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Ukrainische Drohnen: Gefährliche Nadelstiche gegen Putins Regime

An engineer assembles parts on a combat drone in Kyiv region, Ukraine, on Monday, February 6, 2023. (AP Photo/Evgeniy Maloletka)
Ein ukrainischer Ingenieur setzt eine Kampfdrohne zusammen.Bild: keystone
Analyse

Ukrainische Drohnen: Gefährliche Nadelstiche gegen Putins Regime

Die Ukraine trifft mit beispiellosen Drohnenattacken die russische Ölproduktion. Den Krieg wird das nicht stoppen. Und doch sind die Angriffe für Putin ein Problem.
28.03.2024, 04:49
Steffen Richter, Maxim Kireev / Zeit Online
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Ein Artikel von
Zeit Online

Noch vor Kurzem konnten sich die Menschen im russischen Nowokujbischewsk eigentlich in Sicherheit wähnen. Fast 1'000 Kilometer liegt der Ort von der Grenze zur Ukraine entfernt, der Krieg ist weit weg. Dennoch sind die Bewohner am vergangenen Samstag durch eine wuchtige Explosion um vier Uhr morgens wach geworden.

Wie Videos von Augenzeugen belegen, traf eine ukrainische Drohne den Ölverarbeitungsbetrieb unweit der Millionenstadt Samara. Nur wenige Stunden nach dem islamistischen Terroranschlag auf eine Moskauer Konzerthalle ist es ein empfindlicher Treffer aus Sicht des Regimes von Wladimir Putin.

Auf Handybildern war ein grosses Feuer zu sehen.  Nach Angaben des Gouverneurs der Region Samara traf die ukrainische Drohne zielgenau den sogenannten Destillationsturm, also den wichtigsten Teil der Anlage, ohne den weder Gas noch Benzin oder Diesel aus dem Rohöl gewonnen werden kann. 

Ukrainische Soldaten präparieren eine Drohne.
Immer wieder attackierten weitfliegende ukrainische Drohnen zuletzt Raffinerien und andere Ziele in Russland.Bild: Screenshot: Telegram

Die ukrainische Angriffs-Serie

Mit dem Beschuss der Ölraffinerie hat die Ukraine ihre Angriffsserie auf die russische Ölbranche fortgesetzt. Am 17. März, ausgerechnet am letzten Tag von Putins Präsidenten-Wahlfarce, trafen eine oder mehrere ukrainische Drohnen eine Raffinerie in Slawjansk in der südrussischen Schwarzmeer-Region Krasnodar. Nach Angaben der regionalen Behörden wurde der folgende Brand erst nach Stunden gelöscht.

Am 16. März brannte in der rund 1000 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernten Region Samara eine Anlage des Energiekonzerns Rosneft.

Allein in Nischni Nowgorod wurden 4,9 Millionen Tonnen Treibstoff raffiniert.

Am Mittwoch davor wiederum hatten ukrainische Drohnen südöstlich von Moskau einen Brand in der Raffinerie in Rjasan ausgelöst. Auch dieser Betrieb gehört zu Rosneft, dem grössten russischen Ölkonzern.

Am 12. März brannte in Nischni Nowgorod an der Wolga die Norsi-Raffinerie des Lukoil-Konzerns. Und wie die staatliche russische Nachrichtenagentur Tass mitteilte, wurde zudem im südwestrussischen Gebiet Orjol ein Tanklager durch eine Drohne in Brand gesetzt.

In Nischni Nowgorod musste laut der Nachrichtenagentur Reuters mindestens die Hälfte der Produktion der Raffinerie gestoppt werden. Norsi ist bereits ein echtes Schwergewicht in der russischen Ölindustrie: 2023 wurde hier rund 4,9 Millionen Tonnen Treibstoff raffiniert. Das sind elf Prozent der gesamten russischen Produktion und 6,4 Prozent des landesweit raffinierten Diesels. Russlands Militär braucht für seine Fahrzeuge vor allem Dieseltreibstoff.

Insgesamt 15 solcher Ereignisse infolge ukrainischer Drohnenattacken mit unterschiedlich schweren Folgen für die Produktionsstandorte hat die Wirtschaftsnachrichtenagentur Bloomberg vom 21. Januar bis zum 17. März registriert. Davon wurden neun Anlagen erfolgreich attackiert und hätten laut Bloomberg elf Prozent Produktion des Landes lahmgelegt.   

