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Hunderte nehmen Anteil an der Trauer nach dem Terroranschlag auf zwei Moscheen im neuseeländischen Christchurch.
Hunderte nehmen Anteil an der Trauer nach dem Terroranschlag auf zwei Moscheen im neuseeländischen Christchurch.Bild: AP/AP
Interview

«Das ist ganz klar ein Terrorist»: Warum rechte Gewalt keine psychische Krankheit ist

Nach dem Terroranschlag in Christchurch suchen Experten Gründe, warum ein Mensch zu solch einer Tat fähig ist. Der deutsche Politikwissenschaftler Hajo Funke warnt davor, rechtsextreme Überzeugungstäter zu pathologisieren.
18.03.2019, 19:2719.03.2019, 14:31

Herr Funke, es herrscht Uneinigkeit darüber, wie man den 28-jährigen Australier, der in Christchurch mutmasslich 50 Menschen getötet hat, nennen soll: Amokläufer, Terrorist, Psychopath. Welches ist die richtige Bezeichnung?
Hajo Funke:
Er ist ganz klar ein Terrorist. In seinem Manuskript hat er geschrieben, dass er sich in der Tradition von Andres Breivik und dem Attentäter von Charleston sieht. Er benutzt dieselben Argumente wie die rechtsextremen Identitären, die von einer Umvolkung Europas sprechen, gegen die man sich wehren müsse. Er sagt, es passiere ein Genozid an der weissen Rasse, die nur durch Bürgerkriegs-ähnliche Zustände verhindert werden kann. Mit seiner Tat wollte er möglichst viel Schrecken anrichten, er wollte seine Ideologie weiterverbreiten und sie in Gewalt gegen Menschen umsetzen. Das ist Terror.

«Der Nährboden für Rassismus liegt in einer Entfesselung der Ressentiments gegenüber Minderheiten.»

Die britische Boulevardpresse hat am Wochenende Kinderfotos des Attentäters veröffentlicht und sich gefragt, wie aus dem blonden Kind ein rechtsextremer Mörder werden könnte. Was ist davon zu halten?
Dass der Attentäter nicht als Terrorist, sondern als ein kleines, unschuldiges Kind dargestellt wird, ist problematisch. Er ist ein Erwachsener, der sich aktiv dafür entschieden hat, eine solche abscheuliche Tat zu begehen. Dafür muss er zur Rechenschaft gezogen werden. Die Frage hingegen, was jemanden zum Rassisten macht, finde ich als Soziologe nicht uninteressant.

Extremismusexperte Hajo Funke
Extremismusexperte Hajo Funkescreenshot: youtube / phoenix
zur Person:
Hajo Funke war bis zu seiner Emeritierung 2010 Politikwissenschaftler an der Freien Universität Berlin. Er erforscht seit Jahrzehnten den Rechtsextremismus- und Terrorismus. Im NSU-Prozess gegen Beate Zschäpe fungierte er als Sachverständiger. Vor Kurzem erschien sein neues Buch «Der Kampf um die Erinnerung – Hitlers Erlösungswahn und seine Opfer».

Und was ist es, das jemand zum Rassisten macht?
Ich sehe zwei wichtige Voraussetzungen, die gegeben sein müssen: Der Nährboden für Rassismus liegt in einer Entfesselung der Ressentiments, einer Stimmungsmache gegenüber Minderheiten, seien es Flüchtlinge, Muslime, Juden oder andere. Zudem braucht es Organisationsangebote, beispielsweise im Internet, wo rechtsextreme Ideologien angeboten und verbreitet werden.

In der Presse suchte man als Erklärung für die Tat eine psychische Störung. Ein Soziologe attestierte dem Attentäter ein zu kleines Einfühlungsvermögen oder fehlende Zuwendung in der Familie.
Damit wird der Täter pathologisiert und die Attacke verharmlost. Im schlimmsten Fall sorgen solche psychologische Zuschreibungen gar dazu, dass Terrorakte in gewisser Weise rechtfertigt werden. Das geschah beispielsweise im Sommer 2016 bei dem Attentat in einem Münchner Einkaufszentrum.

