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Bundeskanzler Merz: Europa muss Sprache der Machtpolitik lernen

epa12675573 German Chancellor Friedrich Merz delivers a speech during the Italy-Germany Business Forum in Rome, Italy, 23 January 2026. EPA/RICCARDO ANTIMIANI
Der deutsche Kanzler Friedrich Merz.Bild: keystone

Merz schlägt gegenüber Trump härteren Ton an: «Sind nicht Untergebene»

Der deutsche Kanzler Friedrich Merz hat die europäischen Bündnispartner dazu aufgerufen, mit Geschlossenheit und Selbstbewusstsein zu einer eigenständigen Macht in einer neuen Weltordnung zu werden.
29.01.2026, 10:5629.01.2026, 16:10

Europa werde seine Vorstellungen nur dann durchsetzen können, «wenn wir auch selbst die Sprache der Machtpolitik sprechen lernen, wenn wir selbst eine europäische Macht werden», sagte er in seiner Regierungserklärung im Bundestag in Berlin.

Merz betonte, dass eine neue Weltordnung der Grossmächte in hoher Geschwindigkeit Gestalt annehme. «In dieser Welt weht ein rauer Wind, und den werden wir auf absehbare Zeit zu spüren bekommen», sagte er. Aus den Veränderungen könnten sich aber auch Chancen für ein Europa ergeben, das auf der Grundlage des Rechts agiere und sich der internationalen Zusammenarbeit verschrieben habe.

Europa als Alternative zu Imperialismus und Autokratie

«Wir sind in der Welt auch eine normative Alternative zu Imperialismus und Autokratie», sagte Merz. «Wir haben wirtschaftlich und wir haben vor allem ideell unseren Partnern auf der Welt etwas zu bieten.» Europa könne eine Macht sein, «gerade auch auf der Grundlage der Werte, die wir nicht aufgeben wollen».

Für den deutschen Regierungschef ergeben sich drei Felder, auf denen Europa sich beweisen müsse.

  • Europa müsse seine Sicherheit selbst in die Hand nehmen. Dazu müssten Abhängigkeiten im technologischen Bereich und bei der Verteidigungsfähigkeit abgebaut werden. Gemeint sind die Abhängigkeiten von den USA, auf deren nuklearen Schutzschirm Europa beispielsweise auf absehbare Zeit angewiesen ist.
  • Die europäische Wirtschaft müsse wettbewerbsfähig gemacht werden. Die Wachstumslücke zu China und den USA vergrössere sich. Diese Dynamik müsse jetzt umgekehrt werden.
  • Europa müsse geschlossen auftreten. In den vergangenen Wochen habe Europa gezeigt, was man durch Geschlossenheit bewegen könne, sagte Merz mit Blick auf den Konflikt um die zu Dänemark gehörende Insel Grönland. US-Präsident Donald Trump hatte schliesslich eingelenkt und seine Zolldrohungen gegen Deutschland und andere europäische Staaten fallen lassen. «Geschlossenheit ist ein Machtfaktor auf der Welt», sagte der Christdemokrat.

Aus neuem Selbstbewusstsein Europas etwas machen

«Machen wir etwas aus diesem sich nun regenden Selbstbewusstsein der Europäer», forderte Merz. Konkrete Massnahmen schlug er in seiner Rede aber nicht vor – etwa welche Reformen der Europäischen Union nötig seien, um sie handlungsfähiger zu machen. Auch auf die Debatte über eine eigene europäische nukleare Abschreckung ging er nicht ein. Der französische Präsident Emmanuel Macron hatte sie schon vor Jahren angestossen.

Merz hatte die europäischen Verbündeten schon in seiner Rede beim Weltwirtschaftsforum in Davos eindringlich aufgefordert, sich für eine neue Ära der Grossmachtpolitik zu rüsten. «Ein neues Zeitalter hat bereits begonnen», sagte er vergangene Woche. «Die neue Welt der grossen Mächte ist auf Macht, Stärke und – wenn nötig – auch Gewalt gegründet. Sie ist kein kuscheliger Ort.»

Der Auftritt erinnerte an die Zeitenwende-Rede, in der der damalige deutsche Kanzler Olaf Scholz 2022 im Bundestag den epochalen Umbruch nach dem russischen Angriff auf die Ukraine beschrieben hatte.

Härterer Ton gegenüber Trump

Gegenüber den USA schlägt Merz nun einen deutlich härteren Ton an als bisher. Die Aussagen von US-Präsident Donald Trump, dass die USA die Nato-Truppen in Afghanistan nie gebraucht hätten, kritisierte er scharf. «Wir lassen nicht zu, dass dieser Einsatz, den wir auch im Interesse unseres Bündnispartners Vereinigte Staaten von Amerika geleistet haben – wir lassen es nicht zu, dass dieser heute verächtlich gemacht wird und herabgewürdigt wird», sagte er.

