In Gesprächen und Diskussionen über den russischen Angriffs- und Vernichtungskrieg kristallisieren sich die immer gleichen Missverständnisse heraus.
Die folgenden Einschätzungen basieren auf den Ausführungen von Professor Timothy Snyder (siehe Quellen). Der renommierte US-Historiker wurde auch schon als «der führende Interpret unserer düsteren Zeiten» bezeichnet.
55-jährig, unterrichtet Snyder an der renommierten Yale-Universität. Und er hat Weltbestseller zu früheren und aktuellen Krisen und Kriegen geschrieben.
Der Osteuropa-Experte begründet auf überzeugende Weise, warum der demokratische Westen mit seiner zu zögerlichen Ukraine-Unterstützung auf eine Katastrophe zusteuert. Und er findet klare Worte für das Versagen des langjährigen «Weltpolizisten» Amerika.
Als imperialistisch bezeichnet man das Streben von Staaten, ihre Macht über die eigenen Landesgrenzen hinaus auszudehnen. Wenn sie scheitern, ist das kein Weltuntergang, so Schnyder. Vielmehr bieten sich neue Chancen. Die Aussicht auf Frieden.
Auch die Geschichte eines «glücklichen, sicheren Europas» sei das Ergebnis von imperialen Kriegen, die die Europäer einst verloren haben, erklärt Snyder. So sei es mit Nazi-Deutschland geschehen, aber auch mit den Franzosen in Südostasien/Algerien, den Niederländern in Indonesien, den Spaniern und Portugiesen in Afrika.
Und natürlich verlieren auch Grossmächte mit Atomwaffen Kriege. Wie in Vietnam oder Afghanistan.
Dies sei auch für die aktuelle Weltlage von Bedeutung: Unter Wladimir Putin habe sich Russland für einen imperialistischen Krieg entschieden, aber das bedeute nicht zwangsläufig, dass das Ergebnis für das Land schlechter ausfalle, wenn es verliere, betont Snyder. Jedes Mal, wenn ein imperialistischer Krieg verloren wurde, folgte eine Phase der internen Reformen.
Der Westen sollte darum alles daran setzen, der Ukraine zum Sieg zu verhelfen. Wobei die Waffenlieferungen durch das geltende Völkerrecht gedeckt sind.
Das ist unklar. Die wachsende «Kriegsmüdigkeit» in den Unterstützer-Ländern hat damit zu tun, dass die in der Verantwortung stehenden Politikerinnen und Politiker keine aussagekräftigen Antworten liefern. Oder noch schlimmer, wie es etwa Bundeskanzler Olaf Scholz tut, diffuse Ängste in der Bevölkerung befeuern.
Wobei Kriegsmüdigkeit im derzeit sicheren Westen eine perverse Bezeichnung ist. Im Gegensatz zur Ukraine sind wir nicht rund um die Uhr durch russischen Bombenterror bedroht. Unsere Liebsten werden nicht willkürlich umgebracht. Niemand muss an die Front.
Die westlichen Ukraine-Unterstützerstaaten unter Führung der US-Regierung agierten viel zu zögerlich, kritisiert Snyder. Doch nun laufe die Zeit davon.
Putin wird nicht ernsthaft verhandeln, solange der Westen Schwäche signalisiert, statt Stärke, und Russland die Chance sieht, auf dem Schlachtfeld zu siegen.
Wie Snyder betont, müssen wir die Ukraine militärisch in die Lage versetzen, sich wirksam gegen Russland zu verteidigen und die Invasoren zu vertreiben.
Wenn wir dies nicht tun, wird sich der Krieg hinziehen und viele weitere Opfer fordern.
Anzumerken ist, dass ein «Einfrieren» des Konflikts nur dem Täter, also Russland, helfen würde. Die Ukraine kann sich nicht auf Sicherheitsgarantien verlassen, wie sich seit der illegalen Annexion der Krim durch grüne russische Männchen 2014 gezeigt hat.
Ja, sicher. Dies wäre sogar in relativ kurzer Zeit möglich gewesen. Und es ist auch weiterhin möglich.
Tatsache ist: Unsere demokratisch gewählten Anführerinnen und Anführer scheinen bislang nicht gewillt zu sein, der Ukraine zum Sieg zu verhelfen.
Die westlichen Unterstützer-Länder haben entschieden, nur einen Bruchteil der Waffen zu liefern, die es für eine Befreiung der Ukraine und für den Sieg braucht.
Die Ukrainer hätten Russland schon 2022, im ersten Jahr der Invasion, aus dem Land werfen können. Doch die US-Regierung unter Joe Biden – und mit ihr alle wichtigen Unterstützer-Länder – liessen sich von Wladimir Putins Drohgebärden, aka rote Linien, abschrecken.
Sicher ist: Die westlichen Waffenlieferungen genügten bislang weder in qualitativer noch quantitativer Hinsicht. Und noch immer gelten völlig unsinnige Einschränkungen, was den Einsatz weitreichender Raketen durch die Ukraine betrifft. Einschränkungen übrigens, die auch dem geltenden Völkerrecht widersprechen.
