Wird Trumps MAGA antisemitisch?
Eigentlich könnte man dem Spektakel belustigt zuschauen: Ehemalige und aktuelle Fox-News-Moderatoren liefern sich auf X einen Streit, der an Gehässigkeit nicht zu überbieten ist.
Auf der einen Seite steht Mark Levin, der sich gelegentlich auch gerne the Great One nennen lässt, vielleicht weil er stets in einer pseudointellektuellen Umgebung (Bibliothek, Kaminfeuer) vor der Kamera steht. Auf der anderen Seite finden wir die Ex-Fox-News-Stars Megyn Kelly und Tucker Carlson.
Worum geht es in diesem Streit? Levin ist Jude und begeistert von Trumps Krieg gegen den Iran. Kelly und Carlson hingegen fühlen sich davon verraten. Schliesslich hat der US-Präsident im Wahlkampf doch hoch und heilig versprochen, keine dummen Kriege mehr vom Zaun zu brechen, schon gar nicht im Nahen Osten.
Auf X hat Levin auf Kellys Kritik an Trump mit folgendem Post reagiert:
Die Replik von Kelly erfolgte umgehend:
Es gibt noch eine ganze Menge ähnlicher Posts, und, wie gesagt, eigentlich wäre es eine Gaudi, dieser Schlammschlacht zuzusehen. Doch es geht um eine sehr ernste Frage: Baut sich in den USA eine gewaltige antisemitische Front auf?
Ausgelöst hat das Ganze eine unbedachte Bemerkung von Marco Rubio. Der Aussenminister hat als Grund, weshalb die USA den Krieg gegen den Iran begonnen haben, angeführt, sie hätten dies getan, um Israel zuvorzukommen. Inzwischen hat Rubio diese Äusserung relativiert und Trump hat sie selbstredend dementiert, doch der Schaden ist angerichtet. Die Frage, ob die Juden die Amerikaner in einen sinnlosen Krieg gelockt haben oder nicht, spaltet die MAGA-Bewegung.
Auf der Anti-Israel-Seite befinden sich neben Kelly und Carlson MAGA-Grössen wie Marjorie Taylor Greene, Alex Jones oder der Blogger Joe Rogan. Auf der Pro-Israel-Seite treffen wir auf Namen wie die Senatoren Ted Cruz und Lindsay Graham, auf Fox-News-Kommentatoren wie Sean Hannity und Laura Ingraham oder die Influencer Ben Shapiro und Laura Loomer.
Für die Israel-Gegner ist der Iran-Krieg, was für die Nationalisten in Deutschland der Friede von Versailles nach dem Ersten Weltkrieg war: ein Dolchstoss in den Rücken aufrichtiger Patrioten. Und weil Trump bekanntlich nie einen Fehler begeht, machen sie wie einst die Faschisten dafür die Juden verantwortlich, insbesondere den israelischen Benjamin Netanjahu und AIPAC, die einflussreiche jüdische Lobby-Organisation in den USA.
Gewaltig Auftrieb erhalten hat diese Dolchstosslegende durch den Rücktritt von Joe Kent, dem Direktor des National Counterterror Center. Bei ihm handelt es sich nicht etwa um einen Trump-Hasser, im Gegenteil: Mehr MAGA als Kent ist nicht möglich. Der ehemalige Elitesoldat hat Beziehungen zu den berüchtigten Proud Boys und den White Supremacists und ist überzeugt, dass Trump bei den Wahlen 2020 betrogen und der Sturm aufs Kapitol daher berechtigt und von Patrioten begangen wurde.
In seinem Rücktrittsschreiben wirft Kent dem Präsidenten denn auch vor:
Mit diesem Brief ist Kent unvermittelt zum Held eines Teils der MAGA-Basis geworden. Tucker Carlson hat ihn umgehend zu einem längeren Interview eingeladen, in dem er seine Kritik an Trump und Israel ausführlich erläutern konnte.
Vor allem bei der Generation Z fällt die Dolchstosslegende auf fruchtbaren Boden. Ihre Vertreter kennen den Holocaust – wenn überhaupt – höchstens vom Hörensagen. Gerade bei den jungen Republikanern zeichnet sich deshalb eine erschreckende Entwicklung ab: Das Manhattan Institute, ein konservativer Thinktank, hat ermittelt, dass 31 Prozent der jungen Rechten zu rassistischen Ansichten stehen, 25 Prozent gar zu offen antisemitischen. Eine Mehrheit glaubt auch, dass es den Holocaust nie gab oder dass er übertrieben dargestellt wird. Bei den Republikanern über 50 teilen bloss 4 Prozent diese Ansicht.
Davon profitieren offen antisemitische Agitatoren wie Nick Fuentes und seine Groypers genannten Anhänger. Fuentes hat bereits Nachahmer. In Florida bewirbt sich beispielsweise ein gewisser James Fishback für das Amt des Gouverneurs. Wie Michelle Goldberg in der «New York Times» berichtet, hat der 31-Jährige zwar keine Chancen, gewählt zu werden, doch er findet bei der Generation Z grossen Zulauf.
Dabei stimmt Fishback den offen faschistischen Ansichten von Fuentes zu. Dieser erklärt: «Die Juden regieren die Gesellschaft. Frauen sollen gefälligst den Mund halten, und die Schwarzen müsste man mehrheitlich ins Gefängnis stecken.»
Die Epstein-Affäre ist selbstredend ebenfalls Wasser auf die antisemitischen Mühlen. Goldberg berichtet daher davon, dass Fishback immer wieder den Sex-Verbrecher in Verbindung mit Israel bringt. So antwortet er auf die Frage nach dem Existenzrecht von Israel:
Zwischenbemerkung: Wer sich für die Frage, wie das Existenzrecht von Israel in der MAGA-Bewegung diskutiert wird, interessiert, dem empfehle ich ein Streitgespräch, das Tucker Carlson mit Mike Huckabee, dem amerikanischen Botschafter in Israel, geführt hat.
Wie verhält sich Trump im Streit um die Rolle Israels? Wie immer versucht er, allen Seiten gerecht zu werden. Einerseits verteidigt er Mark Levin. Er sei «ein wahrhaft grosser amerikanischer Patriot, der von Menschen mit weit weniger Intellekt attackiert werde», teilte er auf seiner Plattform Truth Social mit.
Umgekehrt ist es jedoch gerade Trump, der den Antisemiten immer wieder den Rücken stärkt. So stellt Michelle Goldberg fest:
