«Trump ist ein Sklave der Neocons»
Wem die «New York Times» ein zweistündiges Interview gewährt, der muss nicht ganz unbedeutend sein. Diese Ehre wurde kürzlich Tucker Carlson gewährt. Der ehemalige Fox-News-Starmoderator konnte sich im Weltblatt über den Iran-Krieg, Israel und Antisemitismus ausbreiten und auch darüber, weshalb er einmal mehr das Tischtuch mit Donald Trump zerschnitten hat.
Zweifellos ist Carlson eine schillernde Figur. Darin sind sich alle einig. Uneinig ist man jedoch in der Frage, ob er der nächste amerikanische Präsident sein wird oder ein windiger Opportunist ist, der bald einmal in der Versenkung verschwinden wird.
Tatsache bleibt, dass er sich derzeit nicht nur mit Trump zofft, sondern auch mit seinen ehemaligen Kollegen von Fox News. So beschimpft er Sean Hannity und Mark Levin als Neocons. Levin keilt zurück und bezeichnet Carlson neuerdings als «marxistisch-islamistischen Linken». Der Präsident hingegen begnügt sich mit der Bemerkung, Carlson sei eine «Person mit niedrigem IQ».
Anyway, im Zentrum dieser wüsten Auseinandersetzung steht der Iran-Krieg. Für Carlson hat Trump damit einen historischen Fehler begangen und den USA sehr grossen Schaden zugefügt. Dabei habe der Präsident nicht aus eigenem Antrieb gehandelt, er sei vielmehr «ein Sklave der Neocons» geworden. Der Druck auf Trump sei von aussen erfolgt, so Carlson, von «konstanten Anrufen von Geldgebern und Menschen mit Einfluss», wie er im Interview mit der «New York Times» erklärt.
Als konkrete Namen nennt er nebst Hannity und Levin seinen ehemaligen Arbeitgeber, den Verleger Rupert Murdoch und Miriam Adelson, die Witwe eines ehemaligen Casino-Tycoons, die Trump mit einem dreistelligen Millionenbetrag im Wahlkampf unterstützt hat und die als wichtige Lobbyistin für Israel gilt.
Carlson ist überzeugt, dass der Präsident den Krieg gegen den Iran eigentlich gar nicht wollte. «Ich habe den starken Eindruck, dass Trump in dieser Sache mehr Geisel als souveräner Entscheidungsträger ist», stellt er fest. Die eigentlichen Schuldigen daran seien Benjamin Netanjahu und seine amerikanischen Verbündeten. «Wir wissen das, weil Trump den Krieg nicht nur am 28. Februar angefangen hat, sondern weil er keinen Ausweg daraus hat», so Carlson.
Dass sich Carlson mit diesen Statements den Vorwurf eingehandelt hat, ein Antisemit zu sein, ist nicht weiter verwunderlich. Kommt dazu, dass er vor nicht allzu langer Zeit ein mit Samthandschuhen geführtes Interview mit Nick Fuentes führte, einem bekennenden Hitler-Fan und Rassisten. Verstärkt wird der Antisemitismus-Vorwurf auch dadurch, dass Carlson in seinem Podcast die Verschwörungstheorie auftischte, wonach der Angriff Israels auf den Iran Teil eines Plans sei, die Al-Aqsa-Moschee in Jerusalem zu zerstören und den alten jüdischen Tempel wieder zu errichten.
Alles Blödsinn, so Carlson. Er sei weder ein Antisemit noch ein Rassist. Das Interview mit Fuentes werde viel zu wichtig genommen. Im Vergleich mit Mike Huckabee, dem amerikanischen Botschafter in Israel, und Ted Cruz, einem Israel-freundlichen Senator, sei Fuentes ein harmloser Sonntagsschüler. «Ted Cruz ist ein amtierender Senator, der dafür plädiert hat, dass Menschen getötet werden, die nichts getan haben. Nick Fuentes ist noch ein Kind. Ausser seinen Worten hat er keine Macht.»
Carlson ärgert sich auch darüber, dass Israel mit der These der Wiederkunft von Jesus Christus die Evangelikalen ausnützt. «Es gibt viele evangelische Christen, die überzeugt sind, dass Gott will, dass sie Netanjahu unterstützen», so Carlson. «Ich kann das nicht verstehen.»
Die Beziehung zwischen Carlson und Trump ist kompliziert. 1999, als Carlson noch für Magazine schrieb, bezeichnete er Trump als «die abscheulichste Person auf diesem Planeten». Als Trump 2016 tatsächlich kandidierte, war sich Carlson zusammen mit seinen Kollegen bei Fox News einig, dass er ein totaler Idiot sei und keine Chancen habe, zu gewinnen. Nach der Niederlage gegen Biden jubilierte er, dass er Trump jetzt wohl endgültig los sei.
Im Wahlkampf 2024 war Carlson jedoch nicht nur wieder an der Seite von Trump, er kann auch für sich in Anspruch nehmen, einen wesentlichen Beitrag zu dessen Sieg geleistet zu haben. Zusammen mit dem ermordeten Charlie Kirk war er es auch, der ihm J. D. Vance als Vize nahelegte. In den ersten Monaten der zweiten Amtszeit von Trump war Carlson ein regelmässiger Gast im Oval Office.
Inzwischen übt er sich in tätiger Reue. Er bedaure es zutiefst, Menschen dazu bewogen zu haben, Trump zu wählen, bekannte er in seinem Podcast. Ja, er will in Trump möglicherweise gar das Wirken des Antichristen erkannt haben. «Das war eine emotionale Reaktion», so seine Begründung. «Dass Donald Trump am Tag der Auferstehung von Jesus Christus gedroht hat, Zivilisten zu ermorden, das ist ein Verbrechen, ein moralisches Verbrechen.»
Heisst das, dass der Bruch mit dem Präsidenten endgültig ist? Natürlich nicht. Carlson wäre nicht Carlson, würde er sich nicht eine Hintertür offen halten. In einem Gespräch mit dem «Wall Street Journal» hält er denn auch fest: «Ich hasse Trump nicht. Ich fühle mich nur verraten.»
Auch Carlson gehört zu denen, die sich missverstanden fühlen. Das Insistieren auf dem Nick-Fuentes-Interview sei letztlich nur eine Ablenkung. Entscheidend sei letztlich der Zustand der Wirtschaft, und der sei für die grosse Mehrheit der Amerikanerinnen und Amerikaner schlecht. «Wie wird das Geld verteilt? Wo kommt es her?», fragt Carlson im Interview mit der «New York Times» und gibt darauf eine überraschende Antwort: «Die einzige linke Bewegung, für die ich je Sympathie empfunden habe, war diejenige, die nach der Finanzkrise entstanden ist, Occupy Wall Street. Ich habe nicht genau verstanden, was sie wollten, aber ich sagte mir, ja, wir müssen wütend auf die Banken sein, denn diese haben all dies angerichtet und werden dafür nicht bestraft.»
Die Hamas oder die Hisbollah mögen für die Israelis wichtig sein, nicht aber für die Amerikanerinnen und die Amerikaner. «Die Wirtschafts- und die Aussenpolitik sind entscheidend für jede Regierung», so Carlson. «In diesen beiden Fragen sind sich beide Parteien in Washington einig. Doch die Öffentlichkeit will das nicht. Die Menschen lehnen den aktuellen Konsens in der Wirtschaftspolitik und der Aussenpolitik ab.»