Synders knallhartes Urteil:
Was die Russen vorhaben, wissen wir – sie haben es uns immer und immer wieder gesagt: die Vernichtung der Ukraine. Auch beim überfallenen Land und dessen Bevölkerung ist klar, woran wir sind: Sie kämpfen mutig weiter, selbst wenn wir sie zu wenig unterstützen. So wie sie es schon zu Beginn der Invasion getan haben.
PS: Während sich grosse Wirtschaftsnationen wie die USA oder Deutschland zumindest engagieren, verstecken sich die Schweiz und weitere Staaten hinter einer vermeintlich neutralen Position, stärken damit jedoch dem Aggressor den Rücken.
Es ist völlig ok, sich vor einem Dritten Weltkrieg zu fürchten. Ganze Generationen sind während des Kalten Krieges so aufgewachsen. Jedoch darf uns die von Russland geschürte Angst keinesfalls lähmen und vor allem dürfen sich unsere Staatschefs nicht erpressen lassen. Vielmehr müssen wir uns den Gefühlen stellen und die Lage nüchtern analysieren. Was sind unsere Optionen?
Renommierte Politikwissenschaftler warnen: Ein russischer Sieg würde den Kontinent Europa in die schwerste Krise seit dem Zweiten Weltkrieg stürzen.
Volkswirtschaftlich und gesellschaftlich würde es zu massiven Verwerfungen kommen, ausgelöst durch Migration und wirtschaftliche Unsicherheiten.
Das Vertrauen in unsere politischen Institutionen würde schwer beschädigt, national und supranational. Extremistische Parteien erhielten weiter Aufwind.
Dies könnte das Ende der Solidarität zwischen den Staaten Europas und letztlich der Europäischen Union (EU) bedeuten. Gleichzeitig wäre das transatlantische Verteidigungsbündnis gefordert wie noch nie. Fragt sich allerdings, ob eine schwache NATO ein siegreiches imperialistisches Russland weiter abschrecken würde.
Sicher wäre die globale Sicherheitsordnung mehr als nur infrage gestellt, wenn ein Aggressor seine Nachbarn ungestraft überfallen und vernichten könnte. Weltweit schwelen zahlreiche nationalstaatliche Krisenherde, die in offene Kriege münden könnten. Denken wir nur schon an China, das den Inselstaat Taiwan annektieren will, aber auch andere Nachbarn direkt bedroht.
Yuval Noah Harari, Historiker-Kollege von Synder und ebenfalls Bestseller-Autor warnt: «Wenn Russland gewinnt, würde sich kein Staat und keine Grenze mehr sicher fühlen. Und die Welt würde in eine neue Ära der imperialistischen Eroberungskriege eintreten.»
Überlebenswichtig.
Zugegeben, das klingt dramatisch. Wir müssen uns aber die Folgen eines russischen Sieges vorstellen.
Timothy Snyder erklärt:
Dann falle ukrainische Technologie in die Hände von Russland und China, konstatiert der Historiker. Er ruft in Erinnerung, dass sich die ukrainischen Streitkräfte seit der Invasion massiv verbessert haben. Ihre militärische Hightech-Ausrüstung sei dann beim Feind.
Ausserdem würde dann die ukrainische Landwirtschaft, der dritt- oder viertwichtigste Agrarsektor der Welt, von Russland kontrolliert. Wie auch die Bodenschätze.
Das beunruhigende Fazit: Wenn sich Russland die Ukraine einverleibt, bekommen wir es mit einem gefährlicheren Russland und einer grösseren Bedrohung für alle freiheitlich-demokratischen Staaten zu tun.
Ein Feind, der bereits einen hybriden Krieg gegen den verhassten Westen führt. Ein Feind, der längst auf Kriegswirtschaft umgestellt hat.
Timothy Snyder bringt es auf den Punkt: Die Ukraine übernimmt quasi auch eine NATO-Aufgabe, indem sie die russischen Truppen auf Distanz hält.
Nein. Das ist ausgeschlossen.
Denn nur mit einer freien, demokratischen Ukraine als Nachbarn bestehe die Chance, dass sich in der russischen Gesellschaft etwas zum Guten ändere.
Timothy Snyder erklärt:
Aber was weiss ich, als CH Bürger steigt mir unseres Versagens wegen eh die Schamesröte ins Gesicht.
Ausser, dass die westlichen Spitzenpolitiker unfassbar dumm reagieren, angefangen mit Olaf Scholz, der Putin förmlich in den Allerwertesten kriecht, während er immer wieder mit markigen Worten ohne entsprechende Taten klarstellt, dass Russland von Deutschland nichts zu befürchten hat.
Auch Joe Biden agiert kläglich feige. Spätestens seit er aus dem Präsidentschaftsrennen ausgestiegen ist, könnte er die Schleusen der US-Rüstumg voll aufdrehen. Dann wären die Russen nämlich überall auf der Flucht, statt dass sie sich über die Leichen ihrer Soldaten vorarbeiten