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Pädophilen-Skandal in Frankreichs Literaturwelt – war das erst der Anfang?



This photo taken Thursday, Jan. 2, 2020 shows the book

Bild: AP

Warum wurde Gabriel Matzneff, ein offen pädophiler Schriftsteller, jahrelang von Frankreichs Literatur- und Intellektuellenszene toleriert und sogar gefeiert? Eine Frage, die seit dem Erscheinen des Bestsellers «Le Consentement» (etwa: Die Zustimmung) Frankreichs Öffentlichkeit beschäftigt. Die Autorin Vanessa Springora ist eines seiner Opfer.

Nach dem ersten Schock hält sich Frankreichs Literaturszene sehr bedeckt. Der Pariser Staatsanwalt hat in einem Appell weitere Betroffene dazu aufgerufen, sich zu melden.

Matzneff ist Autor von Dutzenden Romanen, Essays und Notizbüchern, in denen er seine pädophilen Abenteuer beschreibt. Einer seiner Essays heisst: «Les moins de seize ans» (Die Unter-Sechzehnjährigen). Für seine Werke erhielt er mehrere Auszeichnungen, darunter auch den renommierten Prix Renaudot im Jahr 2013.

Aude, Brigitte S., Marie-Agnès und Marie-Elisabeth: Die Liste minderjähriger Mädchen, die Matzneff verführt hat, ist lang. Wegen sexuellen Missbrauchs von Jugendlichen und Verherrlichung von Verbrechen laufen gegen ihn nun Ermittlungen.

Mittlerweile wurden auch Hausdurchsuchungen in dem renommierten Verlag Gallimard vorgenommen, der Matzneff verlegt hat. Die Ermittler hofften, dort unveröffentlichte Manuskripte mit weiteren Details zu finden. Matzneff, heute 83 Jahre alt, hat sich nach Italien abgesetzt. Am Mittwoch durchsuchte die Polizei dort sein Hotelzimmer.

In einem an die Wochenzeitung «L’Express» adressierten Text hatte er geschrieben, er werde Springoras Buch nicht lesen. Was sie beschreibe, sei nicht das, was sie beide zusammen erlebt hätten

Akzeptierte Moralüberschreitungen

Das Buch von Vanessa Springora ist weder polemisch noch von anklagender Wut. Auf den rund 200 Seiten beschreibt sie ihre Kindheit, die gescheiterte Ehe ihrer Eltern, ihre Leidenschaft für Bücher und ihre erste Begegnung mit Matzneff. Als Vanessa ihn kennenlernte, war sie 14, Matzneff 50. Das Verhältnis dauerte über ein Jahr.

In dem Erstlingswerk schreibt die heute 47 Jahre alte Verlegerin auch über die Komplizenschaft der linkslibertären Szene. Sie erwähnt einen Artikel aus der Zeitung «Le Monde» aus dem Jahr 1977, in dem Schriftsteller und Intellektuelle wie Simone de Beauvoir, Jean Paul Sartre und Louis Aragon eine Petition veröffentlichten mit der Forderung, sexuelle Beziehungen zwischen Erwachsenen und Minderjährigen zu entkriminalisieren – im Namen der sexuellen Freiheit und der Abschaffung von Tabus und Sittenregeln.

Der franzoesische Schriftsteller und Philosoph Jean-Paul Sartre sitzt an seinem Schreibtisch in Paris am 28. Nov. 1948.  Sartre, die Leitfigur des Existenzialismus, starb vor 25 Jahren, am 15. April 1980. (KEYSTONE/AP Photo) ===  ===

Jean Paul Sartre. Bild: AP

Lange Zeit erhob niemand seine Stimme dagegen. In dem Bohème-haften, antibürgerlichen Umfeld seien in Frankreich Moralüberschreitungen akzeptiert worden, sogar mit einer gewissen Bewunderung, schreibt Springora.

Schockierende Aussagen

Das zeigen auch Archivvideos bekannter Fernsehsendungen. In der Kultsendung «Paris Dernière» aus dem Jahr 1995 mit Matzneff fragt der Moderator seine Gäste, was sie nach der Sendung mit dem angebrochenen Abend machen wollen.