Wo die Ukraine Russland mit Drohnen attackierte

Wo die Ukraine Russland mit Drohnen angreift.
Angriffe auf Ölraffinerien und Treibstofflager mit ukrainischen DrohnenBild: Zeit Online

Wie reagiert Putin?

Russland reagierte darauf mit den umfangreichsten Raketenschlägen seit Monaten. Rund 190 Raketen und 140 Schahed-Drohnen hat Russland nach ukrainischen Angaben vergangene Woche verschossen, vor allem auf die Energieinfrastruktur des Landes. Dabei zerstörte Russland das grösste Wasserkraftwerk des Landes und zahlreiche Kraft- und Umspannwerke insbesondere in Charkiw, das seit Tagen Strom rationieren muss. Am Montag wurde die ukrainische Hauptstadt Kiew mutmasslich mit Hyperschallraketen angegriffen.  

Diese Schläge will der russische Präsident als Vergeltung verstanden wissen. Und die demonstrative Härte zeigt, dass die Angriffe auf Raffinerien Putin durchaus Sorgen bereiten.      

Folge: Es wird deutlich weniger Benzin produziert

Torbjörn Törnqvist, Chef der Gunvor Group, einem der weltweit grössten Ölhändler, schätzt in einem Gespräch mit Bloomberg, dass etwa 600'000 Barrel der täglichen Ölraffinerie-Kapazität Russlands durch ukrainische Drohnenangriffe ausser Gefecht gesetzt worden sind. Kurz nach Kriegsbeginn vor zwei Jahren waren in Russland etwa 44 Raffinerien in Betrieb, die eine Gesamtkapazität von rund sieben Millionen Barrel am Tag haben. Weil Mitte Februar bereits fünf Raffinerien beschädigt worden waren, hatte Russlands Regierung vorsorglich ein Exportstopp für Benzin vom 1. März bis Ende August dieses Jahres verhängt.

Russlands staatlicher Statistikdienst Rosstat weist in den vergangenen zwei Monaten ebenfalls einen Rückgang der Produktion aus. Die Behörde meldete wöchentliche Werte für die Produktion von Benzin und Diesel. Seit Mitte Januar ist demnach die Produktion von Benzin um mehr als acht Prozent zurückgegangen. Die Herstellung von Diesel, von dem Russland etwa doppelt so viel produziert wie Benzin, ging lediglich um vier Prozent zurück. Die laufenden Statistiken gelten unter Analysten als verlässlich. 

Die Ukraine reagiert mit den Drohnenattacken vor allem aus einer Zwangslage heraus: Weil der Westen mit der Lieferung dringend benötigter Artilleriegranaten säumig ist und Putins Armee im Osten der Ukraine Fortschritte macht, wird jetzt mit kostengünstigen, aber effektiven Kampfdrohnen im Eigenbau verstärkt empfindliche Infrastruktur in Russland angegriffen. Eben auch im Hinterland, die Drohnen können inzwischen über 1000 Kilometer weit bewegt werden. Hinter den Angriffen steckt eine eigens dafür gegründete Spezialeinheit.

Russlands Führung braucht die Öl- und Gasexporte

Das Ziel der Angriffe auf Raffinerien und Öldepots erscheint eindeutig: Sie sollen die Kosten der Ukraine-Invasion für Wladimir Putin hochtreiben. Ein Sprecher des Militärgeheimdienstes der Ukraine hatte es unlängst benannt: Jede Explosion in russischen Ölraffinerien unterbreche auch die Treibstoffversorgung der Besatzer. Das trage dazu bei, das Leben ukrainischer Zivilisten zu retten, Panzer könnten ohne Treibstoff nicht funktionieren. 

Mit den Beschädigungen an den Anlagen sollen aber auch Benzin und Diesel in Russland knapper und teurer werden. Auch Russlands Autofahrer bekämen das irgendwann zu spüren. Hier wäre vorerst wohl der grösste Effekt eine Unzufriedenheit in der Bevölkerung. «Die Benzinpreise sind politisch, auch in Russland», schrieb dazu Janis Kluge, Russland-Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), einer Berliner Denkfabrik. «Der durchschnittliche Russe ist nicht bereit, einen Preis für den Krieg zu zahlen.»

Was bringt's?

