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In Kambodscha sind Masken kaum verbreitet. Mit ein Grund dafür: Die Menschen können sich keine Masken leisten.
In Kambodscha sind Masken kaum verbreitet. Mit ein Grund dafür: Die Menschen können sich keine Masken leisten.
bild: Shutterstock
Interview

Schweizer in Kambodscha: «Die Einheimischen dachten, sie können Corona nicht kriegen»

290 Coronafälle, keine Toten: So lautet die bisherige Pandemie-Bilanz, die kambodschas Behörden der WHO gemeldet haben. Wie lebt es sich in dem Land, das von Corona verschont zu bleiben scheint? Ein Schweizer berichtet.
29.10.2020, 20:5830.10.2020, 09:31
Reto Fehr
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Egal ob Thailand, Vietnam, Laos oder Kambodscha: Die vier Länder in Südostasien scheinen bisher vom Coronavirus kaum betroffen zu sein. Kambodscha beispielsweise, ein Land mit rund 16 Millionen Einwohnern, meldete der WHO bisher 290 Infektionen und keinen Todesfall. Tests wurden knapp 200'000 durchgeführt, pro Million Einwohner sind dies rund 10'000, in der Schweiz sind es pro Million Einwohner rund 200'000. Kritiker vermuten denn auch, dass die tiefen Zahlen vor allem auf fehlende Tests zurückzuführen sind.

Tägliche Neuinfektionen in Kambodscha seit dem 1. Februar

Das Durchschnittsalter in Kambodscha liegt bei 24,9 Jahren. Vielleicht liegt dort ein weiterer Grund. Zum Vergleich: In der Schweiz ist die Bevölkerung im Durchschnitt rund 42,5 Jahre alt. Auch die getroffenen Massnahmen dürften für die Entwicklung gesorgt haben. Doch auch das alleine dürfte nicht der Grund sein, warum sich Corona in einem Land, das knapp doppelt so viele Einwohner wie die Schweiz zählt, nicht ausbreitet – zumindest nicht sichtbar.

Kambodscha – mit Vogelscheuchen gegen Corona

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Kambodscha – mit Vogelscheuchen gegen Corona
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Klar ist aber: wirtschaftlich ist das Land schwer getroffen. Kambodscha ist eine der grössten Schneidereien der Welt. Hier wird ein Grossteil der T-Shirts und Hosen für den Rest der Welt genäht – zumindest bis Corona kam. Die meisten Fabriken haben wegen der Pandemie schon lange geschlossen. Tausende Näherinnen, die dort einen Dollar Stundenlohn kassieren, sind arbeitslos.

Jörg Strehler lebt seit etwas mehr als einem Jahr in Phnom Penh. Der Schweizer unterrichtet in Kambodschas Hauptstadt an einer internationalen Schule. Wir haben mit ihm über seinen Alltag im asiatischen Land gesprochen – und über Quarantäne in Kambodscha.

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Jörg, gemäss der WHO hat Kambodscha bisher nur 290 Coronafälle gemeldet. Eigentlich existiert Corona in Kambodscha nicht. Kann das sein?
Jörg Strehler:
Man bemerkt es zumindest nicht. Ich weiss jetzt nicht, ob man den Zahlen so trauen kann. Ich glaube, es ist im Land. Aber ja, man merkt nichts.

Hat sich Kambodscha früh abgeschottet?
Die Grenze war nie komplett zu. Und vor allem Chinesen können und konnten immer ziemlich einfach einreisen. Auch jetzt kann man mit dem Flugzeug aus diversen Ländern einreisen.

Blick auf Phnom Penh, der mit rund 1,5 Millionen Einwohnern deutlich grössten Stadt des Landes.
Blick auf Phnom Penh, der mit rund 1,5 Millionen Einwohnern deutlich grössten Stadt des Landes.
bild: shutterstock

Von Problemen mit vollen Spitälern hat man bislang nichts gehört.
Viele Leute haben halt auch kein Geld für einen Spitalbesuch. Getestet wird praktisch niemand. Meines Wissens gibt es in Phnom Penh zwei Spitäler, die über Tests verfügen – in einer Stadt mit über 1,5 Millionen Einwohnern.

Wie hat sich denn das Alltagsbild in den Strassen Phnom Penhs verändert?
Eigentlich nicht. Vereinzelt werden Masken getragen, einige Tuktuk-Fahrer zum Beispiel. Das war vor Bekanntwerden des Virus nicht so. Die Maske kostet halt auch. Das können sich viele – vor allem ausserhalb der Stadt – nicht leisten. Im Restaurant gibt es da und dort Desinfektionsmittel. Beispielsweise an meiner Schule muss ich jeweils Fieber messen.

