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Analyse

Wladimir Putin und die Grosse-Männer-Geschichts-These

03.04.2022, 09:4603.04.2022, 12:10

Calamity Jane war ein Flintenweib zu Zeiten des Wilden Westens. Nachdem sie reihenweise böse Männer niedergeschossen hatte, begab sie sich mit einer Show auf Tournee. Höhepunkt der Vorstellung war, wenn Jane jeweils einem mutigen Freiwilligen mit einem Schuss aus ihrem Revolver eine brennende Zigarette auslöschte.

Einmal trat der Calamity-Jane-Zirkus auch in Deutschland auf, und einer der mutigen Freiwilligen war der junge Kaiser Wilhelm II. Was wäre geschehen, hätte Jane für einmal ein paar Zentimeter daneben gezielt und den kriegsgeilen Kaiser getötet? Wie wäre dann die Geschichte Europas und der Welt verlaufen?

Spekulationen dieser Art sind beliebt bei den Anhängern der Theorie, wonach die Geschichte und die Geschicke der Menschen primär von «grossen Männern» – oder im Ausnahmefall auch von «grossen Frauen» – bestimmt wird. Die Gegenthese dazu ist der dialektische Materialismus im Sinne von Karl Marx und Friedrich Engels.

Historikerin vom Weltruf: Margaret MacMillan.
Historikerin vom Weltruf: Margaret MacMillan.

Deren Kernthese lautet: Das Sein bestimmt das Bewusstsein. Will heissen: Die Geschichte ist das Resultat der wirtschaftlichen Bedingungen und entwickelt sich gemäss dem Gesetz von These-Antithese-Synthese, bis die Menschen endlich im kommunistischen Himmel landen.

Zurück zu den grossen Männern. Margaret MacMillan greift die These am Beispiel von Wladimir Putin auf. MacMillan gehört zu den bedeutendsten Historikern der Gegenwart, lehrte lange an der Oxford University und ist heute an der London School of Economics tätig. Sie hat mehrere herausragende Bücher, vor allem über den Ersten Weltkrieg und dessen Folgen, verfasst.

Im Magazin «Foreign Affairs» stellt MacMillan einleitend fest: «Die moderne Geschichte hat mit zahlreichen Bespielen bewiesen, dass die grössten Konflikte und deren Ausgang oft ebenso stark von der Führung durch eine Person entschieden wurden wie durch objektive Faktoren wie Ressourcen und militärische Stärke.»

Wladimir Putin ist ein typisches Beispiel dieser These. Seit mehr als 20 Jahren ist er an der Macht und hat mittlerweile ein System errichtet, in dem er mehr oder weniger allein entscheiden kann. Formell ist Putin zwar kein Zar, aber seine Herrschaft ist absolut. Materiell hat er alles, was ein Mensch begehren kann, bis hin zu einem absurden Palast am Schwarzen Meer mit eigenem Stripclub und goldenen WC-Schüsseln.

Wladimir Putin mit einer 13'000-Dollar-Windjacke.
Wladimir Putin mit einer 13'000-Dollar-Windjacke.Bild: keystone

Mit dem Westen hat Putin jahrelang Katz und Maus gespielt. Er ist in Georgien einmarschiert und hat sich die Krim einverleibt. Er hat Donald Trump ins Weisse Haus verholfen und die Nato und die EU geschwächt, indem er Rechtspopulisten mit Rat und Geld unterstützt. All dies hat keine, oder bloss oberflächliche Konsequenzen gehabt.

«Im Herbst 2021 hätte sich Putin zurücklehnen und die offensichtliche Schwäche seiner Gegner und seine wachsenden Gewinne aus dem Energiesektor geniessen können», so MacMillan. Welcher Teufel hat ihn also geritten, den Krieg gegen die Ukraine vom Zaun zu reissen?

MacMillan vergleicht Putin mit Adolf Hitler. Auch dieser hatte nach dem Anschluss Österreichs und der Einverleibung grosser Teile der Tschechoslowakei viel mehr erreicht, als er sich je hätte erträumen können. Doch auch der GröFaz verspielte danach alles, indem er mit dem Überfall auf Polen einen Weltkrieg auslöste.

Überschätzt sich Wladimir Putin wie Adolf Hitler?
Überschätzt sich Wladimir Putin wie Adolf Hitler?Bild: keystone

«Wie Hitlers Entscheid, einen Weltkrieg zu starten, ist Putins Entscheid, eine totale Invasion der Ukraine zum Wohl seines Landes zu unternehmen, sehr schwer als rationale Wahl zu verstehen», stellt MacMillan fest. Die Nato-Osterweiterung ist daher ein vorgeschobener Grund. Der russische Präsident ist letztlich von irrationalen Motiven getrieben.

Hitler hatte seine absurde Rassentheorie. «Putins Sicht der Welt ist eine toxische Mischung der Theorien seiner bevorzugten russischen Nationalisten», stellt MacMillan fest. «Einer davon ist Iwan Ilyin, ein russischer Faschist der Zwischenkriegsjahre, der die Ansicht vertrat, dass Gott Russland als einzig reine Macht auf der Erde bestimmt hat. Und Lew Gumilew, der überzeugt war, dass unterschiedliche Rassen durch kosmische Strahlungen entstanden sind, und dass die Russen als letzte davon betroffen waren und deshalb die jüngste und stärkste Rasse seien. Wie es der Zufall so will, hat Ilyin einen männlichen Führer vorausgesagt, der Russland zu neuen Triumphen führen würde.»

