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Frauen in Afghanistan: «Wir hatten tausend Träume»

Seit die Taliban Afghanistan kontrollieren, leben viele Frauen in Angst. Trotz anderslautender Verkündungen beschneiden die Islamisten die Frauenrechte massiv. Doch sie stossen auf Gegenwehr.
11.10.2021, 22:22
Camilla Kohrs / t-online
Ein Artikel von
t-online
Eine Frau läuft an einem Geschäft vorbei: Die Taliban drängen die Frauen immer weiter aus dem Alltag zurück.
Eine Frau läuft an einem Geschäft vorbei: Die Taliban drängen die Frauen immer weiter aus dem Alltag zurück.
Bild: keystone

Es ist ein fast bedrohliches Bild: Eine Mopedgang mit Schildern und Fahnen, die von Ort zu Ort fährt. Ein Überfall, könnte man denken. Diese Mopedfahrer aber haben eine andere Mission: Sie wollen Bildung auch in die letzten Ecken Afghanistans bringen. Angeführt wird die Gruppe – die sich Penpath nennt und natürlich nicht nur aus Mopedfahrern besteht – von Matiullah Wesa. Vor mittlerweile elf Jahren hat er die Organisation gegründet, mit einer beachtlichen Bilanz. 

Freiwillige von Penpath im Juli in Kandahar: Die Mitarbeiter von Penpath reisen von Ort zu Ort.
Freiwillige von Penpath im Juli in Kandahar: Die Mitarbeiter von Penpath reisen von Ort zu Ort.
Quelle: Matiullah Wesa

Penpath reist in Afghanistan umher, die Mitglieder gehen von Tür zu Tür, werben bei den Familien dafür, dass die ihre Kinder zur Schule schicken. Sie bringen Bücher, Notizblöcke und Rucksäcke in die entlegensten Regionen, schaffen provisorische Unterrichtsräume unter Zeltplanen oder direkt im Freien. «Wenn wir wirklich Frieden haben wollen, wenn wir unsere Gesellschaft wirklich ändern wollen, brauchen wir Bildung», sagt Wesa.

Auch die Machtübernahme der Taliban hat sie bisher nicht gestoppt. Sogar in diesen Tagen sind die Freiwilligen unterwegs, um weiter Menschen von ihrer Mission zu überzeugen – derzeit vor allem in Wesas Heimat, dem konservativen Süden, rund um Afghanistans zweitgrösste Stadt, Kandahar. In dieser Gegend erschweren es die Traditionen Frauen und Mädchen ohnehin, sich zu bilden. Viele Familien nehmen ihre Töchter schon früh aus der Schule oder schicken sie gar nicht erst dorthin. Dass die Taliban nun wieder die Macht übernommen haben, macht die Arbeit von Wesa nicht einfacher.

Matiullah Wesa 2017 nahe Kabul: Seine Organisation versorgt Schülerinnen mit Büchern, Rucksäcken und Notizbüchern.
Matiullah Wesa 2017 nahe Kabul: Seine Organisation versorgt Schülerinnen mit Büchern, Rucksäcken und Notizbüchern.

Den Versprechen der Taliban glaubt kaum einer

Dabei traten die Taliban nach ihrer Machtübernahme mit einem Versprechen an. «Unsere Schwestern, unsere Männer haben die gleichen Rechte», sagte deren Sprecher Zabiullah Mujahid, kurz nachdem die Gruppe am 15. August Afghanistans Hauptstadt Kabul eingenommen hatte. Es sollte ein Signal an die Aussenwelt sein: Wir sind nicht mehr dieselben Taliban wie in den 1990er-Jahren, ihr könnt mit uns zusammenarbeiten – und vor allem die Entwicklungshilfe weiter fliessen lassen.

Doch haben die Taliban daran Interesse? Vieles – man könnte auch sagen, so gut wie alles – spricht dagegen: Noch immer sind Schulen für Mädchen ab der sechsten Klasse geschlossen. Frauen dürfen nicht mehr unterrichten. Angeblich arbeitet die Regierung derzeit an einem Plan, wie Frauen wieder in Bildungseinrichtungen zurückkehren können.

