Wie Putin ewig leben will
Als ein Gespräch zwischen Wladimir Putin und Xi Jinping von einem heissen Mikrofon über Organtransplantationen eingefangen wurde, wurde dies rasch als Smalltalk zwischen zwei Staatsoberhäuptern abgetan. Jetzt aber enthüllt das «Wall Street Journal», dass weit mehr dahintersteckt. Putin soll rund 26 Milliarden Dollar für die Longevity-Forschung ausgeben und Russland zur führenden Nation auf diesem Gebiet machen.
Der Fitness-Spleen des russischen Präsidenten ist bekannt. Regelmässig trainiert er in seinen privaten Gyms. Gerne lässt er sich mit nacktem Oberkörper in Eiswasser ablichten, und auch als 73-Jähriger stürzt er sich in einen Judoanzug oder stolpert in einer Eishockey-Montur übers Eisfeld. Zudem hat Putin panische Angst vor Ansteckungen. Wer ihm nahekommen will, muss zunächst eine Reihe von Gesundheits-Checks über sich ergehen lassen.
Die Longevity-Leidenschaft teilt Putin mit einer ganzen Reihe von amerikanischen Tech-Oligarchen. So wollen unter anderem Peter Thiel, Sam Altman und Jeff Bezos dem Sensemann ein Schnippchen schlagen. Angeregt von Ray Kurzweils Thesen, einem amerikanischen Erfinder und Futuristen, gibt es im Silicon Valley eine Singularity University, an der ebenfalls am ewigen Leben geforscht wird, notfalls kann dieses Leben auch als Software im All stattfinden.
Putin hingegen will als Mensch aus Fleisch und Blut so alt wie möglich werden. Die russischen Wissenschaftler legen deshalb den Schwerpunkt ihrer Forschung auf zwei Dinge: Bioprinting, das Herstellen von menschlichem Gewebe in einem 3D-Drucker, und Xenotransplantation, das Züchten von menschlichen Organen in Schweinen. Gegenüber dem «Wall Street Journal» bestätigt die Pressestelle des Kremls diesen Befund. «Diese Projekte werden vom Staat unterstützt, und viele wissenschaftliche Institutionen und Forschungsanstalten sind daran beteiligt.»
Zwei prominente Figuren überwachen diese Forschung. Die eine davon ist Putins Tochter Maria Vorontsova, eine Endokrinologin, und die andere der Physiker Mikhail Kovalchuk. Beide sind überzeugt, dass Longevity mehr ist als ein Mode-Hype. «Unsterblichkeit zu diskutieren ist zwar schwierig», erklärt Kovalchuk. «Aber die Möglichkeit, den Menschen zu verbessern, wird sich zweifellos verbessern.»
Longevity-Forschung gab es in Russland lange bevor dieser Begriff überhaupt existierte. Ein weiterer prominenter Vertreter war der Gerontologe Wladimir Khavinson. Dieser hatte sich auf Antiaging-Therapien mit Gewebe von Kälbern spezialisiert. Darauf setzen auch der US-Gesundheitsminister Robert F. Kennedy und der Blogger Joe Rogan. Khavinson wollte mit dieser Therapie mindestens 120 Jahre alt werden. Es hat nicht ganz geklappt. Er verstarb 2024 im zarten Alter von 77 Jahren.
Der Longevity-Hype hat generell etwas Surreales, vor allem aber in Russland, liegt doch die Lebenserwartung der Menschen in diesem Land gerade mal bei mageren 68 Jahren. Zum Vergleich: In der Schweiz werden Frauen durchschnittlich 85,8, Männer 82,2 Jahre alt.
Nebst übermässigem Wodka-Konsum drückt derzeit auch der Krieg in der Ukraine die Lebenserwartung der Männer. Die Verluste der russischen Armee sind immens. Verschiedene voneinander unabhängige Quellen kommen zum Schluss, dass insgesamt rund 1,2 Millionen russische Soldaten entweder getötet oder schwer verwundet worden sind. Derzeit werden monatlich rund 30'000 Soldaten ausser Gefecht gesetzt.
In den vergangenen Monaten hat sich der Charakter des Krieges grundsätzlich verändert. So stellt der «Economist» in seiner jüngsten Ausgabe fest: «Die Technologie erschwert es einer Armee, Geländegewinne zu erzielen. Sie macht es auch schwächeren Mächten möglich, sich gegen die Angriffe von Stärkeren zur Wehr zu setzen.»
Dank neu entwickelten Drohnen setzen die Ukrainer diese Erkenntnisse bilderbuchmässig um. Sogenannte Unmanned Aerial Vehicles (UAVs) könnten weit hinter die russische Front eindringen und die Logistik des Gegners massiv stören. In den letzten Monaten ist der russische Vormarsch im Donbas de facto zum Stillstand gekommen. Alyona Getmanchuk, die Chefin der ukrainischen Delegation bei der Nato, erklärt deshalb gegenüber der «Financial Times»: «Wir befinden uns jetzt in der stärksten Position seit Ausbruch des Krieges.»
Russland zollt in der Ukraine nicht nur einen hohen Blutzoll. Die «Financial Times» meldet auch, dass der idiotische Krieg ein gewaltiges Loch in die Staatskasse reisst. Obwohl die Einnahmen dank des gestiegenen Ölpreises zugenommen haben, beträgt das Defizit mit rund 28 Milliarden Dollar bereits eine Höhe, die für das gesamte Jahr vorgesehen war. Dabei fliessen rund 40 Prozent der Staatsausgaben in den Krieg. Für zivile Projekte fehlt das Geld. Das dürfte sich in den kommenden Monaten noch verschlimmern. Finanzminister Anton Siluanov hat angekündigt, dass – mit Ausnahme der Verteidigung – sämtliche Ausgaben eingefroren werden sollen.
Der engere Kreis um Putin ist über 70 Jahre alt. Das mag dessen Wunsch nach Longevity erklären, genauso wie die Dummheit des Krieges gegen die Ukraine. Die alten Männer im Kreml checken ganz einfach nicht mehr, was abgeht. Oder wie der «Economist» schreibt: «Weil die militärische Technologie immer klüger wird, ist es immer dümmer, Kriege zu führen.»
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