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Souvenirs showing the ancient parthenon temple are placed on sale at a shop in central Athens, Tuesday, July 14, 2015.  Greek Prime Minister Alexis Tsipras was seeking Tuesday to rally his party members to support a preliminary rescue deal struck with Greeceís European creditors that includes measures so onerous some of his own ministers were in open revolt. (AP Photo/Emilio Morenatti)

Land zu verscherbeln: Souvenirstand in Athen. Bild: Emilio Morenatti/AP/KEYSTONE

Eurozone an Griechenland: «Und bist du nicht willig, so brauch' ich Gewalt»

Die jüngste Eskalation in der Griechenland-Krise hat einen Deal produziert, den niemand will: Die Griechen wollen nicht sparen, die Euroländer nicht zahlen. Europa ist schizophren geworden.



Die griechischen Staatsschulden belaufen sich derzeit auf rund 317 Milliarden Euro.

Mit dem dritten Rettungspaket dürfte die Gesamtsumme der Hilfsgelder für Griechenland auf über 300 Milliarden Euro ansteigen.

Mir ist klar, dass dies eine Milchbüechli-Rechnung ist (sorry, ich bin kein Ökonom – Ökonomie ist ein griechisches Wort). Die beiden Beträge lassen dennoch nur einen Schluss zu: Seit dem Ausbruch der Schuldenkrise vor fünf Jahren ist so ziemlich alles gründlich schief gelaufen. 

Es ist ein Wahnsinn ohne Methode, und er nimmt kein Ende. Das zeigt der «Durchbruch» am Ende des letzten Verhandlungsmarathons (ein griechisches Wort) am Montagmorgen beispielhaft. Die Regierungschefs der Eurozone bemühten sich gar nicht erst, die miese Stimmung in Brüssel diplomatisch schönzureden. Die meisten Euroländer wollten den Grexit, den Rauswurf der Griechen. Diese aber hatten mit Frankreich und Italien zwei mächtige Verbündete.

Greek Prime Minister Alexis Tsipras speaks with the media after a meeting of eurozone heads of state at the EU Council building in Brussels on Monday, July 13, 2015.  A summit of eurozone leaders reached a tentative agreement with Greece on Monday for a bailout program that includes

Der griechische Regierungschef Alexis Tsipras äussert sich zum Abkommen, das er gar nicht wollte. Bild: Francois Walschaerts/AP/KEYSTONE

So resultierte ein Abkommen, das eigentlich niemand will. Die Griechen wollen nicht länger sparen, die Euroländer nicht zahlen. Trotzdem deutet alles darauf hin, dass der Deal abgesegnet und ein drittes Hilfspaket aufgegleist wird. Die Griechen müssen dafür harte Auflagen akzeptieren, sie werden quasi unter Vormundschaft gestellt. «Und bist du nicht willig, so brauch' ich Gewalt», lautete die Botschaft der Eurozone in Anlehnung an Goethes schauerliche Ballade «Erlkönig».

Perfekte Voraussetzungen für eine glorreiche Zukunft (Sarkasmus – ein griechisches Wort).

Europa ist schizophren geworden, angefangen bei den Griechen (Schizophrenie ist ein griechisches Wort). Sie hätten am liebsten alles: Den Euro, ein Ende der «Spar-Folter» und einen Schuldenschnitt – also den Fünfer, das Weggli und den Schoggistengel dazu. Vor zwei Wochen stimmten sie an der Urne mit 61 Prozent gegen die Sparauflagen der Gläubiger. Jetzt waren sie laut einer Umfrage zu 70 Prozent für die am Montag beschlossenen, viel härteren Massnahmen

Demonstrators wearing the masks depicting German Finance Minister Wolfgang Schaeuble and former Greek Finance Minister Yanis Varoufakis (R) take part in a protest outside the European Central Bank headquarters in Frankfurt, Germany, July 16, 2015. The European Central Bank could be forced by time constraints to delay a funding boost for Greek lenders, a key step towards their reopening, as it waits for Europe to agree a financial backstop that ensures Athens can repay its debts. The text reads 'Debt haircut now!   REUTERS/Kai Pfaffenbach

