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Sein tollpatschiges Auftreten täuscht: Boris Johnson ging es immer nur um das Eine.
Sein tollpatschiges Auftreten täuscht: Boris Johnson ging es immer nur um das Eine.Bild: keystone
Analyse

Egomane und Populist: Boris Johnson war mehr als ein «Clown»

Nach seinem Rücktritt hinterlässt Boris Johnson eine zerrüttete Partei und ein gespaltenes Land. Das hat seine Logik, denn er hat sich immer nur für eines interessiert: sich selbst.
07.07.2022, 17:0308.07.2022, 15:05

Der Druck wurde zu gross: Bis Donnerstagmorgen legten immer mehr Regierungsmitglieder und Parteifunktionäre ihr Amt nieder. Und jene, die blieben, drängten den Premierminister eindringlich zum Rücktritt. Am Ende war es der erst am Dienstag zum Schatzkanzler beförderte Nadhim Zahawi, der Boris Johnson öffentlich das Messer in den Rücken stiess.

Spätestens zu diesem Zeitpunkt war dem 58-jährigen Regierungschef klar, dass er sich nicht länger an seinen Job klammern konnte. Johnson trat als Vorsitzender der Konservativen Partei zurück. Premierminister will er vorerst bleiben. Wie lange, wird sich zeigen. Nach seinen nur knapp drei Amtsjahren hinterlässt er verbrannte Erde.

Die stolzen Tories sind eine zerrüttete Partei. Das Vereinigte Königreich ist ein gespaltenes Land, das in absehbarer Zeit in seine Einzelteile zerfallen könnte. Der von Johnson eisern durchgezogene Brexit entpuppt sich immer mehr als grandioses Desaster. In der breiten Bevölkerung hat der einst populäre Premier so ziemlich jeden Kredit verspielt.

Ein Upperclass-Zögling

Zu lange hatte man den Blondschopf mit der Strubbelfrisur als Clown missverstanden. Als Luftikus, der es mit der Wahrheit nicht so genau und das Leben von der lockeren Seite nimmt. Obwohl Alexander Boris de Pfeffel Johnson ein Upperclass-Zögling mit entsprechender Ausbildung (Eton, Oxford) ist, kam er mit dieser Masche sogar bei der Arbeiterklasse an.

Sein tollpatschiges Auftreten verdeckte seinen wahren Charakter: Boris Johnson ist ein rücksichtsloser Egomane, der alles einem Ziel unterordnete: dem Einzug in die Londoner Downing Street Nr. 10. Seine Überzeugungen gestaltete er entsprechend flexibel. Als Bürgermeister der progressiven Hauptstadt gab er den grün angehauchten Velofahrer.

Für oder gegen den Brexit?

Danach fiel er dem damaligen Premierminister David Cameron in den Rücken, indem er sich an die Spitze der Kampagne für den Austritt Grossbritanniens aus der Europäischen Union stellte. Es ging ihm dabei nur um seine Karriere, denn bis zuletzt schwankte er, ob er sich für oder gegen den Brexit engagieren sollte. Er hatte sogar eine Pro-EU-Kolumne vorbereitet.

Boris Johnson kämpfte für den Brexit, nicht aus Überzeugung, sondern aus Kalkül.
Boris Johnson kämpfte für den Brexit, nicht aus Überzeugung, sondern aus Kalkül.Bild: EPA/EPA

Sein populistisches Kalkül ging nur bedingt auf. Vor sechs Jahren votierte das britische Stimmvolk zwar für den Brexit. Johnsons Hoffnung, er könne Cameron beerben, erfüllte sich vorerst jedoch nicht. Theresa May wurde Premierministerin und Johnson Aussenminister. Laut Insidern war er in diesem Amt eine Fehlbesetzung. Nach zwei Jahren trat er zurück.

Regeln galten für ihn nicht

Als «Hinterbänkler» im Parlament machte er May das Leben schwer, bis die durch den Dauerknatsch um den Brexit zermürbte Regierungschefin das Handtuch warf. Im Juli 2019 war Boris Johnson am Ziel. Und vorerst lieferte er: Die Konservativen führte er zu einem glänzenden Wahlsieg, den EU-Austritt zog er ohne Rücksicht auf Verluste durch.

Wie jeder Egomane und Populist hielt sich aber auch Johnson an die Devise, dass Regeln für alle gelten, nur nicht für ihn selbst. Das zeigte sich bei der teuren Renovation seiner Dienstwohnung, die er von Parteispendern bezahlen liess. Und erst recht bei den Partys, die während der Corona-Lockdowns an der Downing Street Nr. 10 stattfanden.

Viel versprochen, wenig geliefert

Sogar an jenem Tag, an dem Queen Elizabeth im April 2021 wegen Corona ganz allein auf der Kirchenbank auf Schloss Windsor von Prinz Philip Abschied nehmen musste, wurde am Amtssitz des Premiers gefeiert. Es war für viele Briten ein absolutes Sakrileg. Johnson reagierte bei «Partygate» wie immer: Er stritt ab, bis es nichts mehr zu widerlegen gab.

Nicht nur deshalb stürzten seine Zustimmungswerte in den Keller. Bei den Wahlen 2019 hatte er zahlreiche traditionelle Labour-Wahlkreise im Norden Englands erobert, indem er den Menschen allerlei Wohltaten versprach. Geliefert hat er wenig. Statt des Aufbruchs in eine glorreiche Post-Brexit-Welt droht Grossbritannien der wirtschaftliche Abstieg.

Kein zweiter Churchill

Der Sexskandal um den Abgeordneten Chris Pincher war am Ende die eine Affäre zu viel. Manche bedauern Johnsons Abgang, weil er der vehementeste westliche Unterstützer der Ukraine im Krieg gegen Russland war. Es war ein Pluspunkt und zeigte, wozu er fähig gewesen wäre, wenn er sich mehr der Sache und weniger seinem Ego gewidmet hätte.

Boris Johnson war kein lustiger Clown. Und schon gar kein zweiter Winston Churchill, denn das Wohl seines Landes hat ihn nie wirklich interessiert. Seine Nachfolgerin oder sein Nachfolger wird den Trümmerhaufen aufräumen müssen, den er hinterlässt.

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Boris Johnson

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53 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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insert_brain_here
07.07.2022 17:24registriert Oktober 2019
Populist aus reichem Haus interessiert sich keinen Deut um das Wohlergehen der einfachen Bevölkerung sondern sucht immer nur den eigenen Vorteil. Schon faszinieren wie Wähler auf der ganzen Welt immer und immer wieder auf die gleiche Masche hereinfallen.

Gerade aktuell z.B. der neue Präsident der Philippinen Ferdinand Marcos Jr., der 36 Jahre nachdem der Senior das Land als Diktator ruiniert hat jetzt auch noch die Gelegenheit bekommt sich die Taschen zu füllen.
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Ende der Fahnenstange
07.07.2022 17:28registriert Juni 2021
Das Gefährliche an solchen Figuren ist und bleibt, dass sich immer (wieder...) genügend Leute finden, die sie unterstützen und wählen.
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kleine_lesebrille
07.07.2022 18:12registriert Mai 2022
Erstklassiger Populist, drittklassiger Premierminister. Und ein erstklassiger Scherbenhaufen für die/den Nachfolger/in sowie das britische Volk.
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