US-Abzug aus Deutschland? Trump ist auch auf Europa angewiesen
Im Juli 2020 ordnete das US-Verteidigungsministerium auf Anweisung von Präsident Donald Trump den Abzug eines Drittels der in Deutschland stationierten US-Soldaten an. Der Rückzugsbefehl für 12'000 der 36'000 US-Soldaten galt als «Bestrafung» Deutschlands und Trumps «Rache an Merkel», da sich die deutsche Kanzlerin der US-Forderung nach höheren Militärausgaben nicht beugen wollte.
Doch der US-Kongress verhinderte den Truppenabzug. Demokraten und Republikaner paktierten damals in seltener Einigkeit gegen Trump. Auch dessen Überlegungen eines US-Rückzugs aus der Nato stoppten Leute aus seinem eigenen Team.
Fünf Jahre später ist Trumps Verachtung für das liberale Europa ungebrochen. Zwar haben die europäischen Nato-Staaten mittlerweile dem Druck der USA nachgegeben und ihre Verteidigungsausgaben massiv erhöht. Doch die Strategie der Unterwerfung hatte nur bedingt Erfolg. Denn wie in den vergangenen Wochen immer klarer wurde, ist Trumps Misstrauen gegenüber Europa nicht allein eine Sach- oder Verteilungsfrage. Sie ist fundamental. Vor allem der kremlfreundliche US-«Friedensplan» und die neue nationale Sicherheitsstrategie zeigen, dass die US-Regierung eine Weltordnung anstrebt, in der Europa kein Verbündeter mehr ist, sondern maximal eine Nebenrolle spielt.
Europa soll nicht an Russland fallen
Und doch: Das rabiate Europa-Bashing in der US-Sicherheitsstrategie täuscht über eine bisher wenig beachtete Tatsache hinweg: Die Trump-Regierung braucht Europa weiterhin. Zumindest mehr, als sie öffentlich zugibt. An einer Stelle des Dokuments wird das besonders deutlich.
Die USA bräuchten ein starkes Europa an ihrer Seite, «um zu verhindern, dass ein Gegner Europa dominiert», heisst es da. Übersetzt: Auch die Trump-Regierung hat kein Interesse an einer ungebremsten Ausweitung der russischen Einflusssphäre in Europa.
So russlandfreundlich die diplomatischen Initiativen aus Washington derzeit auch sind: Eine Kapitulation der Ukraine und eine mögliche Westerweiterung Russlands dürften auch den Interessen der Trump-Regierung zuwiderlaufen. Trump sieht Europa vor allem als «Geschäftszone», in der amerikanische Konzerne möglichst ungestört Gewinne machen sollen. Dafür braucht sie wirtschaftlich starke und politisch gefügige europäische Nationalstaaten – und keinen neuen Hegemon, der Europa zu seinem Hinterhof erklärt.
«Strategische Rückstufung» Europas
Der US-Experte und Direktor der Atlantischen Akademie in Rheinland-Pfalz, David Sirakov, widerspricht der geläufigen These, die Sicherheitsstrategie bedeute eine vollständige Abkehr der USA von Europa. Es handle sich eher um eine «deutliche strategische Rückstufung» Europas, sagt Sirakov t-online. «Der europäische Kontinent hat weiterhin einen strategischen Nutzen für die US-Regierung. Nur eben keine Priorität mehr.»
Dazu passt, dass die ansonsten erratische Trump-Regierung in der verteidigungspolitischen Praxis eine gewisse Kontinuität an den Tag legt. So haben sich anfängliche Befürchtungen, die USA würden im grossen Stil Truppen aus Europa abziehen, bisher nicht bewahrheitet. Seit Trumps Amtsantritt ist die Zahl stabil: Laut Pentagon-Angaben waren es zuletzt bis zu 100'000 US-Soldaten, davon 65'000 fest stationiert, der Rest rotierend. Auch der angekündigte Abzug Tausender US-Soldaten aus Rumänien falle dabei kaum ins Gewicht, so Nato-Generalsekretär Mark Rutte kürzlich: «Es befinden sich immer noch viel mehr US-Streitkräfte auf dem Kontinent als vor 2022.»