Demo für einen Schuldenschnitt am Donnerstag vor dem Sitz der Europäischen Zentralbank in Frankfurt. Bild: KAI PFAFFENBACH/REUTERS

Die Euroländer sind kaum besser. Nur mühsam können sie sich zur Einsicht durchringen, dass Griechenland seine Schuldenlast nicht mehr tragen kann. Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat dies erkannt, er verlangt in einem diese Woche veröffentlichten Bericht Massnahmen, «die viel weiter gehen, als Europa bislang vorgesehen hat». Die Eurozone aber, angeführt von Deutschland, lehnt einen Schuldenschnitt aus formaljuristischen Gründen kategorisch ab.

Ein viertes Hilfspaket?

Also wird weitergewurstelt, die Krise verwaltet statt gelöst. Man hofft, dass die Griechen ihre Schulden irgendwann zurückzahlen und endlich ihren dysfunktionalen Staat reformieren werden. Vielleicht klappt es. Die Vergangenheit mahnt zu Skepsis (ein griechisches Wort). Der ehemalige deutsche Finanzminister Peer Steinbrück spricht bereits von einem vierten Hilfspaket. Viele halten einen Grexit für unvermeidlich, allen voran Steinbrücks Nachfolger Wolfgang Schäuble.

Seine Argumentation hat eine gewisse Logik (ein griechisches Wort): Ausserhalb der Eurozone könne man den Griechen einen grossen Teil ihrer Schulden erlassen, so Schäuble. Nach einigen Jahren wäre ein Wiedereintritt möglich. Namhafte deutsche Ökonomen vertreten seit langem die Überzeugung, mit einem Grexit und einer neuen, stark abgewerteten Währung würde sich die griechische Wirtschaft nach einer Übergangsphase bald erholen.

Tourists take snapshots with the ruins of the fifth century BC Parthenon temple on the background in Athens, Monday, June 29, 2015. Anxious Greeks lined up at ATMs as they gradually began dispensing cash again on the first day of capital controls imposed in a dramatic twist in Greece's five-year financial saga. Banks will remain shut until next Monday, and a daily limit of 60 euros ($67) has been placed on cash withdrawals from ATMs. (AP Photo/Daniel Ochoa de Olza)

Touristen auf der Akropolis: Schon in den letzten Jahren verzeichnete Griechenland einen Besucherrekord. Bild: Daniel Ochoa de Olza/AP/KEYSTONE

Wie realitätsfern solche Szenarien sind, schildert ein Kommentar auf der Website des deutschen Fernsehsenders n-tv: Die Vorstellung «Raus aus dem Euro und alles wird gut» sei ein Mythos (ein griechisches Wort). Griechenland habe kaum Produkte, die es dem Ausland verkaufen könne. Ausser Olivenöl und Schafskäse. Doch von Feta wird die Handelsbilanz nicht fett. Vermutlich kommen mehr Touristen, wenn das Land massiv billiger wird. Doch bereits in den letzten Jahren konnte Griechenland Besucherrekorde verzeichnen.

Bestenfalls ein Strohfeuer

Mit einer deutlich schwächeren Währung sinken zudem die Einkommen der Griechen. Doch das Land importiert viele wichtige Produkte wie Lebensmittel, Medikamente oder Öl, die schlagartig teurer würden. Soziale Unruhen sind programmiert. Und sollte ein Grexit zu einem Schuldenerlass führen, dürfte der Reformdruck sinken. «In ein paar Jahren wäre Hellas dann wieder da, wo es heute ist. Ein Währungscrash wird nicht dafür sorgen, dass die Griechen aufhören, über ihren Verhältnisse zu leben. Er würde bestenfalls ein Strohfeuer entfachen», so das Fazit von n-tv.

Ein Grexit dürfte Griechenland nicht in eine blühende Landschaft verwandeln, sondern ins Chaos (ein griechisches Wort) führen. Europa verschliesst sich dieser Einsicht und klammert sich an das Prinzip Hoffnung. Dabei sollte man sich dringend damit beschäftigen, wie ein solches Debakel künftig vermieden und die Eurozone krisenfester gemacht werden kann. Frankreichs Präsident François Hollande hat sich diese Woche für eine «europäische Wirtschaftsregierung» und ein «Budget der Eurozone» stark gemacht.

