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Rotes Kreuz warnt vor Austritt von Ebola-Virus: Verheerende Lage im Kongo

People displaced by the fighting with M23 rebels make their way to the center of Goma, Democratic Republic of the Congo, Sunday, Jan. 26, 2025. (AP Photo/Moses Sawasawa)
Eine Familie flüchtet auf dem Motorrad.Bild: keystone

Rotes Kreuz warnt vor Austritt von Ebola-Virus – verheerende Lage im Kongo

28.01.2025, 12:4328.01.2025, 22:27
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Hunderttausende Menschen rennen nach Angaben humanitärer Organisationen im Osten der Demokratischen Republik Kongo um ihr Leben.

Sie sind seit dem Vormarsch der Rebellenmiliz M23 vor Schüssen und Artillerie nicht mehr sicher. Nach tagelangen schweren Kämpfen war die Miliz in der Nacht zum Montag in die strategisch wichtige Provinzhauptstadt Goma eingedrungen, die in einem der rohstoffreichsten Gebiete des Kongos liegt und an Ruanda grenzt.

Neben den Anwohnern der Provinzhauptstadt seien auch mehr als 300'000 Menschen aus Lagern für Vertriebene in der Nähe auf der Flucht, berichtete das UN-Nothilfebüro OCHA in Genf. Mitarbeiter berichteten von Leichen in den Strassen. Die Krankenhäuser seien völlig überfüllt mit Verwundeten, berichtete die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Sie hatte kurz vor der Schliessung des Flughafens in Goma am Wochenende noch Nachschub an medizinischem Material einfliegen können.

Regierungsvertreter: M23 kontrolliert Teil des Flughafens in Goma

Nach ihrem Angriff auf die strategische Provinzhauptstadt Goma im Ostkongo kontrollieren die Rebellen einem Regierungsbeamten zufolge nun Teile des Flughafens der Stadt.

Die Rebellenmiliz M23 hätte ausserdem alle strategischen Punkte der Stadt besetzt, sagte der Minister für ländliche Entwicklung und Parlamentsabgeordnete für Goma, Muhindo Nzangi Butondo, in einem Interview mit dem lokalen Radiosender Top Congo. Nähere Angaben machte Butondo nicht.

Rebellen der M23 seien am Dienstagnachmittag in grossen Zahlen in den Strassen Gomas präsent, Soldaten hingegen nicht länger zu sehen, berichtete ein Reporter der Nachrichtenagentur DPA vor Ort.

Die Kämpfe zwischen der kongolesischen Armee und der Miliz seien in Goma zum Stillstand gekommen. Der Sprecher der M23, Willy Ngoma, sagte, die Stadt sei mittlerweile vollständig in den Händen der Rebellengruppe. Von Regierungsseite gab es dafür zunächst keine Bestätigung.

Vergewaltigungen und Plünderungen

Es gebe Berichte über zahlreiche Vergewaltigungen. Das Internet funktioniere nicht mehr, Strom und Wasserversorgung seien eingeschränkt, teilte OCHA mit.

Lagerhäuser des Welternährungsprogramms (WFP) wurden geplündert. «Das zeigt, wie verzweifelt die Menschen sind», sagte Shelley Thakral, WFP-Sprecherin in Kinshasa.

«Die nächsten 24 Stunden werden kritisch sein, da die Vorräte knapp werden und die Frage ist, was sie zum Überleben finden.»

Rotes Kreuz warnt vor Austritt von Ebola-Virus aus Labor

Angesichts der heftigen Kämpfe hat das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) vor einem Austritt von Virenproben aus einem Labor gewarnt - darunter solche des Ebola-Virus. Der IKRK-Regionaldirektor für Afrika, Patrick Youssef, äusserte am Dienstag Sorgen um die «Situation im Labor des Nationalen Instituts für biomedizinische Forschung, in dem die Gefahr eines Stromausfalls besteht».

Ein Austritt könne «unvorstellbare Konsequenzen» haben. Youssef sagte vor Pressevertretern in Genf, es sei wichtig, «die Proben zu schützen, die von den Kämpfen betroffen sein könnten». Das Labor des Nationalen Instituts für biomedizinische Forschung befinde sich in der Nähe der IKRK-Delegation in Goma, erklärte Youssef. Über die Sicherheit anderer Labore in der Stadt habe er keine Informationen.

EU kündigt humanitäre Hilfe für Menschen im Kongo an

Die EU hat nach der erneuten Eskalation von Gewalt in der Demokratischen Republik Kongo weitere humanitäre Hilfe im Wert von 60 Millionen Euro angekündigt.

Angesichts der jüngsten Entwicklungen im Osten des Landes sei man bereit, die Nothilfe insbesondere für die neu vertriebenen Menschen in und um Goma noch einmal zu verstärken, teilte die zuständige EU-Kommission in Brüssel mit.

Die zusätzlichen Mittel sollen den Angaben zufolge verwendet werden, um die dringendsten Bedürfnisse der Vertriebenen und der von den jüngsten Konflikten und Epidemien betroffenen Menschen zu decken. Dabei gehe es um Unterkünfte, sauberes Wasser, Nahrungsmittel und Bildung für Kinder, hiess es.

UN fordern Handeln internationaler Gemeinschaft

Die Vereinten Nationen fordern ein Eingreifen der internationalen Gemeinschaft in den eskalierenden Konflikt. «Die Situation in Goma erfordert dringendes und koordiniertes internationales Handeln», sagte die UN-Vertreterin Vivian van de Perre vor dem UN-Sicherheitsrat in New York.

