Robert F. Kennedy Jr. und das Impfen
Seit Covid ist Impfen zu einem heissen politischen Eisen geworden. Das zeigt hierzulande die Diskussion um den entlassenen Eishockey-Trainer Patrick Fischer, die immer noch Nachbeben erzeugt. In den USA liegt das Zentrum des Bebens beim Gesundheitsminister, Robert F. Kennedy Jr.
Dabei geht es nicht um Covid, sondern um Masern. Diese Krankheit hat lange Angst und Schrecken verbreitet, vor allem in Nordamerika. Sie hat nicht nur die Mehrheit der Eingeborenen getötet, es gibt auch kaum einen Roman oder eine Biografie aus der Zeit vor dem 20. Jahrhundert, in denen der Tod eines oder mehrerer Familienmitglieder nicht für eine Tragödie gesorgt hätte.
Masern sind in den USA auf dem Vormarsch
Deshalb ist es erschreckend, dass ausgerechnet diese Krankheit in den USA wieder auf dem Vormarsch ist. Allein in diesem Jahr sind bereits 1700 Fälle gemeldet worden. Zum Vergleich: Im gesamten Jahr 2000 waren es gerade mal 70.
Dazu kommt, dass Masern auch eine Art vorauseilender Indikator für weitere schlimme Krankheiten sind. So erklärt Scott Harris, Gesundheitsminister im Bundesstaat Alabama, in der «New York Times»: «Die rasche Zunahme der Masern-Fälle ist ein Signal dafür, dass auch andere Teile unseres Impfprogramms gefährdet sind, und dass andere Krankheiten folgen könnten.» Dr. Scott erwähnt dabei Keuchhusten oder HIB, eine durch Bakterien verursachte schwere Grippe.
Dabei schienen die Masern dank eines billigen und wirksamen Impfstoffes bereits besiegt zu sein. Weil weit über 90 Prozent der Kinder geimpft wurden und weil dieser Impfstoff nicht nur billig, sondern auch ungefährlich ist, war das Ziel, die Masern auszurotten, in greifbare Nähe gerückt. Dann veröffentlichte 1998 die renommierte Medizin-Fachzeitschrift «The Lancet» eine Studie, welche einen angeblichen Zusammenhang zwischen der Masern-Impfung und Autismus postulierte.
Diese Studie ist inzwischen x-fach widerlegt worden und auch der «Lancet» hat sich davon distanziert. Trotzdem hält sich der Autismus-Verdacht weiterhin hartnäckig, und Kennedy ist der prominenteste Vertreter dieser Schwurbler-These. Damit wurde er auch zum Bannerträger einer Bewegung, die mittlerweile in Anlehnung an MAGA das Kürzel MAHA trägt (Make America Healthy Again).
Kennedy einen Exzentriker zu nennen, wäre stark untertrieben. Dem Sohn von Robert Kennedy und Neffe von John F. Kennedy wurde schon als Kind eingetrichtert, zu Höherem geboren worden zu sein. Wie Isabel Vincent in ihrem soeben erschienenen Buch «RFK Jr.» schreibt, soll Robert von seinem Vater immer wieder mit seinem Onkel, dem Präsidenten, verglichen worden sein. Deshalb sah er sich schon als Knirps als den wahren Erben von Camelot. So nannte Präsident Kennedy in Anlehnung an die Tafelrunde des mystischen Königs Artus sein Kabinett.
Unbekannte hatten Vincent die Tagebücher von Kennedy zukommen lassen. Sie zeigen, dass dieser die Ermordung seines Vaters jahrelang nicht verkraften konnte. Er wurde schwer drogensüchtig. Kürzlich bekannte er selbst, dass er in seiner Jugend Kokain von Toilettenringen geschnupft habe.
Vor Jahren machte Kennedy auch Schlagzeilen mit der Aussage, er habe einen Wurm in seinem Hirn gehabt. Oder er habe einen toten Jungbären, den er am Strassenrand gefunden hatte, im New Yorker Central Park platziert, oder den Kopf eines toten Wals nach Hause gebracht. Einen ähnlich bizarren Vorfall schildert auch Vincent: Bei einem Ausflug mit seinen Kindern fand Kennedy einen toten Waschbären und schnitt dessen Penis ab, um diesen zuhause näher zu inspizieren.