BERLIN, GERMANY - JULY 17:  German Chancellor Angela Merkel uses a smartphone as she attends debates prior to a vote over the third EU financial aid package to Greece at an extraordinary session of the German parliament, the Bundestag, on July 17, 2015 in Berlin, Germany. The Bundestag is among several European parliaments that must vote on whether to allow negotations over the aid package that will help Greece to avert state bankruptcy and shore up the Greek banking system.  (Photo by Sean Gallup/Getty Images)

Verwalterin des Stillstands: Bundeskanzlerin Angela Merkel. Bild: Getty Images Europe

Ohne Angela Merkel, die mächtigste Frau Europas, lässt sich das nicht machen. Und das stimmt skeptisch. «Mutti» pflegt lieber zu reagieren, als zu agieren. Ihr Regierungsstil basiert auf zwei Säulen: Die politische Mitte besetzen und den Stillstand verwalten. Den Deutschen gefällt das, sie mögen keine Experimente, darum ist die Kanzlerin populär. Und deshalb will niemand hören, dass der deutsche Exportwahn so wenig nachhaltig ist wie das griechische Leben auf Pump.

Eine durchlässigere Union

So nützt die Krise kurzfristig vor allem den radikalen Parteien. Am Ende ist das europäische Einigungsprojekt deswegen noch lange nicht. Vielleicht braucht es eine Generation neuer Politiker (ein griechisches Wort), die fähig sind, nationale Scheuklappen abzulegen. Vielleicht wird die Europäische Union durchlässiger gemacht, mit einem «harten Kern» von Ländern mit vertiefter Integration und einem Umkreis mit Staaten, die sich nur bedingt anbinden. Dort könnte die Schweiz Platz finden.

Das ist Zukunftsmusik. Wohin der Weg Griechenlands führen wird, wissen die Götter. In Goethes «Erlkönig» nahm die Geschichte kein gutes Ende: 

Dem Vater grauset’s; er reitet geschwind, 
Er hält in Armen das ächzende Kind,
Erreicht den Hof mit Mühe und Not;
In seinen Armen das Kind war tot.

Dabei sollte man eines nicht vergessen: Europa ist auch ein griechisches Wort.

Auf Alexis Tsipras blickt ganz Europa – und so blickt er zurück

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3Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • The Destiny // Team Telegram 18.07.2015 19:49
    Highlight Highlight Erlkönig hm, hast du per Zufall asr gelesen peter?
  • Karl33 18.07.2015 17:46
    Highlight Highlight Man darf nicht vergessen, dass die Mehrheit der Gläubiger mal private Banken waren. Bevor die Schulden durch Verstaatlichung (getreu dem Leitsatz: Gewinne privatisieren, Schulden verstattlichen) den europäischen Bürgern auferlegt wurden. Die Banken hätten die Griechenlanddarlehen locker abschreiben können (gut, hätte dann keine Mia-Boni gegeben für ein paar Jahre, und keine Dividenden für die Aktionäre). Jetzt wird halt der Bürger der EU-Staaten die Abschreibungen bezahlen - clever gemacht von der Grossfinanz mit besten Verbindungen nach Brüssel, Frankfurt und Berlin.
  • Angelo C. 18.07.2015 17:11
    Highlight Highlight Peter : ich sehe, du bist verbal total griechisch aufgestellt 😊!

    Nicht übel, wie du die Stimmung qualifizierst, und das mit Italien und Frankreich gegen Schäuble und Merkl, hat auch seine Richtigkeit. Immerhin hat der Bundestag mit "nur" 60 Gegenstimmen der CDU die Äufnung der griechischen Staatskassen und Banken contre coeur abgenickt.

    Abgedrückt hat man also aus Staats- oder Unions-Raison (schliesslich ist raison französisch), aber die Gläubiger hoffen noch immer vage, wenigstens einen Bruchteil ihrer erlittenen Riesenverluste wieder einzuspielen. Was mit dem Grexit wohl völlig abgehakt gewesen wäre.

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