Der konservative Kanzler wies auf die 59 Bundeswehrsoldaten hin, die während des Einsatzes in Afghanistan ihr Leben verloren, sowie auf weit mehr als 100, die zum Teil schwer verletzt wurden. «Ich möchte unseren Soldatinnen und Soldaten im Einsatz und in den Standorten vielmehr sagen: Ihr Dienst war und ist wertvoll», sagte er. «Er steht für unsere Freiheit und für den Frieden auf der Welt. Die Bundesregierung steht immer hinter Ihnen.»

Merz macht klar, dass Deutschland sich den USA politisch nicht unterordnen will. «Als Demokratien sind wir Partner und Verbündete und nicht Untergebene», sagte er. Die Hand der Zusammenarbeit zu den Vereinigten Staaten bleibe immer ausgestreckt, dies müsse aber das Leitprinzip sein.

Teil eines Netzwerks souveräner Staaten

Daraus folge zugleich eine Offenheit für neue Partnerschaften. «Wir wollen Teil eines dynamischen, agilen Netzwerks von souveränen Staaten sein, die weiter an einer regelbasierten Ordnung festhalten wollen.» Es müsse freien Handel und keine oder allenfalls nur geringe Zölle geben, «weil wir aus der Erfahrung wissen, dass nur offene Märkte und freier Handel der richtige Weg sind für den Wohlstand und die Sicherheit der Nation».

Deshalb sei es auch so wichtig, das Mercosur-Abkommen mit den südamerikanischen Staaten Argentinien, Brasilien, Paraguay, und Uruguay in Kraft zu setzen und ein Handelsabkommen mit Indien zu schliessen.

Erneut kritisierte Merz scharf das Abstimmungsverhalten von deutschen Grünen-Abgeordneten im Europaparlament, die mit der Linken und der rechtspopulistischen AfD zusammen bis zum Schluss versucht hätten, das Mercosur-Abkommen zu verhindern. Das sei «mehr als irritierend» gewesen. (sda/dpa)

Merz: Europäischer Atom-Schutzschirm wäre Ergänzung zu USA
Der deutsche Kanzler Friedrich Merz sieht eine mögliche deutsche Beteiligung an einem europäischen nuklearen Schutzschirm als Ergänzung zur gemeinsamen atomaren Abschreckung mit den USA. «Wir wissen, dass wir hier strategisch und auch militärpolitisch einige Entscheidungen treffen müssen», sagte der Christdemokrat in Berlin bei einem Treffen mit der litauischen Regierungschefin Inga Ruginiene. Dafür sei aber «die Zeit im Augenblick noch nicht reif». Man führe strategische Gespräche mit den beteiligten Ländern. Diese seien aber noch ganz am Anfang. Deutschland habe sich in zwei völkerrechtlich bindenden Verträgen verpflichtet, keine eigenen Atomwaffen zu haben, erklärte Merz – dem sogenannten Zwei-plus-vier-Vertrag im Zusammenhang mit der deutschen Wiedervereinigung sowie dem Nichtverbreitungsvertrag über Atomwaffen. «Insofern steht es nicht in unserem eigenen Ermessen und nicht in unserer eigenen Zuständigkeit, Atomwaffen in Deutschland zu haben.» Dies heisse aber nicht, «dass wir mit anderen Staaten Europas nicht auch über die gemeinsame atomare Abschreckung sprechen», fügte der deutsche Regierungschef hinzu. Diese Gespräche stünden auch nicht im Widerspruch zur atomaren Teilhabe mit den USA. «Sie können eine Ergänzung darstellen, so wie das zum Beispiel zurzeit für Frankreich und für Grossbritannien gilt.» Deutschland ist anders als Frankreich, Grossbritannien und die USA keine Atommacht, stellt aber im Rahmen der nuklearen Abschreckung der Nato Kampfflugzeuge bereit, die im Verteidigungsfall mit US-Atombomben bestückt werden könnten, die in Deutschland lagern. Dieses Nato-Konzept wird als nukleare Teilhabe bezeichnet.
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44 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Fribourgeoise
29.01.2026 11:49registriert Dezember 2022
Vor Trump zu kriechen bedeutet auch sich ihm zu ergeben, zu kapitulieren und sich seinen Launen und Machtbedürfnissen auszusetzen. Trump versteht nur die Sprache der Macht und härte: Es ist seine eigene Sprache.
Merz hat recht. Die EU muss sich nicht verstecken. Sie muss sich nur einig sein, mit Ausnahme von Ungarn, die ja auch in Trumps Friedensrat direkt aufgenommen wurden. Die EU ist das einzige Gegengewicht in der westlichen Welt zu Trump. Sie muss sich dessen bewusst werden.
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Heinzbond
29.01.2026 12:06registriert Dezember 2018
Deutschland hat auch eine Reise Warnung für die USA herausgegeben... Dem wächst doch nicht gerade spontan ein Rückgrat???
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Rannen
29.01.2026 11:15registriert Januar 2018
Das aufwachen braucht zu lange und längst überfällig. Eines ist dennoch sicher so kann es auf die Dauer nicht weitergehen
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