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Gesundheit

«Ich vermiete meine Gebärmutter» – das Geschäft mit Leihmutterschaften

«Ich vermiete meine Gebärmutter» – das Geschäft mit Leihmutterschaften in Kolumbien

In der Schweiz sowie in vielen EU-Ländern ist die Leihmutterschaft gesetzlich nicht erlaubt. Um das Verbot zu umgehen, weichen viele nach Kolumbien aus. Dort ist die umgangssprachliche «Gebärmuttervermietung» weder verboten noch mit viel Bürokratie verbunden.
24.01.2023, 18:4326.01.2023, 06:34

«Ich bin 22, habe bereits einen gesunden Jungen zur Welt gebracht und vermiete meine Gebärmutter.»

In Kolumbien bewerben sich in den sozialen Medien zahlreiche Frauen als Leihmütter. Die Facebookgruppe «Vientres de alquiler» («Leihmütter») zählt über 7000 Mitglieder. Die Inserate unterscheiden sich kaum von Kleinanzeigen für Alltagsgegenstände oder Gebrauchtwagen. Qualität wird hervorgehoben, der Preis kann via Privatnachricht verhandelt werden. In kurzen Absätzen geben die Frauen persönliche Informationen preis, wie:

«Ich bin 28 Jahre alt und eine gesunde Frau ohne Laster. Ich habe drei gesunde Kinder, die durch eine natürliche Geburt ohne Komplikationen geboren wurden.»

«Ich bin 20 Jahre alt und interessiere mich für eine Leihmutterschaft. Ich habe zwei Kinder, ein zweijähriges Mädchen und einen einjährigen Jungen. Ich bin 1,70 Meter gross und wiege 60 Kilogramm. Meine Kinder sind gesund, glücklich und aktiv. Ich habe keine Krankheiten und bin alleinstehend.»

Nicht nur private Anbieter, sondern auch Agenturen für Eizellenspende und Leihmutterschaft mischen in der Facebookgruppe mit. Zu möglichst niedrigen Preisen, aber zu den besten Konditionen konkurrieren die verschiedenen Anbieter miteinander. Bei all den Anzeigen geht fast vergessen, worum es eigentlich geht: um ein Lebewesen. Ein Kind.

Auszug aus der öffentlichen Facebookgruppe.
Auszug aus der öffentlichen Facebookgruppe.

Babytourismus

Kolumbien ist eines von wenigen Ländern, in denen die Leihmutterschaft weder verboten noch gesetzlich reguliert ist. In der Schweiz sowie in vielen EU-Ländern wie Deutschland, Italien, Frankreich oder Österreich ist jegliche Form der Leihmutterschaft untersagt. Einige Länder wie Spanien oder Norwegen verbieten die Leihmutterschaft zwar auf ihrem Staatsgebiet, dulden aber eine Leihmutterschaft im Ausland.

Gerade weil die Leihmutterschaft in vielen Ländern verboten ist, weichen Paare aufs Ausland aus. So zieht es viele Touristinnen und Touristen in den Andenstaat. In den letzten Jahren ist «der Markt» der Leihmutterschaft in Kolumbien Angaben des Kongresses zufolge gestiegen. Der Kongress begründet dies mit dem Preis: Die Dienstleistung sei um 90 Prozent günstiger als in den USA oder Westeuropa. Exakte Statistiken zu Leihmutterschaften in Kolumbien gibt es allerdings keine.

«Kolumbien ist das billigste Land für eine Leihmutterschaft.»
Werbebotschaft einer Agentur

Auch der Krieg in der Ukraine dürfte zu diesem Anstieg beigetragen haben. Die Ukraine ist eines der wenigen Länder in Europa, in denen die kommerzielle Leihmutterschaft erlaubt ist. Vor dem Krieg wurden dort jährlich rund 2000 Kinder durch eine Leihmutterschaft ausgetragen. Seit der russischen Invasion ist das Geschäft beeinträchtigt.

In den 2000er-Jahren war Indien die Drehscheibe für kommerzielle Leihmutterschaft. 2019 erliess die indische Regierung ein Gesetz, das die Leihmutterschaft für Ausländerinnen und Ausländer verbietet. Dies dürfte Kolumbien auch in die Hände – oder eben in die Bäuche – gespielt haben.

In this Nov. 3, 2015 photo, a nurse and a surrogate mother listen to a baby's heartbeat in a dormitory run by Akanksha Clinic, one of the most organized clinics in the surrogacy business, in Anand, In ...
Indien 2015: Eine Frau hört den Herzschlag eines Babys, das von einer Leihmutter ausgetragen wird. 2019 hat die indische Regierung die Leihmutterschaft für Ausländer verboten. Bild: AP

Leihmutterschaft erfordert Hormonbehandlung

Man unterscheidet zwischen zwei Arten der Leihmutterschaft: der genetischen und der traditionellen Form. Bei der ersten Form hat die Leihmutter keine genetische Verwandtschaft mit dem Embryo – die befruchtete Eizelle ist von den künftigen Eltern gespendet worden. Bei der traditionellen Form wird die Leihmutter mit den Samenzellen des künftigen Vaters befruchtet. Die zweite Option erlaubt vor allem alleinstehenden oder homosexuellen Männern, ein Kind zu bekommen.

In beiden Fällen findet eine In-vitro-Fertilisation statt, bei der den Frauen mehrere Hormone injiziert werden. Der Vorgang löst oftmals Nebenwirkungen wie Erbrechen, Appetitlosigkeit oder Schmerzen aus.

