Mit «Schnelles Denken, Langsames Denken» hat der Psychologe Daniel Kahneman eines der einflussreichsten Sachbücher der Gegenwart verfasst. Gleich zu Beginn stellt er folgende Frage: Ein Mann ist sanftmütig, ordentlich, liest gerne Bücher und meidet Sportanlässe. Welchen Beruf übt er wahrscheinlich aus? Ist er Bibliothekar oder Bauer? Bibliothekar, lautet die spontane Antwort des «schnellen Denkens». Moment, wendet das «langsame Denken» ein und verweist darauf, dass es 20-mal mehr Bauern gibt als Bibliothekare und folgert daraus, dass die Wahrscheinlichkeit deshalb für den Bauern spricht.
In die Bibliothekar-Bauer-Falle tappen auch Donald Trump und seine Wahlkampf-Strategen. In den letzten Tagen konzentrieren sie sich auf die «Bro Vote», die Stimmen der Männer vorwiegend ohne Hochschulabschluss. Stolz vermelden sie beispielsweise, dass junge schwarze Wähler in Scharen ins Trump-Lager wechseln. Was sie dabei nicht realisieren, ist die Tatsache, dass dies – sollte es überhaupt stimmen – nur ein schwacher Trost sein kann. Junge schwarze Männer machen einen tiefen einstelligen Prozentsatz der Wählerschaft aus.
53 Prozent der Wähler hingegen sind weiblich, und bei den Frauen hat Kamala Harris einen grossen Vorsprung. Selbst wenn Trumps Vorsprung bei den jungen schwarzen Wählern weit grösser ist als derjenige von Harris bei den Frauen, spricht dies für die Vize-Präsidentin. Und ihr Vorsprung dürfte sich in den letzten Tagen nochmals vergrössert haben, denn Trump hat mit seinem Machismo die Frauen erneut vor den Kopf gestossen.
Den Auftakt bildete die als Abschluss der Kampagne gedachte Veranstaltung am vergangenen Sonntag im Madison Square Garden in New York. Was als ein «Fest der Liebe» geplant war, wurde ein vulgäre, nach Testosteron stinkende Macho-Veranstaltung. Alt-Wrestler Hulk Hogan zerriss einmal mehr sein T-Shirt, andere beschimpften die Demokraten als «degeneriert», bezeichneten Harris als «von Zuhältern gesteuert», und dann war noch die unsägliche Bemerkung des vermeintlichen Comedians Tony Hinchcliffe über Puerto Rico als «schwimmende Abfall-Insel».
Der Ex-Präsident hat mit paternalistischen Äusserungen die Frauen noch weiter verärgert. So hat er an seiner Rally gestern im Bundesstaat Wisconsin ausgerufen: «Ob die Frauen wollen oder nicht. Ich werde sie beschützen.» Zuvor schon hat Trump sich als Retter und Beschützer der Frauen erklärt, ungeachtet dessen, dass seine legendäre Aussage, er dürfe als Star den Frauen zwischen die Beine greifen, und ungeachtet dessen, dass er von einem Richter wegen seines sexistischen Verhaltens zu einer Strafzahlung von 80 Millionen Dollar verknurrt wurde.
Trumps Machismo ist nicht nur widerlich, er ist auch – wahlstrategisch gesehen – äusserst dumm. Das zeigt sein Umgang mit Nikki Haley. Obwohl sie dem Ex-Präsidenten im Vorwahl-Kampf mehrmals bescheinigt, er sei nicht mehr fit für das Amt, ist sie – wie fast alle Trump-Kritiker – danach zurückgekrebst und hat den Ring des Möchtegern-Königs geküsst.
Derzeit wäre Haley gar bereit, Trump aktiv in seinem Wahlkampf zu unterstützen. «Sie wissen, dass ich auf Standby bin», erklärte sie kürzlich. «Schauen Sie, wir sind doch im gleichen Team.» Team Trump hat jedoch dieses Angebot schnöde in den Wind geschlagen. Sie habe seit dem Juni nichts mehr von ihnen gehört, klagt Haley.
Dabei wäre ihre Unterstützung in diesem Zeitpunkt so wichtig. Haley könnte einen Teil der «Soccer Moms» in den Vorstädten – diese werden den Ausgang der Wahlen entscheidend beeinflussen –, dazu bringen, sich die Nase zuzuhalten und für Trump zu stimmen. Der Ex-Präsident hat Haley jedoch die kalte Schulter gezeigt und gefällt sich stattdessen in der Rolle der beleidigten Leberwurst.
Auch Haleys sehr berechtigte Warnung prallt an ihm ab. «Das ist nicht der Zeitpunkt, übertrieben maskulin aufzutreten und mit dieser Bromance aufzutrumpfen», so die ehemalige UNO-Botschafterin. «53 Prozent der Wählerschaft ist weiblich. Die Frauen werden wählen gehen. Ihnen ist es wichtig, wie sie angesprochen werden, und ihnen sind auch die Themen wichtig.»
Auch mit der unsäglichen Bemerkung über Puerto Rico hat sich das Trump-Team ein faules Ei erster Güte ins Nest gelegt. Die Sache ist noch keineswegs ausgestanden. Nicht nur der Latino-Star Bad Bunny hat sie zum Anlass genommen, sich für Harris ins Zeug zu legen. Ricky Martin und Jennifer Lopez haben mittlerweile nachgezogen. Die Empörung unter den Puerto-Ricaner ist gewaltig, und rund eine halbe Million Stimmberechtigte leben im Swing State Pennsylvania.
Anders als die Chaos-Veranstaltung der Republikaner war diejenige von Kamala Harris ein voller Erfolg. Sie fand auf der Ellipse vor dem Weissen Haus statt, dem Ort, an dem Trump am 6. Januar 2021 seine Anhänger zum Sturm aufs Kapitol aufgehetzt hat. 75’000 Anhänger strömten nach Washington, um die Vizepräsidentin zu feiern. Und sie wurden nicht enttäuscht. Harris gelang der Spagat, vor einer zweiten Amtszeit von Trump zu warnen und gleichzeitig eine Politik aufzuzeigen, welche die tiefe Spaltung der Menschen in den USA heilen kann.
Steinzeit-Machismo gegen neue Einigkeit, das sind die Kernaussagen der Endphase dieses so wichtigen Wahlkampfs. Allmählich scheint es Harris zu gelingen, mit ihrer Botschaft zu den Menschen durchzudringen. So sieht der Wahlbarometer des «Economist» wieder die Vizepräsidentin leicht im Vorteil – und sollte Kahneman mit seinem Bibliothekar/Bauer-Beispiel Recht behalten, so wird sie auch gewinnen.
Ich sehe es leider nicht ganz so positiv.
Beispiel Pennsylvania, dem ground zero der Wahlen. Wenn Harris dort verliert, dann verliert sie die Wahlen. Und in den Umfragen haben Harris und Trump beide 48% Zustimmung.
Und wenn man Trump sprechen hört, kommt da noch vieles dazu, welches auch in die Tonne gehört, von vielen Amis aber gefeiert wird.
Einen verurteilten Straftäter, welcher das Kapitol durch seine Anhängerschaft stürmen liess, für sich und seine Familie/Buddies Politik macht, den Sonderermittler gegen ihn, bei einer allfälliger Wahl sofort entlassen wird…
Schon verrückt, was für einen sich die Hälfte der Amis nochmals zum Präsidenten wünschen.