Bislang konzentrieren sich die Attacken der Ukrainer daher auf Raffinerien, die das Inland versorgen. Auf die Preise im globalen Ölmarkt haben sie bislang nur begrenzten Einfluss. Das würden sich ändern, wenn die Rohöl-Ausfuhren ins Stocken geraten. Wenn zum Beispiel Exportterminals im Schwarzen Meer und der Ostsee angegriffen würden. Das könnte Russlands Führung erheblich schaden, denn das Land ist abhängig von seinen Öl- und Gasexporten, auch wenn sie nur noch in wenige Länder gehen.

Doch ein in der Folge weltweit stark ansteigender Ölpreis könnte auch für Verstimmung unter den westlichen Verbündeten der Ukraine sorgen. US-Beamte sollen bereits Vertreter des ukrainischen Staatssicherheitsdienstes und des Militärgeheimdienstes aufgefordert haben, die Drohnenangriffe zu stoppen, berichtet die Financial Times. Man fürchte einen Anstieg der globalen Ölpreise und der amerikanischen Benzinpreise, was eine Wiederwahl von Präsident Joe Biden schaden könne.

Sorgen bereite der US-Regierung demnach auch, dass Russland eine Pipeline stilllegen könnte, die Öl für den Weltmarkt aus Kasachstan über Russland liefert. Bislang hat die Ukraine diese Warnungen offenbar nicht befolgt. Olha Stefanischyna, Vizepremier der Ukraine, sagte, sie verstehe die Sorgen im Westen. Dennoch seien Raffinerien legitime Ziele.

Nun erscheint der aktuell geschätzte Verlust von 600'000 Barrel Raffineriekapazität am Tag sehr hoch. Allerdings ist es wohl zu wenig, um Putin und seinem Regime wirklich zu schaden, selbst wenn wirklich bereits elf Prozent der gesamten Ölraffinierungskapazität der Russischen Föderation zeitweilig ausser Kraft sind. Die durchschnittliche Ölmenge, die in Russland am Tag raffiniert wird, hat im Februar 2024 laut Bloomberg immer noch 5,21 Millionen Barrel betragen, was trotz des Rückgangs durch die Drohnenattacken sehr viel ist.

Diesel für Russlands Panzer wird so schnell nicht knapp

Jetzt auf

In Russland und der Sowjetunion wurde über die Jahrzehnte eine riesige Erdöl- und Gas-Industrie aufgebaut, und diese kann Wladimir Putin energietechnisch noch eine ganze Zeit über den Krieg helfen. Die Reserven sind gross, denn es gibt ausser den grossen Anlagen auf russischem Gebiet auch zahlreiche Miniraffinerien, und viele von ihnen liegen ausserhalb des 1'000-Kilometer-Radius der ukrainischen Drohnen.

Ausserdem laufen die meisten Betriebe weit unterhalb ihrer Höchstkapazität, sodass ein Ausfall durch das Hochfahren anderer Raffinerien ausgeglichen werden könnte, schrieb die Agentur Bloomberg in einer weiteren Analyse vor wenigen Tagen. Es sind also vorerst eher Nadelstiche, die die Ukraine mit ihren Drohneneinsätzen Putin zufügt.

Ohnehin wären die russischen Militärs wahrscheinlich die letzten, die etwas von einem Treibstoffmangel zu spüren bekommen. Diesel für Russlands Panzer und Militärfahrzeuge würde so schnell nicht knapp, dafür müssen Russlands Raffineriekapazitäten schon ziemlich weit am Ende sein.

Dass Wladimir Putin in seinem imperialen Wahn den Krieg gegen die Ukraine weiterführen will, hat er zuletzt in seiner Wahlsiegesfeier auf dem Roten Platz deutlich gemacht, als er sich für die Besetzung ukrainischen Gebiete bejubeln liess. Kluge von der SWP meint daher, die Ukraine haben bislang nur an der Oberfläche gekratzt. Die Angriffe der Ukraine dürften weitergehen. Viele Möglichkeiten, Russland wirklich zu treffen, hat die Ukraine zurzeit auch nicht.

Dieser Artikel wurde zuerst auf Zeit Online veröffentlicht. Watson hat eventuell Überschriften und Zwischenüberschriften verändert. Hier geht’s zum Original.

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18 Kommentare
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frank frei
28.03.2024 07:44registriert September 2018
Steigende Öl- und Benzinpreise unerwünscht? Dann liefert den Ukrainern doch endlich das, was sie brauchen, um die russische Militär-Logistik und die russischen Militärflughäfen hinter der Frontlinie angreifen zu können. Im Moment können die Ukrainer nur an ihren defensiven Befestigungsanlagen weiter bauen und den russischen Vormarsch verlangsamen.
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