Scherzend schlägt er vor: «Gabriel schicken wir mit einer Zwölfeinhalbjährigen ins Bett und wir gehen zu den 62-jährigen Nutten.» Renaudot-Juror und Romanautor Frédéric Beigbeder («Neununddreissigneunzig») fragt amüsiert, ob man die Situation auch umkehren könne.

Noch schockierender ist der Auszug aus der berühmten, von Frankreichs Literaturpapst Bernard Pivot moderierten Sendung «Apostrophes» im Jahr 1990. Darin fragte er Matzneff, wie dieser zu einem «Spezialisten für Minderjährige» geworden sei. Antwort: Sie seien noch nett und nicht so hart wie Frauen, die schon mehrere Männer gehabt hätten.

In einem Tweet versuchte der heute 84-jährige Pivot sich Ende 2019 zu rechtfertigen: In den 1970er und 1980er Jahren habe die Literatur vor der Moral gestanden. Heute habe die Moral Vorrang vor der Literatur. «Moralisch gesehen ist dies ein Fortschritt. Wir sind mehr oder weniger die intellektuellen und moralischen Produkte eines Landes und vor allem einer Ära», schrieb er.

Verteidiger Matzneffs argumentieren regelmässig, damals sei eine andere Zeit gewesen. Kritiker hingegen erinnern daran, dass Pädophilie bereits seit den 1970er Jahren verboten sei. Es handle sich nicht um eine Frage der Zeit, sondern des Milieus, sagen sie. Während Matzneff mit seiner Pädophilie-Literatur gefeiert wurde, seien Lehrer, Betreuer und Ärzte wegen des gleichen Sexualdelikts durchaus verurteilt worden. (aeg/sda/dpa)

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17Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • smartash 28.02.2020 15:10
    Highlight Highlight Wer 14-jährige (also pubertierende) sexuell anziehend findet, ist hebephil und nicht pädophil. Pädophil ist, wer Kinder vor der Pubertät anziehend findet.

    Nur zum mal die Begrifflichkeiten festzuhalten
  • Tomacco 28.02.2020 14:01
    Highlight Highlight https://de.m.wikipedia.org/wiki/Schutzalter
  • AdiB 28.02.2020 10:11
    Highlight Highlight Und wenn ich in linken und intelektuellen kreisen sagte dass viele dieser phylodophen, autoren u.s.w eigendlich pedophile seien, hat man mich für einen spinner abgestempelt. Die dunkelziffer würde sehr hoch ausfallen.
    Wieso verwundert das jetzt jemanden? Schon früher hatte jeder intelektuelle seinen lustknaben denn er mit sich schleifte. Nur weil diese leute auf welt offen machen, denken die leute sie wären frei von jeder schuld?
    Ich frage mich aber auch bei den linken die solche leute schützten, was daran links ist?
    Die linken sollten sich auf ihr fundament zurück berufen, dem arbeiter.
    • Liselote Meier 28.02.2020 18:38
      Highlight Highlight Auswüchse von gewissen „Linken“ Bohems.

      Eine Verabolutisierung des Begriffs der sexuellen Freiheit.

      Sexuelle Freiheit kann es aber nur unter Gleichen geben sprich freie, selbständige Menschen.

      Ein pubertäres Kind ist dies in 99% der Fälle nicht. In einer solchen Art von „Beziehung“ gibt es immer ein Machtgefälle und eine Form von Abhängigkeit. Die Ausnutzung der kindlichen Naivität kommt noch dazu.

