Warum die Insel Charg so wichtig ist – und welche Folgen ihre Besetzung hätte
Die US-Streitkräfte haben in der Nacht auf Samstag erstmals die iranische Insel Charg bombardiert. Über die kleine Insel im Persischen Golf werden rund 90 Prozent der iranischen Öl-Exporte abgewickelt. Nach amerikanischen Angaben richteten sich die Luftangriffe einzig gegen militärische Ziele; die Öl-Infrastruktur wie Pipelines, Verladeterminals und Tanklager sei mit Absicht verschont worden.
“Moments ago, at my direction, the United States Central Command executed one of the most powerful bombing raids in the History of the Middle East, and totally obliterated every MILITARY target in Iran’s crown jewel, Kharg Island... Iran has NO ability to defend anything that we… pic.twitter.com/2iEzCOyA3P
— The White House (@WhiteHouse) March 13, 2026
Da die USA weitere Kräfte – drei Kriegsschiffe mit rund 2500 Marinesoldaten – in die Region verlegen, nehmen Spekulationen über eine mögliche Landeoperation auf Charg zu. Wo liegt diese Insel, warum ist sie so wichtig und was geschähe im Fall einer Besetzung?
Wo liegt Charg?
Die knapp 23 Quadratkilometer grosse Koralleninsel – sie ist rund 6 Kilometer lang und 4 Kilometer breit – liegt etwa 25 Kilometer von der iranischen Küste entfernt im nordöstlichen Teil des Persischen Golfs, ungefähr 55 Kilometer nordwestlich der Grossstadt Buschehr. Charg (internationale Schreibweise: Kharg) hat rund 10'000 Einwohner und liegt in der Nähe mehrerer Ölfelder. Unmittelbar nördlich von Charg befindet sich die kleinere, unbewohnte Insel Chargo.
Warum ist Charg wichtig?
Schon im Altertum war die Insel strategisch wichtig, da sie die Handelsroute zwischen Indien und Mesopotamien beherrschte. Die niederländische Vereenigde Oostindische Compagnie (VOC) errichtete hier Mitte des 18. Jahrhunderts das Fort Mosselsteyn, das aber bald durch persische Piraten erobert wurde. Die Briten besetzten die Insel im 19. Jahrhundert gleich zweimal.
Wirklich wichtig wurde Charg aber mit dem Öl. Da der Persische Golf an der iranischen Küste für grosse Tanker zu flach ist, baute der amerikanische Ölkonzern Amoco die Insel ab 1956 massiv aus. Als das Mullah-Regime die privaten Besitzer nach der Islamischen Revolution 1979 enteignete, beherbergte die Insel die wertvollste Öl-Infrastruktur im gesamten Nahen Osten.
Heute befinden sich drei Ölterminals und ein Gaswerk auf Charg; das Terminal auf der Insel verfügt über einen 1840 Meter langen Pier, der zehn Tanker bis zu 200'000 Tonnen gleichzeitig abfertigen kann. Am Sea-Island-Terminal können sogar Supertanker bis zu 360'000 Tonnen anlegen. Die gewaltigen Tanks auf Charg, die 30 Millionen Barrel (1 Barrel sind 159 Liter) speichern können, werden durch Unterwasserpipelines vom Festland aus mit Öl aus den iranischen Fördergebieten befüllt. Laut iranischen Angaben können auf der Insel täglich mehr als sechs Millionen Barrel Rohöl verladen werden; bei Bedarf kann diese Menge sogar auf bis zu 10 Millionen Barrel erhöht werden.
Mehr als 90 Prozent der iranischen Öl-Exporte laufen über die Insel – der grösste Teil davon nach China. Charg ist damit das Herzstück der iranischen Öl-Infrastruktur, die Lebensader der iranischen Wirtschaft und eine essenzielle Einnahmequelle des Regimes.
Planen die USA die Besetzung der Insel?
Dafür gibt es keine Ankündigungen von offizieller Seite. Allerdings gibt es Medienberichte, beispielsweise vom Nachrichtenportal Axios, wonach Vertreter der Trump-Regierung über die Eroberung der Insel Charg diskutiert haben sollen. Die Ausschaltung oder Reduzierung der militärischen Infrastruktur auf der Insel durch die jüngsten Luftangriffe habe die Voraussetzung geschaffen, sie mit Bodentruppen vergleichsweise problemlos einzunehmen, da sie nun ohne militärischen Schutz sei.