Sie sprechen den Fall des 18-jährigen Schülers an, der im Juli 2016 in München in einem Einkaufszentrum neun Personen mit Migrationshintergrund tötete.
In erster Linie wurde danach über die psychische Befindlichkeit des Täters gesprochen. Gerade in München war es ein grosser Fehler, dass man zuerst von einer Amoklauf gesprochen hat. Das führte zu einer Entpolitisierung der Tat, obwohl klar war, dass sie rassistisch motiviert war und der 18-Jährige im Vorfeld Unterstützung von Rechtsextremen hatte. Der Täter wurde in der Schule gemobbt, ja. Das allein erklärt aber nicht die zerstörerische Gewalt eines rechtsextremen Anschlags, sondern es verharmlost sie viel eher.

Auch bei Andres Breivik war es ähnlich.
Richtig. Den Grund für seine rechtsextreme Haltung suchte man mit in einer psychischen Erkrankung. Es wurde mit allen Mitteln versucht, die Tat zu entpolitisieren.

Auch ein beliebtes Bild im Zusammenhang mit dem Christchurch-Attentat ist dasjenige des Täters als einsamer Wolf. Wie schätzen sie das ein?
Zwar gibt es Einzeltäter, aber sie handeln nie als einzelne Personen. Sie adressieren eine Tat an ihre Gesinnungsgenossen und sie knüpfen an bereits verübte Attentate an. Manuskripte, wie dasjenige des Christchurch-Attentäters aber auch das Manifest von Breivik, werden in rechtsextremen Kreisen herumgereicht, zitiert, weiterverbreitet. Ein einsamer Wolf ist ein solcher Täter nicht.

«Es ist ein Isolierungsmechanismus, wenn solche Ideologien als absurde Verschwörungstheorien abgetan werden.»

Inwiefern ist das Problem ein gesellschaftliches?
Insofern, dass rechte Gewaltakte tendenziell eher dann verübt werden, wenn eine Stimmung gegenüber einer Minderheit aufgeladen ist. Darum schnellte in den USA die Zahl von rechten Gewaltakten so hoch, nachdem Donald Trump Präsident wurde.

Zeitungen schrieben, das Weltbild des Christchurch-Attentäter bestehe aus kruden Verschwörungstheorien. Sind es Verschwörungstheorien? Wie sehen Sie das?
Klar sind es absurde und krude Theorien, auf die sich solche rechtsextreme Täter stützen. Es ist ja in keiner Hinsicht empirisch haltbar, dass beispielsweise die hohe Geburtenrate von Muslimen zum Genozid der weissen Rasse führt. Doch es ist ein Isolierungsmechanismus, wenn solche Ideologien als absurde Verschwörungstheorien abgetan werden. das ist dem Ernst der Lage nicht angemessen.

Was ist angemessen?
Zu schauen, wo in einem Land die Anknüpfpunkte für solche Ideologien liegen und sich zu hintersinnen, was dagegen getan werden kann. In Australien findet eine furchtbare Dämonisierung der Flüchtlinge von Teilen der Regierung statt. Es gibt eine ethnozentristische und rassistische Haltung, die in der Öffentlichkeit und auch in den Medien vertreten wird. Es braucht einen Rechtsstaat, der entschieden gegen solche Tendenzen hält der Lage nicht angemessen.

«Die Demokratie muss nicht nur als politisches System sondern auch als Lebensform installiert werden.»

Wird die Gefahr, die von rechtsextremen Terror ausgeht, unterschätzt?
Tendenziell ja. Dies, obwohl es inzwischen genug Beispiele gibt, die zeigen, dass die Gefahr ernst zu nehmen ist. Darum müssen jetzt gezielt Massnahmen ergriffen werden. Es braucht schärfere Waffenkontrollen und einen wachen Rechtsstaat. Die Demokratie muss zudem nicht nur als politisches System sondern auch als Lebensform installiert werden. Es braucht die Anerkennung der anderen Vielfalten. Im Vordergrund muss die Kommunikation und nicht Prügelstrafen stehen.

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Attacke auf zwei Moscheen in Neuseeland

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Attacke auf zwei Moscheen in Neuseeland
quelle: epa/snpa / martin hunter
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