Robert Kennedy hat nie Medizin, sondern Jurisprudenz studiert. Als engagierter Anwalt für Umweltanliegen legte er den Grundstein zu seiner politischen Karriere. Dazu kam sein berühmter Name, und so erhoffte er sich, dereinst ebenfalls im Oval Office Platz nehmen und damit die Familientradition weiterführen zu können. Er hat jedoch auch die Schattenseite der Kennedys geerbt, gilt er doch als übler Frauenheld, der sich selbst an die Freundinnen seiner Söhne heranmachte.
Traditionsgemäss wollte Kennedy auch als Demokrat seine hochgehängten Ziele erreichen. Dabei musste er bald erkennen, dass er chancenlos war. Deshalb wechselte er ins Trump-Lager. Der Präsident war erstens sehr erpicht darauf, einen Kennedy in seiner Tafelrunde zu haben, und er erkannte auch dessen politisches Potenzial.
MAHA ist mittlerweile zu einem nicht zu unterschätzenden Faktor in der amerikanischen Politlandschaft geworden. So hat einst Steve Bannon erklärt: «Wenn wir MAGA mit MAHA fusionieren, werden wir auf lange Zeit unschlagbar.»
Eine Ehe der beiden ist jedoch kein Honigschlecken, zu unterschiedlich sind teilweise die Interessen. Dass Kennedy sich dafür einsetzt, dass die Amerikanerinnen und Amerikaner weniger Convenience-Food essen, wird allgemein gewünscht, jedoch weit weniger auch in die Tat umgesetzt. Kein Wunder, wenn selbst der Präsident regelmässig Hamburger und Chicken Nuggets vertilgt. Kennedy schwört derweil auf rotes Fleisch und rohe Milch.
Inzwischen ist er auch zu einem Fitness-Freak geworden. Dabei pflegt er seine Turnübungen jeweils mit nacktem Oberkörper und in verwaschenen Jeans zu absolvieren. Gelegentlich wird er dabei vom Altrocker Kid Rock begleitet und gefilmt.
In der Impffrage jedoch hat Kennedy die Mehrheit der Amerikaner gegen sich. Deshalb hat ihm Susie Wiles, die mächtige Stabschefin des Weissen Hauses, nahegelegt, er möge das Thema doch besser meiden. Inzwischen hat Kennedy denn auch der Nomination von Erica Schwartz zur Leiterin des Centers for Disease Control (CDC) zugestimmt. Sie gilt als Vertreterin der traditionellen Medizin und als Impfbefürworterin. Zuvor hatte er führende Positionen des CDC mit Impfgegnern besetzt.
Kennedys Teilrückzug in der Impffrage ist – wenn auch grummelnd – von der MAHA-Gemeinde aufgenommen worden. Nicht akzeptieren will sie hingegen, dass der Gesundheitsminister auch bei der Pestizidfrage den Schwanz eingezogen hat. Es geht dabei um Glyphosat, bekannt auch durch den Markennamen Roundup.
2018 hatte Kennedy noch eine 218-Millionen-Dollar-Schadenersatzklage gegen den Agrochemie-Konzern Monsanto gewonnen. Es wird vermutet, dass Glyphosat Krebs erzeugen kann. Unter dem Druck der mächtigen US-Agrarlobby hat Trump jedoch kürzlich eine präsidiale Weisung unterschrieben, welche die Produktion von Roundup weiterhin erlaubt.
MAHA-Mütter sind wütend
Weil Kennedy das Vorgehen zwangsläufig verteidigen musste, hat er den Zorn von MAHA auf sich geladen. Kelly Ryerson, eine wichtige Vertreterin der Bewegung, explodierte förmlich: «Die Mütter dieses Landes werden bei den Zwischenwahlen höchstwahrscheinlich nicht mehr für die Republikaner stimmen», postete sie auf X. Kennedy soll seinen Wunsch, Präsident der Vereinigten Staaten zu werden, noch nicht begraben haben.
Nicht nur sein Alter – er ist inzwischen 72 Jahre alt – dürfte ihn daran hindern, sondern auch die Tatsache, dass die Allianz von MAGA und MAHA wohl keine Ehe ist, die im Himmel geschlossen wurde.