US-Kongress stärkt europäische Flanke
Ob das so bleibt, kann derzeit niemand seriös beantworten. China-Hardliner in der US-Regierung, etwa Vizepräsident JD Vance oder der einflussreiche Pentagon-Beamte Elbridge Colby, drängen schon länger auf eine stärkere Verlagerung militärischer Ressourcen aus Europa in den Indopazifik. Das legt auch ein Bericht der Nachrichtenagentur Reuters nahe, wonach die USA bis 2027 einen Grossteil ihrer konventionellen Nato-Fähigkeiten abbauen wollten. Dies hätten Pentagon-Vertreter europäischen Diplomaten Anfang Dezember mitgeteilt. Washington sei unzufrieden mit den Fortschritten der Europäer beim Ausbau ihrer eigenen Streitkräfte, hiess es.
Doch bisher scheint Trump nicht gewillt, dem Druck nachzugeben. Bald dürfte er dazu auch gar nicht mehr in der Lage sein: Um einen Truppenabzug aus Europa zu verhindern, hat der US-Kongress gerade eine Stärkung der europäischen Sicherheit beschlossen. Der Verteidigungsetat 2026 enthält eine Klausel, die es der US-Regierung untersagt, die Truppenstärke in Europa längerfristig unter 76'000 zu senken. Sowohl Demokraten als auch Republikaner unterstützen das Vorhaben. Am Donnerstag folgte die Unterschrift des Präsidenten – damit ist das Gesetz in Kraft.
USA weiterhin «globale Sicherheitsmacht»
Es ist eine bemerkenswerte Wende – und ein Kontrast zur europafeindlichen Stimmungsmache der Trump-Regierung. US-Experte Sirakov sieht bei Trump gar einen «Lerneffekt» im Vergleich zur ersten Amtszeit. Das Argument des Politikwissenschaftlers: Trotz «America First»-Rhetorik habe Trump verteidigungspolitisch bislang nur wenige Kurskorrekturen vollzogen. Die schrillen Parolen seien vor allem innenpolitisch motiviert. In der Praxis agiere der Trump-Apparat eher realpolitisch und vor allem transaktional.
Auch die Annahme vieler Kritiker, unter Trump würden sich die USA von der Welt abnabeln und sich isolationistisch einmauern, sei falsch, so Sirakov. «Trumps Aussen- und Sicherheitspolitik der letzten elf Monate ist das Gegenteil von Isolationismus. Die USA sehen sich vielmehr als transaktional agierende globale Macht.» Ob Militärschläge gegen iranische Atomanlagen, Unterstützung für Israel im Gaza-Krieg oder die amerikanische Kriegsflotte vor Venezuela: «Wenn es ihren Interessen nützt, greifen die USA weiter in globale Krisenherde ein.»
Auch Trump ist auf Europa angewiesen
«America First», aber mit globalem Anspruch? Manche Beobachter sehen darin auch eine Chance für Europa. Der Nato-Experte und frühere Berater im US-Aussenministerium, Michael J. Williams, findet, die Europäer machten sich manchmal kleiner, als sie sind. Denn strategische Abhängigkeit gebe es in beide Richtungen: «So abhängig die europäischen Nato-Staaten von bestimmten US-Fähigkeiten sind – vor allem bei Geheimdiensten, Aufklärung und Atomwaffen –, so sehr brauchen auch die USA das alte Europa.»
Das gilt etwa für die vielen US-Stützpunkte in Europa. Denn die dort stationierten Kampfjet-Geschwader, Heeresbrigaden, Kommandozentren und Munitionsdepots dienen nicht nur dazu, Abschreckung vor Russland zu organisieren und amerikanischen Einfluss in Europa zu sichern. Viele Militärbasen sind zugleich Knotenpunkte für US-Operationen in Afrika und im Nahen Osten.
Vor allem im Nahen und Mittleren Osten sieht die Trump-Regierung weiterhin ihre «Kerninteressen» berührt, wie es in der neuen Sicherheitsstrategie heisst (allerdings anders als noch unter Biden oder Obama): Sei es, um den Iran in Schach zu halten, Israel und die arabischen Verbündeten zu unterstützen oder um US-feindliche Bestrebungen in der Region zu bekämpfen. «Um ihren Machtanspruch in den europäischen Nachbarregionen zu untermauern, sind die USA auf ihre militärische Infrastruktur in Europa angewiesen», sagt Williams.
US-Basen in Deutschland: Strategische Vorzüge
Das gilt vor allem für US-Basen in Deutschland. Die vielleicht wichtigste: der US-Luftwaffenstützpunkt Ramstein (Rheinland-Pfalz), das Hauptquartier der US-Luftwaffe in Europa und Afrika sowie Sitz des Aircom, einer Nato-Kommandobehörde für Luftstreitkräfte. Das US-Militär nutzt Ramstein als Drehkreuz für Truppentransporte, weltweite Drohneneinsätze, wie im Irak, in Pakistan und im Jemen, und für Evakuierungsflüge, etwa aus Afghanistan 2021. In der Nähe des Stützpunktes, in Weilerbach, soll bis 2029 das grösste US-Militärkrankenhaus ausserhalb der USA entstehen. Insgesamt sind in Ramstein rund 16'000 US-Soldaten stationiert.