Das Bild ist nicht von 2020, aber Masken prägen auch im Corona-Jahr nicht das Bild der Strassen Phnom Penhs.
Das Bild ist nicht von 2020, aber Masken prägen auch im Corona-Jahr nicht das Bild der Strassen Phnom Penhs.
bild: shutterstock

Auf die Schule kommen wir noch zurück. Aber fangen wir mit den Massnahmen an. Gab es da Einschränkungen?
Ja, das hat es schon gegeben. Die Kinos, Clubs und K-TVs (Karaokebars) waren Mitte März mal zu. Auch Biergärten, Restaurants oder die beliebten Barbequeplaces mussten für rund drei Wochen schliessen. Auch das kambodschanische Neujahr, das im Frühling gefeiert wird, wurde auf September verschoben und dann nachgeholt. In den Frühlingsferien gab es eh kuriose Szenen.

Erzähl.
Da die Ferien jeweils viele nutzen, um in ihre Heimatorte zurückzugehen, wollte man die Strassen zwischen den Provinzen sperren. Diese Blockaden haben gemäss Berichten einige Stunden gehalten, dann machte man doch wieder auf. Es wirkt und wirkte alles etwas halbbatzig.​

Wie kommt das?
Ich weiss es nicht genau. Zu Beginn war es halt auch das «ausländische Virus», nur Ausländer konnten es haben, glaubte man. Mir sind keine Repressalien bekannt, aber die Einheimischen dachten, sie können Corona nicht kriegen.

Phnom Penh am 14. Juli 2020.
Phnom Penh am 14. Juli 2020.
Bild: keystone

Wie läuft das denn eigentlich, wenn man ins Land reist?
Ich habe es nicht selbst erlebt, aber zwei Bekannte von mir mussten anfangs August in Quarantäne. Bei der Einreise mit dem Flugzeug musst du aktuell 2000 Dollar hinterlegen (bis vor kurzem waren es noch 3000). Dann geht es zum Corona-Test. Ist einer positiv, müssen alle Reisenden im gleichen Hotel in Quarantäne. Ansonsten können sie Zuhause in Selbstquarantäne.

Wie lief die Quarantäne deiner Bekannten?
Es wirkte ziemlich improvisiert. Am Anfang gab es beispielsweise ein Buffet für alle und es gab Leute, die sich an den Pool legten. Das war die ersten drei Tage so, dann wurde das Buffet gestrichen und es gab ein Poolverbot. Gross kontrolliert wurde das aber nicht. Zudem gab es noch Temperaturmessungen. Am Ende erhielt mein Freund von seinen 3000 Dollar deren 2100 Dollar zurück. Da wurde also fair abgerechnet.

Und deine zweite Bekannte in Quarantäne berichtet Ähnliches?
Genau. Auch sie konnte sich frei im Hotel bewegen, das Fitnesscenter nutzen, den Pool und gar die Bar hatte offen. Teilweise gab es auch auswärtige Gäste, welche den Pool nutzten. Beim Frühstück gab es ein Buffet, eine Gruppe verliess das Hotel auch mal. Jemand haute gar ab, danach stand ein Security-Mann beim Eingang. Aber auch hier: Es wirkte alles improvisiert und wenig durchdacht. Zweimal am Tag musste sie die Temperatur messen lassen.

Wie sehr leidet das Land unter dem Virus?
Der internationale Tourismus in Orten wie Angkor Wat ist natürlich total eingebrochen. Der Binnentourismus dagegen läuft nach wie vor, weil es keine Reiseeinschränkungen gibt. Für die gesamte Wirtschaft kann ich es nicht beurteilen. Sicher ist aber: Ein Lockdown war keine Option. Viele Menschen leben hier von der Hand in den Mund. Darum ging das «normale» Leben weitgehend weiter.

Obwohl praktisch immer offen, verzeichnete Angkor Wat einen massiven Einbruch der Besucherzahlen.
Obwohl praktisch immer offen, verzeichnete Angkor Wat einen massiven Einbruch der Besucherzahlen.
bild: shutterstock

Die Schulen waren aber zu.
Ja, vermutlich waren die Schulen am meisten betroffen. Die öffentlichen Schulen waren ab 16. März geschlossen und sind erst seit Mitte September wieder offen. Es gibt in Phnom Penh gestaffelten Unterricht, Abstandsregeln und Masken.
Auch wir an der internationalen Schule müssen Masken tragen und Abstände einhalten.

Warum blieben die Schulen so lange zu?
Ich weiss es nicht. Aber es war schon auffallend, dass erst die Vergnügungsindustrie mit den K-TVs, Bars oder Clubs wieder öffneten und dann erst praktisch am Schluss die Schulen.​

Reisen im Land ist möglich?
Ja, das war eigentlich nie ein grosses Problem. Wir verbrachten auch Ferien in anderen Landesteilen. Masken oder Massnahmen sieht man ausserhalb der grossen Städte nicht.

Wie fühlst du dich dabei?
Ich glaube, in Kambodscha zu sein während der Corona-Zeit, ist sehr gut. Unser Leben hat sich kaum verändert.

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quelle: keystone
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