«Body-Mass-Index von 19 bis 26»

In den Facebook-Gruppen stösst man nicht nur auf Angebote von Frauen, die ihre Gebärmutter anbieten, sondern auch auf Aufrufe mit sehr hohen Ansprüchen – von Kliniken, die sich dem Geschäft angeschlossen haben.

«Ich bin auf der Suche nach Leihmüttern in Guadalajara. Anforderungen: 21 bis 30 Jahre alt, höchstens 32 Jahre alt. Body-Mass-Index von 19 bis 26 (27 wird in Betracht gezogen). Die letzte Entbindung liegt mehr als acht Monate zurück. Kein Rauchen, kein Alkohol und keine Vorstrafen.»

Dies birgt Risiken: «Einige Frauen werden während ihrer Schwangerschaft in Wohnungen eingesperrt, die von Agenturen gemietet werden, um sie zu kontrollieren und ihnen Hormone zu injizieren, um das Aussehen des Kindes zu manipulieren», sagte der ehemalige Kongressabgeordnete Santiago Valencia, ohne einen expliziten Fall zu erwähnen.

Ein massgefertigtes Kind? Nicht ganz. Einige kolumbianische Agenturen versprechen, dass die künftigen Eltern das Geschlecht sowie die Hautfarbe des Kindes auswählen können. In vielen Ländern, darunter auch die Schweiz, ist die Geschlechterselektion verboten. In Kolumbien ist auch dies nicht reguliert.

In this Nov. 2, 2015 photo, 30-year-old Bhagwati Chauhan, who gave birth to a Canadian couple's child on Oct. 27, touches the 9-month pregnant belly of 35-year-old Chandrika Makwana, who is carrying t ...
Als die Leihmutterschaft in Indien für Ausländerinnen und Ausländer noch erlaubt war: Eine kanadische Frau berührt den schwangeren Bauch der indischen Leihmutter. Bild: AP

Risiken für Eltern und Leihmütter

Die 28-jährige Daniela Galván hat ihre Gebärmutter an ein Schweizer Paar «vermietet». Jeden Tag habe sie mithilfe eines Übersetzers mit den künftigen Eltern via WhatsApp kommuniziert. Obwohl die Leihmutterschaft in der Schweiz nicht erlaubt ist, werden im Ausland durchgeführte Leihmutterschaften nicht strafrechtlich verfolgt. Trotzdem können rechtliche Probleme drohen, wie etwa bei der Anerkennung der Elternschaft. Denn: Hierzulande gilt eine Leihmutter bis zur Adoption als die Mutter eines Kindes.

Aber zurück zur jungen Leihmutter, welche die DNA zweier Menschen in sich trug. Im Gespräch mit der kolumbianischen Tageszeitung El Espectador weist Galván auf weitere Risiken einer Leihmutterschaft hin: «Ich kenne Fälle von Babys in Kolumbien, die nicht aufgenommen werden, weil sie beispielsweise mit einer Fehlbildung geboren wurden. Oder von Frauen, die nicht vollständig bezahlt wurden.»

Ein Kind für 4900 Schweizer Franken

Für viele kolumbianische Frauen bedeutet die Leihmutterschaft hingegen einen vorübergehenden Ausstieg aus dem finanziell engen Korsett. Wie die spanische Zeitung El Pais berichtet, wird die Praxis ab 20'000 Millionen kolumbianische Pesos (4900 Schweizer Franken) angeboten.

In den letzten Jahren haben Kongressabgeordnete verschiedener politischer Parteien versucht, die Praxis zu regulieren. Doch kein Vorschlag hat es bis in die kolumbianische Verfassung geschafft. Den Glauben an eine Regulierung verloren hat der ehemalige Kongressabgeordnete Santiago Valencia: «Bis etwas sehr Ernstes mit einer Leihmutter passiert, wird niemand etwas tun. Es ist ein Geschäft.»

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119 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Fight4urRight2beHighasaKite
24.01.2023 19:01registriert Oktober 2022
Als ob all diese Egoisten liebende Eltern werden, die ihr Kind auf dem Belly-Basar in der zweiten Welt beziehen.

Wir sind 8 Milliarden, davon Millionen leidende Kinder. Dennoch gibt es jede Menge Spinner, die sich für so wichtig halten, dass sie unbedingt ihre eigenen Gene vermehrt sehen wollen, anstatt den bereits Geborenen zu helfen.
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Freiheit 2.0
24.01.2023 20:20registriert August 2018
"Ich kenne Fälle von Babys in Kolumbien, die nicht aufgenommen werden, weil sie beispielsweise mit einer Fehlbildung geboren wurden."

Es handelt sich leider um keinen Einzelfall. Der Bub namens "Gammy", welcher aufgrund seiner Trisomie-21 in Thailand bei der Leihmutter zurückgelassen wurde, während die gesunde Zwillingsschwester migenommen wurde, war wohl der medial "bekannteste" Fall der vergangenen Jahre.
Ich finde es aus verschiedenen Gründen richtig, dass Leihmutterschaft in der Schweiz verboten ist. Gegen Rechtsumgehung sollte härter vorgegangen werden.
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CaduceusClay
24.01.2023 21:33registriert Mai 2022
Ist halt Menschenhandel, da können sich die Leute das noch so sehr schönreden, das ändert absolut nichts an der Tatsache.
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