Wie Hitler handelt Putin letztlich selbstzerstörerisch. Während der deutsche Diktator seine Soldaten weiterkämpfen liess, obwohl der Krieg längst verloren war, hat Putin den Wohlstand und das Ansehen der Russen wahrscheinlich auf Jahrzehnte hinaus zerstört. «Wäre Putin ein rationaler Führer und darauf bedacht, seine eigene Position und Russlands Stellung in der Welt zu schützen, dann hätte er dies niemals mit einem gewaltigen Krieg aufs Spiel gesetzt», so MacMillan.

Einer von Hitlers bedeutendsten Gegenspieler war Winston Churchill. Ihn vergleicht MacMillan mit Wolodymyr Selenskyj. Heute gilt Churchill als grosser Staatsmann, in den Dreissigerjahren war er ein politisches Wrack. Als Kriegsminister hatte er im Ersten Weltkrieg die britischen Truppen in die verhängnisvolle Niederlage gegen die Türken auf der Halbinsel Gallipoli geführt. Danach machte er vor allem durch seinen Alkoholkonsum von sich reden.

Neues Männlichkeits-Symbol: Wolodymyr Selenskyj.
Neues Männlichkeits-Symbol: Wolodymyr Selenskyj.Bild: keystone

Kriegerische Zeiten schaffen unvorhergesehene Helden. Als Churchill unverhofft zum Premierminister erkürt wurde, wurde er auch zum Mann, der die Briten dazu überreden konnte, Hitler die Stirne zu bieten und die Deutschen niederzuringen.

Wolodymyr Selenskyj war bis zum Ausbruch des Krieges alles andere als ein herausragender Führer. Seine Umfragewerte befanden sich im Keller, er schien in seinem Amt überfordert zu sein. Heute geniesst Selenskyj nicht nur die Bewunderung der Ukrainer, sondern der ganzen Welt. Sein Ausspruch, er brauche kein Taxi, sondern Munition, ist bereits Legende. Seine Auftritte im olivgrünen T-Shirt sind zum Symbol einer neuen Männlichkeit geworden und stehen im Gegensatz zum aufgedunsenen, bleichen Putin, der sich hinter einem absurd langen Tisch versteckt.

Putin hat sich verzockt. Genau das macht ihn heute so gefährlich. Hitler war letztlich ausserstande, Deutschland mit sich in den Tod zu reissen. Putin hingegen hat mehr als genug Atomwaffen, um die ganze Welt auszulöschen. Deshalb warnt MacMillan: «Ein einziger Kriegsmonat in der Ukraine hat bereits gezeigt, dass die persönlichen Eigenschaften eines Führers weit mehr Konsequenzen haben können als harte militärische Macht. Und der Westen ignoriert dies auf eigene Gefahr.»

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71 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Stefan003
03.04.2022 10:33registriert Juni 2020
Ich denke die "grosse Männer"-Theorie ist schon sehr zutreffend. Die Schweiz hatte besipielsweise das Glück, dass der eigene Bürgerkrieg sehr schnell und unblutig endete, was wir Dufour zu verdanken haben. Wäre das nicht so gewesen, hätte es vielleicht Jahrzehnte gedauert, bis die Schweiz sich versöhnt hätte, wenn überhaupt. Dann wäre die Schweizer Geschichte vermutlich sehr anders verlaufen. Genauso bin ich sicher, dass es ein absoluter Wendepunkt in der Ukrainischen Geschichte ist, das Selenski eben nicht geflohen ist, wie es die meisten Regierungschefs getan hätten (Siehe Afghanistan).
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Linus Luchs
03.04.2022 11:45registriert Juli 2014
Es erscheint mir erschreckend plausibel, was Margaret MacMillan aufzeigt. Aber zu ihrer Feststellung, der Westen würde die grosse Gefahr, die von Putin ausgeht, auf eigene Gefahr ignorieren, würde mich brennend interessieren, was der Westen ihrer Meinung nach jetzt tun soll. Bis Hitlers Amoklauf beendet war, sind rund 70 Millionen Menschen umgekommen. Wie kann der Irre im Kreml gestoppt werden, ohne dass noch einmal Millionen Menschen sterben oder gar das Leben auf der Erde erlöscht?
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du_bist_du
03.04.2022 10:24registriert Mai 2020
Ich finde ein Aspekt wird zu wenig beleuchtet im Vergleich und zwar die wirtschaftliche Lage.
Russland hat Ressourcen und hätte das Geld daraus einsetzen können um seine Wirtschaft weiterzuentwickeln. Medwedew hatte da Pläne hab ich mal gelesen, zumal gerade aus Deutschland eine hohe Bereitschaft da war, auch künftig mit Russland zu arbeiten.
Das dritte Reich wurde mit einer Wirtschaftskrise gross und korrigiert mich, das dritte Reich brauchte den Krieg zum Teil auch, um seinen gestarteten "Motor" aufrecht zu erhalten.
Das ist bei Russland überhaupt nicht der Fall gewesen...
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