DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Die Berliner Bürgermeisterin Franziska Giffey hat am Freitagnachmittag eine Telefonkonferenz mit dem angeblichen Bürgermeister von Kiew, Vitali Klitschko, abgebrochen. (Archivbild)
Die Berliner Bürgermeisterin Franziska Giffey hat am Freitagnachmittag eine Telefonkonferenz mit dem angeblichen Bürgermeister von Kiew, Vitali Klitschko, abgebrochen. (Archivbild)Bild: keystone

«Deepfake»-Klitschko sprach mit Berliner Bürgermeisterin – Politiker und Experten besorgt

25.06.2022, 18:1427.06.2022, 09:00
Franziska Wohlfarth / watson.de

Am Freitagnachmittag wurde Berlins regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey angeblich Opfer einer sogenannten Deepfake-Attacke. Die SPD-Politikerin hatte eine Videoschalte nach einer halben Stunde abgebrochen, nachdem Zweifel aufgekommen waren, dass sie tatsächlich mit Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko verbunden war.

«Die erste Viertelstunde war völlig unauffällig», zitierte die Deutsche Presse-Agentur Senatssprecherin Lisa Frerichs. «Der vermeintliche Herr Klitschko hat gefragt, wie es uns mit den vielen ukrainischen Flüchtlingen geht, wie wir damit umgehen, wie die Zahlen sind, ein ganz normales Gespräch, wie wir es erwartet hatten.» Die Videokonferenz zum Thema Zusammenarbeit der beiden Städte Berlin und Kiew sei bereits lange vorher verabredet worden.

Videogespräch mit angeblichem Klitschko sorgt für Misstrauen

Der Verlauf des Gesprächs und die Themensetzung hätten jedoch «auf Berliner Seite ein Misstrauen hervorgerufen», teilte die Berliner Senatskanzlei am Freitagabend auf Twitter mit. «Es ging einmal darum, dass er sich auf ein angebliches Gespräch mit Botschafter Melnyk bezogen und gefragt hat, wie wir das sehen, dass so viele Ukrainerinnen und Ukrainer sich Sozialleistungen in Berlin erschleichen wollten», sagte Frerichs weiter.

«Und es gab die Bitte, dass wir durch unsere Behörden unterstützen mögen, dass gerade junge Männer in die Ukraine zurückgehen, um dort zu kämpfen.» Das letzte Thema sei dann noch auffälliger gewesen: «Er hat gefragt, ob wir Kiew beratend unterstützen könnten, eine Art CSD (Christopher Street Day) auszurichten. Das war angesichts des Krieges schon mehr als seltsam.» Die Verbindung sei dann beendet worden oder abgebrochen.

Deepfake-Attacke auch in Madrid

Ein Gespräch mit Melnyk, dem ukrainischen Botschafter in Deutschland, habe bestätigt, dass es sich bei dem vermeidlichen Vitali Klitschko um einen Deepfake gehandelt habe. Bei dieser technischen Manipulation werden mithilfe von künstlicher Intelligenz Video-, Audio- und Bildmaterialien verändert. So können beispielsweise Gesichter in fremden Videosequenzen authentisch ausgetauscht werden. Der polizeiliche Staatsschutz des Landeskriminalamtes sei bereits eingeschaltet, wie ein Sprecher der Berliner Polizei gegenüber dem «Spiegel» bestätigte.

«Es gehört leider zur Realität, dass der Krieg mit allen Mitteln geführt wird», wird Giffey von der Berliner Senatskanzlei auf Twitter zitiert. «Auch im Netz, um mit digitalen Methoden das Vertrauen zu untergraben und Partner und Verbündete der Ukraine zu diskreditieren.» Madrids Bürgermeister José Luis Martinez-Almeida soll ebenfalls mit dem Deepfake-Klitschko ein Videotelefonat geführt haben, welches wegen Misstrauens jedoch ebenfalls vorzeitig abgebrochen wurde. Das bestätigte das Bürgermeisteramt der Deutschen Presse-Agentur.

Und auch der Wiener Bürgermeister Michael Ludwig fiel laut «Bild»-Zeitung auf ein Fake-Telefonat mit Vitali Klitschko hinein. Der Politiker soll sogar eine Pressemitteilung herausgegeben haben, die zudem ein Foto von ihm und dem angeblichen Klitschko während der Schalte zeigt.