Die Luftwaffenbasis ist laut dem Nato-Experten Michael Williams für US-Operationen diesseits des Atlantiks unverzichtbar: «Alles läuft über Ramstein. Ohne diesen Stützpunkt wären US-Luftoperationen in Europa, Afrika und Teilen Asiens sehr viel schwieriger.»
Ebenfalls in Rheinland-Pfalz: die Spangdahlem Air Base in der Eifel. Die F-16-Kampfjets des 52. Jagdgeschwaders gelten als schnell einsatzbereit und sind auf Kriseneinsätze spezialisiert. Zuletzt waren die Kampfpiloten aus Spangdahlem im Sommer im Einsatz. Wo genau, ist nicht bekannt. Vermutet wird eine Operation im Nahen Osten, wohl im Zusammenhang mit Israels Gaza-Krieg. Was den Schluss nahelegt, dass auch die Trump-Regierung die strategischen Vorzüge europäischer US-Basen erkannt hat.
Mehrere US-Oberkommandos in Deutschland
Auch in anderen Bundesländern unterhält die US-Armee zentrale militärische Einrichtungen. In Stuttgart (Baden-Württemberg) sitzen das europäische Kommando der US-Streitkräfte und das Afrika-Kommando (denen allerdings durch die Reformpläne des Pentagon eine Herabstufung droht). Dazu kommen Dutzende kleinere und grössere US-Stützpunkte, meist in West- und Süddeutschland. Das bayerische Grafenwöhr beheimatet die personell stärkste US-Heeresgarnison in Europa, mit knapp 15'000 Soldaten, und den grössten US-Truppenübungsplatz ausserhalb der USA.
Auch kritische strategische Fähigkeiten wurden nach Deutschland verlegt. 2023 wurde das US-Weltraumkommando für Europa und Afrika in Ramstein aufgestellt, das unter anderem Bedrohungen aus dem All abwehren soll. Angesichts von nuklearfähigen Anti-Satelliten-Raketen und neuartigen Impulswaffen, die gerade in Russland und China entwickelt werden, dürfte die Bedeutung des Stützpunktes also eher steigen statt sinken. Auch die Frühwarnsysteme der Nato, etwa um Raketenstarts in Russland rechtzeitig zu erfassen, werden zentral in Ramstein gesteuert.
«Das kann sich auch Trump nicht leisten»
Neben den strategischen Nachteilen wäre ein umfassender Truppenabzug auch mit enormen Kosten verbunden. Die US-Armee müsste für Zehntausende Soldaten inklusive ihrer Familien neue Standorte bauen, militärisches Grossgerät und Munitionsdepots verlegen und die logistische Versorgung der Truppenteile komplett neu organisieren. Der estnische Politiker und frühere Geheimdienstchef Eerik-Niiles Kross schätzt die Kosten eines kompletten US-Abzugs aus Europa auf 70 bis 140 Milliarden US-Dollar.
Ist Deutschland damit fein raus? Sind die US-Basen hierzulande einfach «too big to fail»? Das zu glauben, wäre wohl naiv. Trump ist für seine Unberechenbarkeit bekannt. Zudem dürften sich die ideologischen Hardliner in seinem Umfeld wenig um die Opportunitätskosten eines Truppenabzugs scheren. Und selbst wenn die US-Strategie vor allem den Druck auf Europa erhöhen soll, schneller die eigene Verteidigung zu organisieren: Das Risiko einer Eskalation im transatlantischen Verhältnis ist weiterhin möglich, sollten die Europäer in den Augen der USA scheitern.
Auch der Militärexperte Williams hält die deutschen US-Basen nicht für immun gegen Abzugspläne. Aber die Debatte in Deutschland werde zu alarmistisch geführt, sagt er. «Die USA sind abhängiger von diesen Standorten als Deutschland.» Ein umfassender Abzug wäre «selbstzerstörerisch» und würde US-Interessen jenseits des Atlantiks schaden, so Williams. «Das kann sich auch Trump nicht leisten.» Ob der US-Präsident das auch so sieht, lässt sich jedoch nur vermuten.