Bevor das aber geschehen darf, muss den Taliban zufolge eine «ordnungsgemässe islamische Atmosphäre» geschaffen werden. Auf die Frage, ob eine Lösung in Tagen, Wochen, Monaten oder Jahren kommt, antwortete ein Taliban-Sprecher kürzlich: «Wir können kein Datum nennen, aber diese Angelegenheit wird in der nahen Zukunft gelöst werden, so Gott will.» Die Betroffenen selbst schenken dem nur wenig Glauben.

Taliban brannten die Schule nieder 

Matiullah Wesa drängt darauf, dass Frauen wieder in die Schule gehen müssen. «Wir fordern Schule für alle bis zur 12. Klasse ab sofort», erklärt er. Es ist nicht das erste Mal, dass die Taliban seiner Familie das Leben schwer machen. Kurz nach Ende der Taliban-Herrschaft 2001 gründete sein Vater eine erste Schule in der Provinz Maruf. 25 Jahre lang hatte es dort keine mehr gegeben.

Wesas Vater musste viel Überzeugungsarbeit leisten, viele Menschen standen der Schulgründung skeptisch gegenüber. Auch er ging schon – wie Wesa und Penpath heute – von Tür zu Tür, um dafür zu werben. 2002 klappte es, rund 900 Kinder lernten in Zelten und unter Bäumen – nach und nach kamen Stühle und Tische hinzu. Nur ein Jahr später brannten Taliban jedoch alles nieder – sie waren in der Gegend noch immer präsent.

Afghanistan

Grafik: t-online/cck Erstellt mit Datawrapper

Dass Wesa in Afghanistan bleibt, ist nicht selbstverständlich. Viele Aktivisten haben das Land verlassen – aus Angst, dass die Taliban sie für ihr Engagement bestrafen. Vor allem bei Frauen ist die Furcht gross. Aus guten Gründen, denn die neuen Machthaber haben trotz ihrer Beteuerungen Regeln aus den 1990ern wieder eingeführt. Sie verbieten Frauen, ohne männliche Begleitung auf die Strasse zu gehen, Sport zu machen. Darüber hinaus schlossen sie Frauenhäuser für Opfer häuslicher Gewalt. Berichten zufolge zwingen die Taliban Frauen und Mädchen zu heiraten. 

In den ersten Wochen der Taliban-Herrschaft gingen einige Frauen noch auf die Strassen, protestierten lautstark gegen die neuen Machthaber. Dann aber gingen die Kämpfer mit Gewalt gegen die Demos vor, schlugen die Frauen oder gaben Warnschüsse ab, wie ein Video der Nachrichtenagentur AFP zeigt. Nun gibt es kaum noch Proteste.   

«Wir hatten tausend Träume»

Was die Taliban-Herrschaft konkret für Frauen bedeutet, zeigt das Beispiel von Hila und Samila Haidari (Namen geändert). Sie verstecken sich seit fast zwei Monaten vor den Taliban in einer kleinen Kellerwohnung. Licht gibt es hier kaum. Ihnen geht es schlecht, mental und körperlich, sagen sie. Eine von ihnen hat sich als Aktivistin engagiert, die andere arbeitete als Journalistin. Viele aus ihrer Familie waren für die Regierung tätig, ihr Vater arbeitete für das Militär. Sie fürchten die Rache der Taliban – wegen ihrer eigenen Arbeit, aber auch der ihrer Familie. «Wir hatten tausend Träume», schreiben sie t-online über die Zeit, bevor die Taliban kamen.

Um zur Universität zu gehen, mussten sie hart arbeiten, erzählen sie. Die Familie konnte ihnen nicht viel bezahlen, also wohnten sie in einem heruntergekommenen Schlafsaal. «Die meiste Zeit hatten wir keinen Strom, mussten stundenlang warten, um ins Badezimmer zu kommen. Manchmal hatten wir nicht genug zu essen und sind hungrig in die Universität. Vor Prüfungen nutzten wir nachts die Taschenlampe an unseren Handys, um lernen zu können.» Dennoch schlossen sie ihr Studium ab, arbeiteten in ihren Traumberufen.

