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Der «letzte Diktator Europas»: Lukaschenko regiert Belarus mit eiserner Hand.
Der «letzte Diktator Europas»: Lukaschenko regiert Belarus mit eiserner Hand.
Bild: sda

Lukaschenko lässt Flugzeug zur Landung zwingen und Journalisten verhaften

23.05.2021, 21:48

Behörden in der autoritär regierten Republik Belarus haben nach Berichten von Staatsmedien in Minsk ein Flugzeug auf dem Weg von Athen nach Vilnius (Litauen) zur Landung gebracht. An Bord war auch der vom belarussischen Machthaber Alexander Lukaschenko international gesuchte Blogger Roman Protassewitsch, der nach Angaben des Menschenrechtszentrums Wesna in Minsk festgenommen wurde.

Oppositionelle sprachen am Sonntag von einem beispiellosen Eingriff in den internationalen Luftraum. Auch der oppositionelle Nachrichtenkanal Nexta (Gesprochen Nechta) bestätigte die Festnahme seines Mitbegründers und früheren Redakteurs, der an Bord einer Maschine der Gesellschaft Ryanair gewesen sei. Lukaschenko habe unter Verstoss gegen alle Gesetze ein Flugzeug «gekapert», kritisierte der Kanal. Nexta forderte Ryanair auf, den Vorfall auzuklären. Eine Stellungnahme der Fluggesellschaft gab es zunächst nicht.

Die Behörden in Belarus hatten Nexta als extremistisch eingestuft. Der Kanal hatte im vergangenen Jahr nach der umstrittenen Präsidentenwahl immer wieder zu Massenprotesten gegen Lukaschenko aufgerufen. Der Blogger Protassewitsch gehört zu den vielen international zur Fahndung ausgeschriebenen Oppositionellen, denen Lukaschenko selbst den Kampf angesagt hat.

Protassewitsch (M.) war bereits im März 2017 schon einmal verhaftet worden.
Protassewitsch (M.) war bereits im März 2017 schon einmal verhaftet worden.
Bild: keystone

Auf Liste gesetzt

Der Geheimdienst KGB hatte den Journalisten auf eine Liste mit Menschen setzen lassen, denen die Beteiligung an terroristischen Handlungen vorgeworfen werde, wie das Portal tut.by bei Telegram berichtete. Nach Angaben der Staatsagentur Belta hatte Lukaschenko nach einem Alarm über einen Sprengsatz an Bord der Maschine selbst das Kommando gegeben, das Flugzeug in Minsk landen zu lassen.

Zur Begleitung sei auch ein Kampfjet vom Typ MiG-29 aufgestiegen, wie der Flughafen bestätigte. Flughafensprecher teilten in Staatsmedien mit, dass die Piloten an Bord der Passagiermaschine um die Landeerlaubnis gebeten hätten. Später habe sich die Information über die mutmassliche Bombe als Fehlalarm herausgestellt. Der Schichtleiter des Airports, Maxim Kijakow, sagte im Staatsfernsehen, dass die 123 Passagiere im Transbereich auf ihren Weiterflug warteten.

Am späten Sonntagabend ist die Maschine schliesslich mit mehr als achtstündiger Verspätung auf dem Flughafen der litauischen Hauptstadt Vilnius gelandet. Das Flugzeug mit der Nummer FR4978 landete um 21.25 Uhr (20.25 Uhr MESZ), wie auf der Webseite des Flughafens zu sehen war. Ursprünglich sollte die in Athen gestartete Maschine mit mehr als 100 Menschen an Bord um 13.00 Uhr Ortszeit landen.

Ryanair bestätigt: Flug nach Belarus umgeleitet - Start am Abend
Die Fluglinie Ryanair hat bestätigt, dass einer ihrer Flieger auf dem Weg von Athen in die litauische Hauptstadt Vilnius nach Belaraus umgeleitet worden ist. Die Besatzung des Fluges sei von belarussischer Seite über eine mögliche Sicherheitsbedrohung an Bord in Kenntnis gesetzt und angewiesen worden, zum nächstgelegenen Flughafen in Minsk zu fliegen, teilte die Airline am Sonntag auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur mit.

Die Maschine sei sicher gelandet und die Passagiere seien von Bord gegangen, während die lokalen Behörden Sicherheitsüberprüfungen durchgeführt hätten. Dabei sei nichts Ungewöhnliches gefunden worden. Die Behörden hätten daraufhin genehmigt, dass das Flugzeug nach schätzungsweise fünf Stunden am Boden wieder zusammen mit Passagieren und Crew starten könne. Zur Verhaftung des oppositionellen Bloggers Roman Protassewitsch machte Ryanair keine Angaben. (sda/dpa)

Westliche Reaktionen

Litauens Präsident Gitanas Nausėda forderte die sofortige Freilassung des Aktivisten Protassewitsch. «Das ist ein nie dagewesener Vorfall (...) Das Regime von Belarus steht hinter dieser abscheulichen Aktion», schrieb er im Kurznachrichtendienst Twitter. Laut Litauens Aussenminister Gabrielius Landsbergis befanden sich Reisende aus zahlreichen Ländern an Bord, darunter drei deutsche und ein österreichischer Staatsbürger.

Auch das Auswärtige Amt in Berlin reagierte auf den Vorfall und forderte eine Erklärung zu der ausserplanmässigen Landung eines Passagierflugzeuges in Minsk. Staatssekretär Miguel Berger schrieb am Sonntag auf Twitter, man brauche eine sofortige Erklärung der Regierung von Belarus zur Umleitung eines Ryanair-Fluges innerhalb der EU nach Minsk und der angeblichen Festnahme eines Journalisten.

Österreichs Aussenministerium verlangte eine unabhängige internationale Untersuchung der ausserplanmässigen Landung eines Passagierflugzeuges in Minsk. Das teilte das Ministerium am Sonntag via Twitter mit. Zudem forderte das Ministerium die sofortige Freilassung von Protassewitsch.

Die schwedische Aussenministerin Ann Linde twitterte, die Berichte seien sehr bestürzend, dass eine zivile Passagiermaschine gezwungen worden sei, in Minsk zu landen, um dort den Journalisten Roman Protassewitsch festzunehmen. «Völlig inakzeptables und rücksichtsloses Verhalten», schrieb sie. Belarus müsse Protassewitsch sofort freilassen.

Nato fordert Untersuchung der Flugzeug-Umleitung nach Minsk

Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg hat eine internationale Untersuchung der Flugzeug-Umleitung durch die belarussischen Behörden nach Minsk gefordert. Er verfolge die Zwangslandung des Fluges und die berichtete Festnahme des Oppositionellen Roman Protassewitsch, schrieb der Norweger am Sonntagabend auf Twitter. «Das ist ein schwerwiegender und gefährlicher Vorfall, der internationale Untersuchungen erfordert.» Belarus müsse die sichere Rückkehr der Crew und aller Passagiere sicherstellen. (sda/dpa)

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Proteste in Belarus gehen weiter

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Proteste in Belarus gehen weiter
quelle: keystone / dmitri lovetsky
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