Klitschko bestätigt Deepfake

«Liebe Franziska Giffey, ich habe gerade erfahren, dass es bei Ihnen und dem Bürgermeister von Madrid einen Fake-Anruf gab. Jemand hat sich als Vitali Klitschko ausgegeben – ich war es aber nicht», beteuerte Klitschko am Freitagabend gegenüber der «Bild»-Zeitung. Und weiter: «Ich hoffe, dass wir bald über meine offiziellen Kanäle telefonieren können. Ich brauche dann auch keinen Übersetzer.»

Giffey reagierte kurze Zeit später auf das Gesprächsangebot des Kiewer Bürgermeisters und twitterte: «Danke für das Angebot, sehr gern! Wir haben schliesslich viel zu besprechen.»

FDP-Politiker über Vorfall: «Extrem verstörend»

Auch andere Politiker und Politikerinnen äusserten sich im Netz zu dem Vorfall. Darunter auch FDP-Bundestagsabgeordneter Konstantin Kuhle: «Dieser Vorgang ist extrem verstörend und muss lückenlos aufgeklärt werden», forderte er auf Twitter. «Der Einsatz von Deep Fake zur Beeinflussung politischer Prozesse wird in den kommenden Jahren ein riesen Thema. Wir müssen vorbereitet sein!»

Auch Dr. Thomas-Gabriel Rüdiger, Leiter des Instituts für Cyberkriminologie an der Hochschule der Polizei Brandenburg, sprach sich auf Twitter für mehr Aufklärung und Vorbereitung aus. «Krasse Sache, die zeigt, warum Deepfakes eine Gefahr sein können, und wir frühzeitig darüber auch in Schulen mit Medienkompetenz über diese Möglichkeiten aufklären müssen.»

(fw/dpa)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Fake bleibt Fake: Diese manipulierten Bilder machen im Netz immer wieder die Runde

1 / 32
Fake bleibt Fake: Diese manipulierten Bilder machen im Netz immer wieder die Runde
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

Weil Deepfakes machen so einfach ist, haben wir es ausprobiert

Video: watson

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

37 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
pontian
25.06.2022 20:16registriert Januar 2016
Das mit dem Deepfake ist in der Tat besorgniserregend.

Allerdings hätte man dem Ganzen wohl schon viel früher auf die Spur kommen können. Gemäss Berichten kam die Anfrage für das Interview von der E-Mail-Adresse mayor.kyiv@ukr.net. Eine kurze Recherche hätte gezeigt, dass ukr.net sowas wie gmx.de ist.

Wenn das tatsächlich stimmt, ist das fast so etwas wie wenn jemand auf mittelgut gemachtes Phishing reinfällt. Also für eine Regierungsbehörde eher blamierend.
1594
Melden
Zum Kommentar
avatar
ingmarbergman
25.06.2022 18:36registriert August 2017
Der Experte sagt es richtig: es ist eine Frage der Medienkompetenz.
Erschreckend ist, dass eine hochrangige Politikerin nicht bessere Berater hat, die ordentliche Backgroundchecks machen. Bei einer physische Konferenz würden die auch gemacht, also darf man sich im digitalen Raum nicht mit weniger zufriedenstellen.
1042
Melden
Zum Kommentar
avatar
LilyLullaby
25.06.2022 19:58registriert Januar 2021
Wir werden in zukunft häufiger mit deep fakes konfrontiert werden. Eine gefährliche entwicklung
573
Melden
Zum Kommentar
37
Fentanyl am Dollarschein und dann ab ins Spital? Was hinter der Geschichte steckt

Im Juli berichtetet diverse Medien – darunter auch watson – über den Facebookpost von Renee Parsons, der weltweit viral gegangen war. Parsons behauptete, dass sie wegen eines Ein-Dollar-Scheins, den sie vom Boden aufgehoben habe, im Spital gelandet sei. Denn am Dollarschein habe sich das Medikament Fentanyl befunden. Bebildert war der Post mit einem Bild von Parsons im Spitalbett.

Zur Story