Die Schwestern Haidari in ihrem Versteck: Sie arbeiteten als Aktivistin und Journalistin.
Die Schwestern Haidari in ihrem Versteck: Sie arbeiteten als Aktivistin und Journalistin.
Bild: privat/zvg

Nun aber sitzen sie wieder im Dunkeln in ihrer kleinen Kellerwohnung und verfassen Artikel über ihr Leben, über ihre Träume und ihre Ängste. «Was wird passieren, wenn wir rausgehen?», schreiben sie. «Werden die Taliban uns erkennen? Und wenn ja: Werden sie uns umbringen, verheiraten oder vergewaltigen?»

Taliban drängen Frauen aus der Gesellschaft

Sie bekommen die Nachrichten mit, dass Mädchen nicht mehr zur Schule und Frauen nicht in ihre Berufe dürfen. Den Beteuerungen der Taliban, die Frauenrechte zu achten und eine Generalamnestie für alle zu verhängen, haben sie von Beginn an keinen Glauben geschenkt.

Damit scheinen sie recht zu behalten. Die Taliban drängen Frauen Stück für Stück aus der Gesellschaft heraus. In der radikalislamischen Regierung sitzt keine einzige Frau und sogar das Frauenministerium – einst gegründet, um den Frauen endlich eine Stimme zu geben – benannten sie um. Jetzt heisst es «Ministerium der Laster und Tugend» und ist Sitz der Religionspolizei, die die Einhaltung der Islamauslegung der Taliban durchzusetzen soll. Das Ministerium und die Polizei gab es schon in den 90er-Jahren. Sie waren dafür bekannt, Frauen auspeitschen oder verprügeln zu lassen, wenn sie sich nicht an die Regeln hielten.

«Es macht mich so traurig, mitansehen zu müssen, wie der Traum von Millionen Frauen schwindet, die sich ja nur wünschen, was sich alle Menschen überall auf der Welt wünschen: Freiheit», schrieb Afghanistans erste Frauenministerin Sima Samar in einem Gastbeitrag für den «Spiegel» in der vergangenen Woche. Sie selbst reiste in die USA, kurz bevor die Taliban die Macht übernahmen.

«Wir brauchen nicht mehr Waffen»

Afghanistan verlassen will Matiullah Wesa nicht. Seine Arbeit soll weitergehen, sagt er. Wesa hat auch ein Ass im Ärmel: die guten Beziehungen zu den Stammesführern. Sein Vater war selbst einer, sein Grossvater ebenfalls. Seitdem er Penpath führt, ist er in ganz Afghanistan herumgekommen, konnte überall Kontakte knüpfen. Viele hätten sein Anliegen unterstützt, Schulen aufzubauen, berichtet er. Und sie unterstützen ihn noch heute.

Mädchen in einer Open-Air-Schule im Juli: Derzeit dürfen Mädchen nur bis zur sechsten Klasse in die Schule gehen. (Quelle: Matiullah Wesa)
Mädchen in einer Open-Air-Schule im Juli: Derzeit dürfen Mädchen nur bis zur sechsten Klasse in die Schule gehen. (Quelle: Matiullah Wesa)

Die Taliban selbst, sagt er, hätten ihn bisher nicht kontaktiert. Ob er keine Angst vor ihnen hat? «Ich habe keine Zeit, mir Sorgen zu machen, ob die Taliban mich morgen umbringen wollen», erklärt er. «Wenn sie es wollen, machen sie's.» Er hat ohnehin den Plan, den Bildungsminister der Taliban zu treffen. Um zu erklären, warum es Bildung so dringend braucht: Ohne Bildung kein Frieden. Wesa hofft darauf, dass der Westen weiter Projekte in der Zivilgesellschaft seines Landes unterstützt. «Wir brauchen nicht mehr Waffen», sagt er. «Wir brauchen mehr Bildung.» 

Hila und Samila Haidari wiederum können in diesen Tagen kaum noch schlafen. «Unsere einzige Sünde war es, zu studieren, zu arbeiten und dabei eine Frau zu sein», schreiben sie. «Ist das etwa ein Verbrechen?» Der jetzige Zustand sei nichts anderes als ein schrittweiser Tod. 

Verwendete Quellen:

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