Schwedens weinende Knaben – das dreckigste Spiel der WM-Geschichte?
Mattias Ekholm (36) ist kein Nasenbohrer. Weit über 1000 Spiele in der NHL (inklusive Playoffs) und Weltmeister 2018. Gerade deshalb ist sein Gejammer nach der Niederlage gegen die Schweiz bemerkenswert. Erst klagt der Verteidiger, in den ersten zwei Dritteln hätte es drei Fünfminuten-Auschlüsse gegen die Schweizer geben müssen (es gab nur den gegen Dean Kukan). Dann wird er gefragt, ob er der Analyse eines finnischen Spezialisten zustimme, dass diese Partie das dreckigste Spiel der WM-Geschichte gewesen sei.
Mattias Ekholm hat sich auch noch ein wenig über die Schiedsrichterleistung ausgeweint. Der Entscheid, das zweite Tor zu annullieren, sei hart gewesen. War es nicht. Sondern ein richtiger Entscheid basierend auf glasklaren TV-Bildern. Alles in allem ein miserabler Verlierer. Immerhin sagt er noch, die Schweiz werde wohl das Turnier gewinnen und er würde Roman Josi den WM-Titel gönnen.
Der Schwede war elf Jahre lang Roman Josis Teamkollege in Nashville.
Ein schmutziges Spiel? Das ist – excusez l‘expression – barer Unsinn. Gottérons Leitwolf Christoph Bertschy, angesprochen auf diese Beurteilung, bringt es auf den Punkt:
Das ist es: Die Schweden hatten sich über die Jahrzehnte daran gewöhnt, die Schweizer auch mit Härte in Schach zu halten. Verständlich: Jede spielerische Herrlichkeit, jede Tempofestigkeit, jede Kreativität ist in der Vergangenheit an den robusten Skandinaviern zerbrochen. Aber eben nicht mehr an diesem denkwürdigen Donnerstagabend in Zürich.
Das bedeutet: Wenn sich selbst hartgesottene Schweden mit mehr als 1000 NHL-Partien in den Knochen wie weinende Knaben über die Härte der Schweizer beklagen, dann ist das eigentlich das grösste Kompliment, das je einem helvetischen WM-Team gemacht worden ist. Dabei waren die Schweden in Zürich im Schnitt etwas mehr als ein Zentimeter grösser und ein Kilo schwerer. Statistisch also härter.
Die Schweizer sind offensichtlich so robust wie nie. Das ist eine zentrale Voraussetzung, um den Final zu erreichen und dort gegen Kanada oder Finnland zu bestehen.
Auch die Statistik sagt, dass es kein schmutziges Spiel war: Bloss 41 Strafminuten (35 gegen die Schweiz, 6 gegen Schweden), die ohne Folgen blieben: Die Schweizer haben das beste Boxplay dieser WM und kassierten gegen die Schweden keinen Powerplay-Treffer.
Richtig böse waren die Schweizer bis heute eigentlich nur in einem Länderspiel: Am 12. Februar 1998 kam es in Huttwil gegen Kanada zu einer Massenschlägerei. Die Schweizer kassierten 93 Strafminuten, siegten 3:2 und kamen anschliessend bei der WM 1998 in Zürich und Basel völlig überraschend bis in den Halbfinal (4. Schlussrang).
Eine Frage ist noch interessant: Sam Hallam beendet seine Zeit als schwedischer Nationaltrainer nach vier Jahren mit einer kläglichen Bilanz: Erste Niederlage der Geschichte in einem K.o.-Spiel gegen die Schweiz, dreimal bei Titelturnieren (Olympia/WM) im Viertelfinal gescheitert und nur zwei Bronzemedaillen. Muss sich Servettes Sportdirektor Marc Gautschi Sorgen machen? Er hat den Schweden ab nächstem Herbst für drei Jahre unter Vertrag genommen.
Schwedische Gewährsleute beruhigen und sagen, Sam Hallam sei halt mehr ein Trainer für das Tagesgeschäft bei einem Klub und weniger geeignet für den Job als Nationaltrainer. Tatsächlich hat er mit den Växjö Lakers drei Titel geholt (2015, 2018, 2021).
Ganz scheint Servettes Sportdirektor der Sache inzwischen nicht mehr zu trauen. Er hat vorsichtshalber Marco Bayer als Assistenten verpflichtet. Der Zürcher hat bei den ZSC Lions bereits aufs eindrücklichste bewiesen, dass er ein Team im Laufe einer Saison als Cheftrainer übernehmen und zu grandiosen Erfolgen führen kann: Ende Dezember 2024 hat er in Zürich Cheftrainer Marc Crawford ersetzt, der aus gesundheitlichen Gründen in die Heimat zurückkehrte – und gewann den Titel 2025 plus die Champions League 2025. Eine Entlassung von Sam Hallam wäre sowieso kein Problem: Marc Gautschi hat nicht zu wenig, er hat zu viel Geld zur Verfügung.
- Tippe jetzt die K.o.-Spiele! Und schau hier, wie gut du dich im Tippspiel schlägst
- Die Schweiz schlägt «Angstgegner» Schweden und steht an der Heim-WM im Halbfinal
- Hier verkündet Federer die Starting-Six der Hockey-Nati: «Das war eine andere Liga»
- Kanada bezwingt Erzrivale USA +++ Norwegen im Halbfinal +++ Finnland schlägt Tschechien
