DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
FILE - In this Saturday, Feb. 6, 2021 file photo Tareq Alaows, who is running to become a lawmaker at the German parliament Bundestag poses in front of the Reichstag building in Berlin, Germany. Tareq Alaows who came to Germany as an asylum-seeker in 2015 and launched his campaign to run in Germany's federal election in September for the Green Party said in a statement Tuesday that he had decided to no longer run for parliament for personal reasons. (AP Photo/Markus Schreiber, file)

Tareq Alaows wollte für die Grünen in den Bundestag, zog seine Kandidatur dann aufgrund massiver Drohungen zurück. Bild: keystone

Wie Tareq Alaows Opfer eines politischen Klimas wurde, das er eigentlich bekämpfen wollte

Er floh aus Syrien nach Deutschland und wollte für die Grünen in den Bundestag. Nach Morddrohungen zieht Tareq Alaows seine Kandidatur zurück und kapituliert vor einem politischen Klima, das er eigentlich hätte bekämpfen wollen.



Freundliche Augen, etwas müde vielleicht, die schulterlangen Haare zu einem strengen Dutt am Hinterkopf gekämmt, kurz gestutzter Bart, adrett gekleidet, in der Stimme hörbare Wut. Es ist Februar 2021 in Berlin. Tareq Alaows, 31 Jahre alt, Jurist und Aktivist, spricht auf einer Kundgebung über seine Rassismus-Erfahrungen in Deutschland.

Wenige Tage vorher gab er bekannt, dass er den Sprung in die Politik wagt und als erste aus Syrien geflüchtete Person in den Deutschen Bundestag einziehen möchte. Viele gratulierten, wünschten Glück, sicherten ihm ihre Stimmen zu. Doch dann war da auch Hass. Hass, wie ihn Alaows seit seiner Ankunft in Deutschland schon öfter erlebt, in diesem Ausmass aber nicht erwartet hatte. Auf der Kundgebung sagt er gegenüber einem anwesenden Medienvertreter: «Ich frage mich, wie viel Angst die AfD vor der Demokratie hat. Ich stelle mich hier zur Wahl und man kann mich wählen oder nicht wählen. Doch das Einzige, was diese Partei tut, ist Hass gegenüber meiner Person zu schüren.»

Damals klingt Alaows empört, aber durchaus entschlossen. Er will die Sache durchziehen. Dass es nicht einfach werden würde, muss er gewusst haben, muss er schon bei seinem ersten Schritt, den er in Deutschland abgesetzt hatte, realisiert haben. Doch Alaows hatte schon ganz anderes erlebt. Als Assad-Kritiker demonstrierte er zu Beginn der syrischen Bürgerproteste gegen das Regime. Nach Kriegsausbruch arbeitete er in Damaskus beim roten Halbmond, leistete humanitäre Nothilfe und dokumentierte Menschenrechtsverletzungen. Als ihn die syrische Armee einziehen wollte, flüchtete er aus dem Land. Auf die eigenen Landsleute zu schiessen, war für ihn eine furchtbare Vorstellung.

2015 setzte er von der türkischen Küste an die griechische über, wenig später kam er nach Deutschland. Zusammen mit 60 anderen Personen wurde er in einer Turnhalle in Bochum untergebracht – ein halbes Jahr lang. Keine Privatsphäre, weinende Kinder in der Nacht, ständiger Lärm, eine kaputte Heizung, Lichterlöschen um 22 Uhr und Behörden, die sich die Zuständigkeiten für das Asylverfahren gegenseitig zuschieben. So beschrieb Alaows seine ersten Monate in Deutschland in einem Interview mit der Zeit.

Es war der Moment, wo er sein politisches Engagement für die Menschenrechte auch in Deutschland fortsetzte. Er organisierte Proteste vor der Bochumer Ausländerbehörde und dem Rathaus. Mit Erfolg. Gemeinsam mit der Stadtverwaltung fanden die Geflüchteten Lösungen für die Probleme. Später gründet Alaows die Gruppe «Refugee Strike Bochum» mit. Als Horst Seehofer 2018 die zivile Seenotrettung auf dem Mittelmeer blockiert, organisiert er die ersten Seebrücke-Demonstrationen.

