Trumps MAGA-Mauer zerfällt
Im vergangenen Herbst sorgte Steve Bannon kurzfristig für Schlagzeilen, indem er in einem Interview mit dem «Economist» erklärte: «Trump wird auch nach 2028 Präsident sein, und die Leute sollten sich einfach damit arrangieren.» Der ehemalige Chefstratege im Weissen Haus tönte auch einen Plan an, der bereits existiere, aber dessen Details er erst zu einem späteren Zeitpunkt bekannt geben werde.
Im Herbst 2025 herrscht im MAGA-Lager Euphorie. Die Regierung Trump 2.0 schnurrte wie eine geölte Maschine: eine Mehrheit in beiden Kammern des Kongresses, demoralisierte Demokraten, ein gnädiger Supreme Court – was konnte da schon schiefgehen? Anders als in der ersten Amtszeit gab es auch intern keine Bedenkenträger, sondern nur noch Loyalisten, die blind alles umsetzten, was der Präsident befahl.
Und anders als zwischen 2016 und 2020 herrschte diesmal kein Chaos. Es gab einen Plan, das berühmt-berüchtigte Project 2025. Dieser Plan wurde auch systematisch umgesetzt: Staatsbeamte wurden rudelweise gefeuert, Elite-Universitäten die Mittel gekürzt, Elite-Anwaltsbüros in die Knie gezwungen, Medien zu hohen Bussen verknurrt und kritische Journalisten eingeschüchtert. Der Weg zu einem autoritären Trump-Staat à la Orban schien weit offen zu sein.
Inzwischen schlägt Steve Bannon ganz andere Töne an. Er spricht nicht mehr von einer strahlenden Zukunft, sondern von einer drohenden Niederlage. «Sie (die Trump-Regierung) haben den ganzen verdammten Bundesstaat Virginia an die Demokraten verschenkt, und es wird Jahrzehnte dauern, bis wir das wieder korrigieren können», tobte er auf seinem Podcast. Was war geschehen?
Die Stimmbürger von Virginia haben mit einer knappen Mehrheit einem Gesetz zugestimmt, das ein temporäres Gerrymandering (eine Neuaufteilung der Wahlbezirke) erlaubt, das dazu führen könnte, dass die Demokraten bei den kommenden Zwischenwahlen zehn von elf Sitzen erobern werden. Sie würden damit fünf Sitze dazu gewinnen und ihre bereits sehr grossen Chancen auf einen Wahlsieg im November noch weiter erhöhen.
In Virginia hat Trump ein klassisches Eigentor erzielt. Er war es, der den Gerrymandering-Krieg vom Zaun gebrochen hat, indem er Texas aufforderte, genau dies zu tun, was der ihm hörige Gouverneur Greg Abbott denn auch prompt tat.
Damit löste der Präsident jedoch eine Kettenreaktion aus. Obwohl Wahlbezirke traditionsgemäss nur alle zehn Jahre nach einer Volkszählung neu definiert werden, folgten Kalifornien und andere Bundesstaaten dem Beispiel von Texas. Zerknirscht erklärt daher Ari Fleischer, ehemaliger Pressesprecher von George W. Bush und nach wie vor einflussreiche Persönlichkeit in der Grand Old Party, gegenüber dem «Wall Street Journal»: «Wäre Texas nicht vorgeprellt, wäre das vermeidbar gewesen, und wir Republikaner stünden jetzt besser da. Wir haben einen Kampf gesucht und ihn verloren.»
Das Gerrymandering-Debakel in Virginia ist bloss das jüngste Beispiel für Ereignisse, die für die Trump-Regierung katastrophal sind. Wie es im Iran-Krieg weitergehen soll, weiss wohl auch der Präsident selbst nicht. Dasselbe trifft auf das Zoll-Chaos zu. Die Epstein-Files tauchen regelmässig wieder in den Schlagzeilen auf, und mit seinem Streit mit dem Papst hat Trump nicht nur die Katholiken vor den Kopf gestossen. Inzwischen liegen seine Zustimmungswerte bei 33 Prozent. Selbst Joe Biden ist seinerzeit nicht so tief gefallen.
Viktor Orban lässt grüssen. Nicht nur bei Steve Bannon bricht Panik aus. Auch Tucker Carlson hat wohl definitiv mit Trump gebrochen. Der ehemalige Starmoderator von Fox News gilt oder galt einst als mächtigster MAGA-Influencer, ja, viele sahen ihn gar als Nachfolger von Trump im Oval Office. Er soll auch massgeblich daran beteiligt gewesen sein, dass J. D. Vance zum Vizepräsidenten erkoren wurde.
Inzwischen wurde aus Saulus Paulus. In seinem Podcast übt sich Carlson in tätiger Reue. «Wir müssen uns mit unserem Gewissen auseinandersetzen», erklärte er in einem Gespräch mit seinem Bruder. «Es wird uns noch lange foltern, und ich möchte mich dafür entschuldigen, dass ich so viele Menschen auf den falschen Weg geführt habe.»
Carlson hatte sich im Vorfeld der Wahlen 2024 mächtig für Trump ins Zeug gelegt. Seine Erleuchtung kam nicht auf der Strasse nach Damaskus, sondern auf Trumps Weg nach Teheran. Als dieser schwor, eine gesamte Zivilisation in einer Nacht zu vernichten, war dies der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. «Das ist das reine Böse», erklärte Carlson, der den Krieg gegen den Iran ohnehin für einen monumentalen Irrtum hält.
Bannon und Carlson erhalten immer mehr Mitstreiter. Auch Megyn Kelly, ebenfalls ein ehemaliger Fox-News-Star, hat sich von Trump abgewandt genauso wie Marjorie Taylor Greene oder Alex Jones. Dazu kommen die Comedians Joe Rogan, Theo Van und Tim Dillon. Sie haben vor allem in der Bro-Szene dafür gesorgt, dass überdurchschnittlich viele junge Männer für Trump gestimmt haben.
Wie üblich tut der Präsident dies mit der Floskel ab, das seien alles «low IQ»-Typen, Menschen mit einem niedrigen Intelligenzquotienten. Ob dies reichen wird? Täglich sehen auch die MAGA-Mitglieder, wie der Benzinpreis die 4-Dollar-Grenze pro Gallone überschritten hat, wie auch Nahrungsmittel und Mieten immer teurer werden und dass Trump sein Versprechen, keine Kriege mehr anzuzetteln, ganz offensichtlich gebrochen hat.
Paradoxerweise leiden ja gerade die Trump-Wähler in den roten Bundesstaaten überproportional unter der Politik ihres Idols. Sie verlieren mehrheitlich die Zuschüsse zu ihrer Krankenkassenprämie und müssen erleben, wie ihre Spitäler geschlossen werden.
Die Bauern, traditionell den Republikanern zugewandt, erleben derweil eine ihrer schlimmsten Krisen. Wegen des Zollstreits verzichten die Chinesen darauf, ihre Sojabohnen zu kaufen. Jetzt verteuert sich wegen der Sperrung der Strasse von Hormus auch noch der Dünger, auf den sie dringend angewiesen sind, um mehr als 30 Prozent. Zippy Duvall, der Präsident der American Farm Bureau Federation erklärt denn auch gegenüber der «Financial Times»: «Die Farmer stehen in einem Gegenwind, wie er seit Generationen nicht mehr geblasen hat. Ihre Zukunftsaussichten sind düster, und sie brauchen Hilfe.»
