International
Analyse

Iran-Krieg trifft Energiemärtke: «Am LNG-Markt herrscht Panik»

epa12792680 The headquarters of state-owned petroleum company QatarEnergy, in Doha, Qatar, 03 March 2026. QatarEnergy has halted production of liquefied natural gas (LNG) and related products due to m ...
QatarEnergy gab am Montag bekannt, dass er wegen militärischer Angriffe seine Produktion einstellen muss.Bild: keystone
Analyse

Iran-Krieg trifft Energiemärtke: «Am LNG-Markt herrscht Panik»

Der Irankrieg trifft die globalen Energiemärkte ins Mark. Gas wird so teuer, dass Experten alarmiert sind. Wann kommen die extremen Preissprünge beim Verbraucher an?
04.03.2026, 10:1704.03.2026, 10:58
Kolja Rudzio, Marlies Uken / Zeit Online
Ein Artikel von
Zeit Online

Es sind keine guten Nachrichten, die aus der Golf-Region kommen – der Krieg trifft die Menschen vor Ort, aber auch die globalen Energiemärkte. QatarEnergy, immerhin zweitgrösster Flüssiggas-Produzent der Welt, gab am Montag bekannt, dass er wegen militärischer Angriffe seine Produktion einstellen muss. Am Dienstag legte der Staatskonzern sogar nach und gab den Produktionsstopp für weitere Chemikalien bekannt. Ausserdem sitzen inzwischen etwa 150 Öl- und Gastanker vor der Strasse von Hormus fest und können ihre kostbare Ware nicht ausliefern. Allein Katar bestreitet nach Angaben von Unicredit 93 Prozent der Flüssiggasexporte (LNG) durch die Strasse von Hormus.

Die Folge: ein Preisschock an der Börse. Der europäische Gaspreis für Lieferungen im April stieg am Dienstag zwischenzeitlich um mehr als ⁠100 Prozent im Vergleich zu Freitag, am Dienstag vormittag lag er bei rund 58 Euro. Das ist der höchste Stand seit drei Jahren. «Am LNG-Markt herrscht Panik», sagt Arne Lohmann Rasmussen, Chef-Analyst der auf die Energiemärkte spezialisierten Firma Global Risk Management.

Die Sorge ist, dass jetzt ein Preiskampf zwischen Asien und Europa um verbliebene Gasmengen losgeht. Bislang kauften asiatische Staaten vor allem am Golf ein, während die Europäer auf die USA setzten. Fällt Katar nun aus, nimmt die Konkurrenz um verfügbare Mengen auf dem Weltmarkt zu. Der Wettbewerb um die verbliebenen Kubikmeter würde «zu einem Aufwärtsdruck» beim Gaspreis führen, schreibt Unicredit in einer Analyse. Allerdings ist die Lage noch nicht so angespannt wie 2022, als nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine die Börsenpreise auf teilweise mehr als 330 Euro je Megawattstunde hochschossen. Damals drohte Russland, die Gasmengen via Nordstream 1 zu kürzen, es herrschte Angst, dass gar kein Gas mehr aus Russland komme.

In Deutschland hat die Bundesregierung auf den Gaspreissprung reagiert, indem sie die Krisen-Taskforce wiederbelebt, die schon zu Zeiten der Gasmangellage aktiv war. Am Mittwoch wird das Wirtschaftsministerium zudem den Bundestag im Ausschuss für Wirtschaft und Energie über die aktuelle Lage informieren. Auch auf EU-Ebene soll sich Mitte dieser Woche eine Gas-Koordinierungsgruppe treffen.

Ob Ministerium, Bundesnetzagentur oder Gashändler: Alle betonen indes, dass man in Deutschland weit entfernt sei von einer Gasmangellage. «Aktuell gibt es bei Uniper keine direkten Einschränkungen im LNG-Bezug», teilt eine Sprecherin von Uniper mit, einem der grössten Gashändler Europas. Es seien keine LNG-Lieferungen aus der betroffenen Region geplant, die die Strasse von Hormus passieren müssten.

Preisgarantien schützen Verbraucher

Es fehlt also nicht an Gas. Das Problem ist vielmehr der hohe Preis. Denn 15 Prozent des Gases wird auch zur Stromproduktion gebraucht. «Steigt der Gaspreis, hat das unmittelbare Folgen für den Strompreis», sagt Leon Hirth, Energieexperte an der Hertie School of Governance. «Die Erzeugungskosten in einem Gaskraftwerk sind von gestern auf heute bereits von 80 auf 100 Euro pro Megawattstunde gestiegen.» Zwar sind private Verbraucher durch Preisgarantien in ihren Strom- und Gasverträgen geschützt. Bei der Industrie schlagen die Preissprünge allerdings direkt durch.

Der steigende Gaspreis setzt ausserdem falsche Anreize, um die im Winter geleerten Gasspeicher zu füllen. Eigentlich – also in der Welt vor 2022 – wäre der Preis nun niedrig, weil im Frühling und Sommer die Gasnachfrage der Heizkunden sinkt. Die Gashändler würden das Gas günstig einspeichern und zu hohen Preisen im nächsten Winter verkaufen. Am 1. April beginnt offiziell die Einspeichersaison.

Aktuell passiert mancherorts genau das Gegenteil: Die Händler verkaufen ihr Gas aus den Speichern. Und das, obwohl die Speicherstände bereits extrem niedrig sind, in Deutschland sind sie sogar so leer wie nie. Natürlich werde immer ein- und ausgespeichert, aber offenbar, so heisst es in der Branche, nutzten einige Gashändler die Aussicht auf kurzfristige Gewinne und verkauften ihr günstig eingekauftes Gas zu den aktuellen Krisenpreisen lieber am Markt. In Krisenzeiten gibt es eben immer Profiteure.

Fehlende Sanktionen für leere Speicher

Jetzt auf

Je niedriger die Füllstände, desto schwieriger, die Speicher über den Sommer hin wieder zu füllen. Schliesslich gibt es verbindliche Vorgaben, wie hoch der Füllstand der Speicher liegen muss, zu Beginn des Winters sollen es etwa mindestens 80 Prozent sein, so sieht es das Wortungetüm «Gasspeicherfüllstandsverordnung» vor. Allerdings hat die Politik nie definiert, wer am Ende dafür verantwortlich ist: Die Regierung? Die Gashändler? Und so gibt es auch keine Sanktionsmöglichkeiten, wenn die Füllstände nicht erreicht werden. Klar ist nur, dass in einem solchen Fall das Unternehmen Trading Hub Europe auf Staatskosten die Speicher füllt. Und das kann schnell Milliarden Euro kosten.

Braucht es also neue Regeln, vielleicht gar eine strategische Reserve des Staats? Österreich hält etwa eine Gasreserve vor, damit das Land zwei kalte Wintermonate überbrücken kann. Gashändler wie Uniper diskutieren bereits seit Wochen mit der Politik über eine Lösung und hätten gerne eine Umlage zur Finanzierung. Deutschlands Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) pocht weiter auf den Markt. «Die Speicherbefüllung muss marktlich erfolgen, staatliche Eingriffe können dies gegebenenfalls unterstützen oder ergänzen, aber nicht ersetzen», teilt eine Sprecherin am Dienstag mit. 

Dieser Artikel wurde zuerst auf Zeit Online veröffentlicht. Watson hat eventuell Überschriften und Zwischenüberschriften verändert. Hier geht’s zum Original.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Iran-Krieg in Bildern
1 / 20
Iran-Krieg in Bildern

USA und Israel haben am 28. Februar 2026 den Iran angegriffen. Diese Aufnahme zeigt den Abschuss einer Rakete von einem Schiff der US-Marine.

quelle: keystone
Auf Facebook teilenAuf X teilen
Statt über den Iran sprach Trump an der Pressekonferenz lieber über … Vorhänge
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
Du hast uns was zu sagen?
Hast du einen relevanten Input oder hast du einen Fehler entdeckt? Du kannst uns dein Anliegen gerne via Formular übermitteln.
11 Kommentare
Dein Kommentar
YouTube Link
0 / 600
Hier gehts zu den Kommentarregeln.
11
Trumps Hautausschlag am Hals: Die Krankenakte des US-Präsidenten wird immer länger
Donald Trumps jüngste öffentliche Auftritte lassen erneut die Gerüchte über seinen Gesundheitszustand hochkochen. Bei der Verleihung einer Medal of Honor im Weissen Haus präsentierte der US-Präsident einen grossflächigen Hautausschlag an der rechten Seite seines Halses. Die Rötung war bereits Mitte Februar aufgefallen, hat sich seither aber in Grösse und Form wesentlich intensiviert.
Zur Story