Heute lebt Alaows in Berlin und arbeitet als Berater für Asyl- und Aufenthaltsrecht. Im Dezember 2020 beantragte er die deutsche Staatsbürgerschaft. Diese braucht er, um in den Deutschen Bundestag gewählt zu werden. Die wichtigsten Themen seiner Kandidatur: für die Einhaltung der Menschenrechte einstehen. Und den 100'000 syrischen Menschen, die auf der Flucht sind und in Deutschland leben, eine politische Stimme geben. So sagt er es in dem Video, das er Anfang Februar auf Twitter veröffentlicht – und unter dem später hunderte ihren Schmutz auskippten.

Alaows versucht wegzustecken, gibt Interviews, nutzt den Rummel um seine Person, um seine politischen Anliegen zu deponieren. Er kandidiert für die Grünen, weil er den sozialen und den ökologischen Wandel verknüpfen wolle. Die Klimakrise werde die Situation der Menschen im globalen Süden weiter verschärfen, sagt er. Darum müsse eine gerechte Klimapolitik Flucht und Migration in den Fokus rücken.

Knappe zwei Monate nach der Ankündigung seiner Kandidatur sind die Anfeindungen gegen Alaows aus dem Ruder gelaufen. Es gibt Morddrohungen gegen ihn und gegen Menschen, die ihm nahestehen. Er fühlt sich nicht mehr sicher in einem Land, wo in den vergangenen Jahren Rechtsextreme immer wieder ihrem Hass auf die migrantische Bevölkerung freien Lauf gelassen hatten. Er zieht seine Kandidatur zurück. Zu seinem und dem Schutz seines Umfeldes werde er sich für eine gewisse Zeit von der Öffentlichkeit fernhalten.

Am Tag nach seiner Ankündigung reagieren viele deutsche Politikerinnen und Politiker geschockt. Der deutsche Aussenminister Heiko Maas nennt die Drohungen und verbalen Angriffe auf Alaows «erbärmlich für die Demokratie». Katrin Göring-Eckardt, Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag, findet es «hochgradig beschämend für unsere demokratische Gesellschaft». Auf den Sozialen Medien bekunden viele ihre Solidarität und Bedauern über seinen Entscheid. Ob er es sich nicht nochmal überlegen wolle, schliesslich brauche es genau solche Politiker wie er, schreibt ein Unterstützer.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Jadon Sancho und Co. protestieren gegen Rassismus

So ist es, ein Schweizer-Asiate zu sein

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

In Deutschland waren die Flüchtlinge nicht mal willkommen, als es Deutsche waren

Wer glaubt, für Fremdenfeindlichkeit brauche es Menschen aus fremden Ländern, irrt. Nach dem verlorenen Krieg drängten sich Millionen Flüchtlinge und Vertriebene aus den deutschen Ostgebieten in Rest-Deutschland. Heute gilt ihre Aufnahme als vorbildlich – doch in Wahrheit schlugen ihnen damals Hass und Verachtung entgegen und der offen ausgesprochene Gedanke, nicht nach Westdeutschland, sondern nach Auschwitz zu gehören.

Der Volkszorn kocht, und der Redner weiss genau, was die Leute hören wollen: «Die Flücht­lin­ge müs­sen hin­aus­ge­wor­fen wer­den, und die Bau­ern müs­sen da­bei tat­kräf­tig mit­hel­fen», ruft Jakob Fischbacher*. Der Kreisdirektor des bayerischen Bauernverbandes giesst kräftig Öl ins Feuer und nimmt sogar das Nazi-Wort «Blutschande» in den Mund.

Was hier nach Sachsen im Jahr 2016 klingt, ist Bayern im Jahr 1947. Und die Flüchtlinge, die Fischbacher hinauswerfen will, kommen nicht aus Syrien …

Artikel lesen
Link zum Artikel