Seit Sonntag würden die Rebellen der Gruppe M23 zusammen mit ruandischen Truppen die Grossstadt Goma im Osten des Landes mit schweren Waffen angreifen, so Van de Perre weiter. «Diese Angriffe verwüsten die Stadt weiterhin, töten, verletzen, traumatisieren und vertreiben Zivilisten und verschärfen die Krise.» Zudem habe die UN-Mission in dem Land zahlreiche Schutzsuchende in Goma aufgenommen. Es gebe Hunderttausende Vertriebene.

Spendenaufruf

Das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR appellierte an Geberländer, Geld für Hilfe zur Verfügung zustellen. Die UN-Organisationen warten auf eine Beruhigung der Lage, um die Menschen wieder zu versorgen. «Dies ist nicht nur eine regionale Angelegenheit, sondern eine globale Verantwortung», sagte UNHCR-Sprecher Matthew Saltmarsh.

In der rohstoffreichen Provinz Nord-Kivu kämpft die M23 seit Jahren gegen kongolesische Regierungstruppen und mit ihr verbündete Milizen. In den vergangenen Wochen konnte die M23 massive Gebietsgewinne verzeichnen. Sowohl die kongolesische Regierung als auch UN-Experten werfen dem Nachbarland Ruanda vor, die M23 zu unterstützen und auch eigene Truppen im Ostkongo zu haben.

Demonstranten greifen französische Botschaft an

Demonstranten haben in der Demokratischen Republik Kongo nach französischen Angaben Frankreichs Botschaft angegriffen und einen Brand verursacht.

Das Feuer an der Einrichtung in der Landeshauptstadt Kinshasa sei mittlerweile unter Kontrolle, teilte Frankreichs Aussenminister Jean-Noël Barrot auf X mit. «Diese Angriffe sind unzulässig.» Es werde alles getan, um die Sicherheit der französischen Staatsbürger sowie der Botschafts-Mitarbeiter zu gewährleisten.

Es ist nicht das erste Mal, dass Kongolesen gegen westliche Regierungen protestieren und Botschaften in Kinshasa angreifen. Bereits im Februar und August 2024 kam es zu ähnlichen gewalttätigen Protesten vor westlichen Botschaften in der Hauptstadt. Die Demonstranten werfen westlichen Regierungen vor, ihren Einfluss auf das benachbarte Ruanda nicht zu nutzen, um die Rebellenangriffe im Ostkongo einzudämmen.

Drei afrikanische Botschaften angegriffen

Demonstranten haben in der Demokratischen Republik Kongo nach Angaben der kenianischen Regierung auch drei afrikanische Botschaften angegriffen.

Betroffen seien die Botschaftsgebäude von Kenia, Südafrika und Uganda in der Hauptstadt Kinshasa, sagte der kenianische Staatssekretär für Auswärtige Angelegenheiten Korir Sing'oei. Auch Botschaftspersonal sei demnach angegriffen worden.

Die gewaltsamen Proteste seien durch den aktuellen Angriff der Rebellengruppe M23 auf die Stadt Goma im Osten des Landes ausgelöst worden, so Sing'oei. Die Übergriffe auf die Botschaften seien «ein schwerwiegender Verstoss gegen das Völkerrecht, und wir verurteilen sie auf das Schärfste», sagte der Minister.

EU verurteilt Angriffe auf Botschaften

Die EU hat den Angriff auf Botschaften in der Demokratischen Republik Kongo verurteilt. Die Europäische Union fordere gemäss dem Wiener Übereinkommen über diplomatische Beziehungen den Schutz diplomatischer Vertretungen, sagte ein Sprecher der EU-Aussenbeauftragten Kaja Kallas in Brüssel.

Zu den Angriffen an sich machte der Sprecher unter Verweis auf die noch unklare Lage keine Angaben. Er verwies allerdings darauf, dass die Aussenminister der EU-Staaten bereits bei ihrem Treffen am Montag die Bereitschaft bekundet hätten, Massnahmen gegen diejenigen zu ergreifen, die den Frieden und die Stabilität in der Demokratischen Republik Kongo gefährdeten.

Caritas: «Situation im Kongo äusserst besorgniserregend»

Die humanitäre Lage in der umkämpften Stadt Goma im Osten der Demokratischen Republik Kongo ist nach Einschätzung von Caritas International «äusserst besorgniserregend».

Mitarbeiter berichteten von völlig unübersichtlichen Zuständen, überfüllten Kliniken und verwirrten Menschen, so die Hilfsorganisation. Bereits vor den aktuellen Kämpfen sei die Lage für die Menschen katastrophal gewesen. Die Caritas will ihre Hilfen in Goma trotzdem fortsetzen. (sda/dpa)

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35 Kommentare
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Santacruz
28.01.2025 13:21registriert August 2021
Der verlorene Kontinent...

Wir täten gut daran uns auf Flüchtlingswellen und deren Abwehr vorzubereiten.

Etwas anderes können wir nicht tun, Entwicklungshilfe fliesst schlussendlich genau in die Taschen der Warlords.

Einfach in Ruhe lassen und nicht deren Rohstoffe ausbeuten, evtl. kann sich der Kontinent dann weiterentwickeln.
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