      Ergo ist es nichts anders als kleinbürgerlicher Individualismus. Eine Überhöhung der eigenen Freiheit, auch auf Kosten von anderen zur Stillung der eigenen Bedürfnisse. Anti-Emanzipatorisch


  • Spooky 28.02.2020 09:38
    Highlight Highlight Vierzehnjährige wurden damals in der Schweiz in die Fabriken verfrachtet, wo sie an den Fliessbändern verblödeten. Sie wurden wie Erwachsene behandelt. Das muss man sich mal vorstellen!
  • Dr. Unwichtig 28.02.2020 07:50
    Highlight Highlight O.k. - die Situation ist noch etwas krasser, aber seht euch mal den Zusammenschnitt „Hollywood loves Harvey Weinstein“ auf YouTube an. Dutzende von „Promis“, die dem Ekelpaket ihre Ehre erweisen - auch und vor allem feministische Vorkämpferinnen wie Jennifer Lawrence....
  • JoeyOnewood 28.02.2020 05:59
    Highlight Highlight „Die Liste minderjähriger Mädchen, die Matzneff verführt hat“ - ich finde „verühren“ im Zusammenhang mit Pädophilie ein ziemlich unangebrachtes braucht... Ich finde, da fängt die Denkweise eben genau an.
    • JoeyOnewood 28.02.2020 12:59
      Highlight Highlight Sorry:
      *verführen
      *unangebrachtes Wort

      Ich sollte nicht so früh am morgen Kommentare schreiben.
  • PERSILflage 27.02.2020 21:51
    Highlight Highlight Apropos:
    Daniel Cohn-Bendit, auch einer dieser sogenannten Intellektuellen mit fragwürdigen Ansichten...
  • De-Saint-Ex 27.02.2020 21:22
    Highlight Highlight Das ist dann wohl sowas ähnliches wie bei Weinstein... so ziemlich alle wussten es, dagegen etwas unternommen haben endlich die direkt betroffenen Opfer. Die „Kultur“Kaste bekleckert sich einmal mehr nicht mit Ruhm. Gerade in der heutigen Zeit, da Kultur für manch einen Rechtsnationalisten eh ein Übel ist, sollte sie zumindest dafür sorgen, dass sie mit den übelsten Exponaten richtig umgeht.
  • who cares? 27.02.2020 16:58
    Highlight Highlight Dass mit "früher war alles anders" machen die Taten nicht besser. 14jährige waren in den 70er ebenfalls 14. Also Kinder. Wer das damals heiss fand, war nicht irgendwie gesellschaftlich geprägt sondern einfach krank, genau so wie heute.
  • Raphael Stein 27.02.2020 16:44
    Highlight Highlight War gestern krank, ist heute krank.
  • nightdrifter 27.02.2020 16:36
    Highlight Highlight Sorry, einfach nur krank diese beschriebe Gesellschaft!
  • Hoci 27.02.2020 16:27
    Highlight Highlight Zum Kotzen, passt aber perfekt ins Bild der ganzen Situation mit sexuellen Übergriffen. Vergewaltiger und Täter werden vorwiegend von Männern für ihre Taten gefeiert.
    Kein Wunder schützt unser veraltetes Sexualstrafrecht Täter und verarscht Opfer, macht sie mundtot. Nicht zu reden von den lächerlichen urteilen, wenns nicht gerade ein böser Ausländer (siehe Mal Urteile ).
    Wo war jahrelang der Staatsanwalt Ankläger, die Polizei, welche Sexualstrafdelite verfolgt?
    Und wie stehts bei uns?
  • pwdr 27.02.2020 16:14
    Highlight Highlight «Verteidiger Matzneffs argumentieren regelmässig, damals sei eine andere Zeit gewesen.»
    Einfach nur abscheulich wie einige Menschen versuchen das Ganze zu verharmlosen. Da gibt es absolut nichts, was dies auch nur ansatzweise entschuldigen könnte. Schade ist er bereits ziemlich alt und wird wohl nicht lange hinter Gitter verweilen müssen. Anders als Dutroux; Da kann man nur hoffen, dass er 2021 nicht auf freien Fuss gesetzt wird.
  • Der Buchstabe I 27.02.2020 15:51
    Highlight Highlight Einfach nur ekelhaft 🤢
  • So oder so 27.02.2020 15:48
    Highlight Highlight "Wir sind mehr oder weniger die intellektuellen und moralischen Produkte eines Landes und vor allem einer Ära», schrieb er"

    Euer "intellektuelles" schaffen ist ein Dreck Wert. Wär schon mal eine Recherche wert wenn sogar im Fernsehen aussagen gemacht wurden bei dem es einem denn Magen umdreht.

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