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Flucht, Todesangst und Verzweiflung – Äthiopische Flüchtlinge im Sudan

20.12.2020, 19:21
Flucht aus Äthiopien – im Sudan gelandet.
Flucht aus Äthiopien – im Sudan gelandet.
Bild: keystone

Im Flüchtlingslager Um Rakuba sind die Bilder wieder da. Bilder, die die Welt längst vergessen glaubte: Verhärmte Gesichter weinender äthiopischer Mütter und ihrer ausgemergelt wirkenden Kleinkinder, wie sie einst Bob Geldof und andere Musiker zu Benefizkonzerten animierten. An der Grenze zwischen dem Sudan und Äthiopiens Tigray-Region hoffen Zehntausende Flüchtlinge auf Unterstützung - Helfer schätzen ihre Zahl auf knapp 50 000 Menschen.

Viele davon berichten von Hunger und Entbehrung, von Angst und Verzweiflung. Die meisten flohen nur mit den Kleidern am Leib. «Es besteht Grund zur Annahme, dass in den nächsten Monaten Zehntausende hinzukommen werden - dabei ist Situation im Sudan ebenfalls sehr schwierig», meint die Hilfsorganisation Care in einer Erklärung.

In Äthiopien herrscht ein blutiger Konflikt. Die Zentralregierung hatte vor fast einem Monat eine Offensive gegen die Volksbefreiungsfront von Tigray ( TPLF ) gestartet und sie inzwischen für beendet erklärt. Hintergrund des Konflikts sind Spannungen zwischen der Region und der Zentralregierung. Die TPLF dominierte Äthiopien mehr als 25 Jahre lang, wurde aber seit 2018 von Ministerpräsident Abiy Ahmed zunehmend rausgedrängt. Viele Menschen in Tigray fühlen sich von der Zentralregierung nicht vertreten und fordern mehr Autonomie.

«Wir sind in Todesangst davongelaufen, ohne etwas mitzunehmen», schluchzt Spara Abra. Hals über Kopf war der 34-Jährige aus der Stadt Birkuta geflohen - einem Ort in der Tigray-Region, die wegen der Kämpfe dort wochenlang von der Aussenwelt abgeschnitten war. Ja, sagt er, unterwegs habe er auch Leichen gesehen, nachdem äthiopische Kampfjets die Ortschaften bombardiert hatten. Um nicht selbst ins Visier von Militärpiloten zu geraten, sei er über unwegsame Pfade zwischen Wäldern und Bergen in die Grenzstadt Hamdayit geflohen, berichtet er Helfern und Journalisten in dem Lager.

Bild: keystone

Auch nach den offiziell für beendet erklärten Kämpfen in Tigray kamen vereinzelt noch Flüchtlinge im Nachbarland Sudan an. Hamdayit, aber auch Hashaba oder Al-Lukdi heissen die Grenzübergänge, über die sich Flüchtlinge wie die 27-jährige Asha Denier nach eigenen Angaben in Sicherheit brachten. Auf sudanesischem Gebiet wurden sie zunächst von der dortigen Bevölkerung, später dann von Hilfsorganisationen in Erstaufnahmelagern in Empfang genommen und mit dem Nötigsten versorgt, bevor es weiterging ins Flüchtlingslager Um Rakuba.

Aus dem Nichts entstand dort nach sudanesischen Angaben ein Lager für rund 12 000 Flüchtlinge. «Die humanitäre Situation in den Lagern ist aktuell sehr prekär, denn trotz erhöhter Aufnahmekapazitäten sind sie durch den grossen Zustrom von Menschen stark überfüllt», teilte das Deutsche Rote Kreuz am Mittwoch mit. Es ist vor Ort und engagiert sich in Hamdayit und Um Rakuba beim Bau von Gemeinschaftsunterkünften und -küchen sowie der Errichtung sanitärer Anlagen. Hinzu kommt die Vermittlung von Hygienemassnahmen, auch zur Covid-19-Eindämmung.

Viele Flüchtlinge sind hilflos, haben tagelang nichts gegessen und hatten auch kaum Kontakt zu ihren Familien. «Ich bin mit meiner Tochter losgerannt, als mein Ehemann noch auf dem Markt war», sagt Asha Denier, die aus dem Ort Hamra geflohen ist und sich von der Welt verlassen fühlt. Fluchtauslöser waren plündernde Gruppen der amharischen Volksgruppe, sagt sie. Sie seien zum Teil mit Stöcken und Messern bewaffnet plündernd über Bewohner ihres Heimatortes hergefallen und hätten auch ihr Haus nicht verschont. «Die Amharen plünderten unsere Farmen, und die äthiopische Armee bereitete ihnen den Weg», klagt der ebenfalls aus Hamra stammende 72-jährige Khabri Ziyad. «Sie nahmen mir 400 Sack Sesam und den Traktor weg», klagt er.

Bild: keystone

Trotz der Zusicherung des äthiopischen Regierung, dass die Kämpfe vorüber seien, denkt kaum jemand in den Flüchtlingslagern vorerst an eine Rückkehr. Viele der Flüchtlinge wie der Bankkaufmann Abari Samet äussern sich verbittert über die Regierung in Addis Abeba. Der 31-Jährige aus dem Ort Bar Kota beschuldigt sogar Soldaten, Menschen aus Tigray teilweise gewaltsam an der Flucht gehindert zu haben.

Hilfsorganisationen hörten nicht auf, vor einer sich anbahnenden humanitären Katastrophe zu warnen. Die äthiopische Regierung lenkte schliesslich ein und vereinbarte mit den Vereinten Nationen, dass wichtige Hilfe für Millionen Menschen in Tigray geliefert werden kann - einschliesslich der Flüchtlinge, hatte der Leiter des Norwegischen Roten Kreuzes (NRC), Jan Egeland, erklärt. Die Menschen hätten nun mehr als einen Monat lang ohne jegliche Hilfe ausgeharrt.

Im Krisenjahr 2020 hat die Eskalation des Konflikts in Tigray laut der ebenfalls vor Ort befindlichen Hilfsorganisationen World Vision besonders verheerende Auswirkungen: sie trifft Äthiopien inmitten der Covid-19-Pandemie und einer anhaltenden Heuschrecken- und Heerwurm-Plage. Unregelmässige Regenfälle riefen in manchen Gebieten zudem grosse Schäden durch Überschwemmungen und Dürren hervor, während Vertreibungen durch ethnische Konflikte anhalten. (aeg/sda/dpa)

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