Inoffizielle Stimmen wie der pensionierte Generalleutnant der US-Army und ehemalige Sicherheitsberater Keith Kellogg sind da unverblümter. Kellogg sagte Fox News, die USA sollten Charg besetzen:
Keith Kellogg on Iran:
— Clash Report (@clashreport) March 5, 2026
We should take Kharg Island. pic.twitter.com/d8bERIU8ZL
Trump selber hat eine Bodenintervention bisher nicht explizit ausgeschlossen. Und lange vor seiner Politkarriere, als er 1988 in Grossbritannien sein Buch «The Art of the Deal» bewarb, sagte er dem Guardian über die iranische Revolution und die Geiselnahme in Teheran 1979:
Allerdings würde es sich bei einer Intervention mit «Boots on the Ground» um eine folgenschwere Eskalation des Kriegs handeln. Der Einsatz von Bodentruppen, auch in einem eng begrenzten Gebiet, erhöht das Risiko von Verlusten bei den eigenen Truppen massiv.
Welche Folgen könnte die Besetzung von Charg haben?
Eine Intervention mit Bodentruppen – aber auch gezielte Luftangriffe auf die Öl-Infrastruktur der Insel – könnte die iranischen Ölexporte für Monate vollends stoppen und damit die bereits prekäre wirtschaftliche Lage des Landes weiter beeinträchtigen. Trotz der seit dem 28. Februar andauernden amerikanisch-israelischen Angriffe hat der Iran nämlich gemäss Daten von Tankertracker.com und Kpler nach wie vor zwischen 1,1 und 1,5 Millionen Barrel pro Tag exportiert, wie der Tages-Anzeiger berichtet. Der Ausfall der Einnahmen aus diesen Exporten würde das Regime in Teheran stark unter Druck setzen.
Auch wenn eigentlich China der Hauptabnehmer iranischen Rohöls ist, würde die Unterbrechung der iranischen Ölexporte über die Insel auch die Rohölpreise weltweit nach oben treiben, wie das Center for Strategic and International Studies in Washington in einer Analyse darlegt. Dies wiederum würde die Inflation in den Industriestaaten weiter anheizen – kein Szenario, das US-Präsident Trump gutheissen könnte, der eine republikanische Niederlage in den Midterms im November befürchten müsste.
Das Mullah-Regime hat zudem angekündigt, dass der Iran im Falle eines Angriffs auf die Öl-Anlagen auf Charg umgehend Gegenangriffe auf Ölanlagen in der gesamten Golfregion ausführen würde. Der Iran hat zudem bei der Blockade der Strasse von Hormus – auch im eigenen Interesse – eine gewisse Zurückhaltung an den Tag gelegt. Diese enorm wichtige Engstelle, durch die etwa ein Fünftel der weltweiten Rohölexporte geht, befindet sich rund vierhundert Kilometer weiter südöstlich. Trotz der massiven Verluste durch die amerikanisch-israelischen Angriffe könnte die verbliebene iranische Marine die Meerenge mittels Seeminen praktisch unpassierbar machen. Dies würde den Ölpreis unweigerlich auf neue Höhen treiben.
Eine Besetzung der Insel mit Bodentruppen dürfte für die US-Streitkräfte kein allzu schwieriges Unterfangen sein – die Lufthoheit und maritime Überlegenheit haben sie ohnehin. Eine andere Frage wäre dann allerdings, wie diese Besatzungstruppen die Insel gegen iranische Artillerie-, Raketen- und Drohnenangriffe verteidigen könnten. Eventuell müssten dann angrenzende iranische Küstengebiete unter Kontrolle gebracht werden – was zu Mission creep führen könnte, also der Ausweitung des Einsatzes über den ursprünglichen Rahmen hinaus. Wie so oft dürfte die Eroberung leichter zu bewerkstelligen sein als die langfristige Verteidigung gegen einen Gegner, der mit asymmetrischer Kriegsführung vorgeht.
