostet. Sind Sie dankbar? 
Sehr! Zum Glück haben auch Stadtrat Waser und seine Frau eine Finanzierungslücke, die der Stadtrat nicht zu stopfen bereit war, privat überbrückt. Diese Grosszügigkeit wird jetzt von vielen Menschen mitgetragen, es gehen täglich Spenden ein. Grossartig. Die Leute sind bereit, für maritimes Lebensgefühl einen angemessenen Betrag zu
zahlen, das zeugt von Herzblut. Und ich sage: Zu recht!

Hier sehen Sie wie der Hafenkran am Schluss aussehen wird

Historische Betrachtungen zum Hafenkran

Das Buch zum Hafenkran

Wo der User recht hat, hat er recht

Hier eine Auswahl diverser Schiffshörner. Gemäss Beschreibung von Jan Morgenthaler wird es dasjenige von einem sehr langen Frachtschiff sein.

Quelle: YouTube/alaricdogface



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4Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • belzig 07.04.2014 19:43
    Highlight Highlight Solche Typen wie dieser "Künstler" hätten keine Woche an Bord durchgehalten. Träumer.
    Und.. das Horn der QE2 hatte 70 Hz. Das war ein Schiffshorn.
    Gruss eines ehem. Crewmitglieds.
  • blindcow 07.04.2014 14:46
    Highlight Highlight ist ja irr diese herleitung des "künstlers", hat wohl nicht alle tassen im schrank.
  • steven g. 07.04.2014 12:09
    Highlight Highlight Aso ich finds sympathisch, auch das mit dem Tuuten.
  • papparazzi 07.04.2014 12:07
    Highlight Highlight Fehlt nur noch, dass der Möchtegernkünstler von einem Helikopter aus einen Meteoritenhagel inszeniert um das Bewusstsein und die Sehnsucht der Zürcher nach Armaggedon in der Zukunft zu wecken. Und dazu natürlich an verschiedenen Orten auch Explosionen organisisert, weil diese zielen nicht nur auf die Magengegend ab. Seid stolz ihr Zürcher, durch eure Steuern und die SP könnt ihr in Zukunft ein Kribbeln im Bauch verspüren... aber bitte nicht beim Kran übergeben...ut (dp)

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