Junkfood gegen Haute Cuisine: Die Fastfood-Welle überschwemmt Frankreich
Welches Land hält in Europa den Rekord an McDonald’s-Lokalen? Nein, nicht England, auch nicht Deutschland, sondern Frankreich, das so stolz ist auf seine Lebenskunst. 1589 «McDo’s», wie sie auf gut Französisch genannt werden, verkaufen ihre Einheitsmenüs heute von den Pariser Champs-Elysées bis in kleine Dörfer auf dem Land.
Tessancourt-sur-Aubette zählt zum Beispiel bloss 970 Einwohner – aber auch dort prangt seit 2024 ein gelbes «M». Eine Brasserie oder ein anderes traditionelles Restaurant gibt es in dem kleinen Ort unweit der Normandie nicht mehr, wenn man von einem «Pizza-Kiosk» absieht.
McDo ist nur eine von vielen Ketten, die in Frankreich zulegen. Antiamerikanismus in der Grande Nation, das war einmal – kulinarisch gesprochen. Die «Malbouffe» (mieser Frass) französischer Fasson breitet sich immer stärker aus – mit Ketten wie Big Fernand, Speed Burger, King Marcel, Burger Addict, Tasty Crousty oder Chicken Street. Die Reihe liesse sich beliebig fortsetzen. Auch Influencer oder Basketballstars wie Victor Wembanyama gründen heute ihre eigene Kette.
Die Zahl der Fastfood-Lokale hat in Frankreich seit 2021 um 4700 zugenommen; heute sind es deren 51'600. Die Zahl herkömmlicher Restaurants ist dagegen laut den neusten Zahlen der Arbeitsversicherung Urssaf um 3100 auf 69'500 geschrumpft. In 62 Prozent aller französischen Gemeinden gibt es heute weder Bistro noch Boulangerie, dafür mindestens ein Stehlokal für den Schnellimbiss.
In den Vororten der Grossstädte, aber auch in den Zentren kleiner Provinzstädte ist das Phänomen besonders ausgeprägt. Den Rekord hält der Pariser Banlieue-Ort Argenteuil: 77 Prozent aller Verpflegungsstätten der Gemeinde lassen sich unter der Kategorie Junkfood einordnen.
Die USA lassen grüssen
Die Restaurants versuchen sich dem Trend anzupassen: Kaum eine Menükarte kommt in Frankreich heute noch ohne Burger aus, keine Bäckerei ohne Sandwich- oder Poké-Bowl-Angebot. Im gehobenen Pariser Vorort Montrouge hat die alteingesessene Brasserie «Le Rouge Gorge» (Rote Kehle) den Namen in «Poulet Braisé» (geschmortes Huhn) geändert; dazu hat sie einen Takeaway-Schalter in die Mauer gebohrt. Das Menü für 10 Euro ist günstig und reichhaltig – vor allem an Zucker, Salz, Fett und Öl. Doch das stört die Jugendlichen in der Warteschlange nicht. Sie lecken sich die Finger ob all den Frittiermenüs und der grossen Auswahl an Saucen.
Die Mediziner im Land stellen eine rasante Zunahme der Fettleibigkeit in Frankreich fest – fast ein Fünftel der Erwachsenen ist heute übergewichtig. Die USA lassen grüssen. «Die Kalorienbomben der Malbouffe treiben Diabetes und Herzkrankheiten in die Höhe», sagt die Nutritionistin Claire Dubois. «Wein oder Käse sind zwar auch reich an Kalorien, doch war der Speisezettel früher viel ausgeglichener als die heutige Malbouffe. Die Fettleibigkeit war deshalb früher kein Problem für Frankreich.»
Die Malbouffe geht mit einem generellen Verlust der Esskultur einher. Die sakrosankte Mittagspause von 13 bis 15 Uhr hält in Frankreich kaum mehr jemand ein. Unter Zeitdruck lassen sich junge Erwerbstätige ihr Sandwich günstig an den Arbeitsplatz liefern, wenn sie sich den Burger nicht im Auto am Drive-In holen.
Mit währschafter Bistrokultur oder exquisiter Haute Cuisine hat das nichts mehr zu tun. Entsprechend leidet auch der Nationalstolz, wenn am Fusse des typisch pariserischen Montmartre-Hügels der erste Ableger der grössten US-Zuckerbäckerkette Dunkin’ Donuts aufgeht. So geschehen Mitte 2025. Oder wenn Jungbürger wohl wissen, was ein indisches Naan-Fladenbrot ist, aber nicht mehr, wie eine karamellisierte Tarte Tatin aus Boskoop-Äpfeln mundet.
Aber langsam besinnt sich Frankreich auf seine Talente, erinnert sich an seine Maxime: «Ich koche, also bin ich.» An Schulen werden Kochkurse angeboten, die vormachen, wie es auch ohne ein Übermass an Zucker, Salz und Öl geht. Die französische Regierung überlegt sich ein Werbeverbot für Fastfood am TV. Die Gastrostadt Lyon unterstützt die rustikalen Lyonnaiser Kneipen, die Bouchons, und organisiert ein Festival «A table!» mit gesunden, nachhaltigen und lokalen Esswaren. Wirte arbeiten dabei mit nahe gelegenen Bauernhöfen zusammen und organisieren für die Gäste Besuche der Gemüsegärten, Reben oder Ställe. Im Elysée-Palast kürt der Staatspräsident einmal im Jahr das beste Baguette.
Doch die Entwicklung lässt sich nur schwer aufhalten. Als der südfranzösische Bauernführer José Bové der Malbouffe den Kampf ansagte und 1999 erstmals ein McDonald’s-Lokal schleifte, gab es in Frankreich 700 Imbisse dieser Marke. Heute sind sie mehr als doppelt so zahlreich.
