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Israel operiert im Iran: Experte kommt zu überraschenden Schlüssen

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Irans Religionsführer Ajatollah Ali Khamenei (vorne) führt am Donnerstag in Teheran das Trauergebet für den getöteten Hamas-Auslandschef Ismail Hanija und einen seiner Leibwächter an.Bild: keystone
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Nahost-Experte: «Faktisch kann Israel auf iranischem Staatsgebiet machen, was es will»

Wie geht es weiter im Dauerkonflikt nach den gezielten israelischen Tötungen von Top-Terroristen? Nahostexperte Andreas Böhm ist Dozent an der Universität St. Gallen und kommt zu strategisch überraschenden Schlüssen.
02.08.2024, 09:04
Michael Wrase / ch media
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Die Lage im Nahen Osten scheint so gefährlich wie seit fünfzig Jahren nicht mehr. Mit welcher Form von iranischer Vergeltung ist jetzt zu rechnen?
Andreas Böhm: Irans Religionsführer Ali Khamenei hat von direkter Vergeltung gegen Israel gesprochen, es aber offen gelassen, ob diese Vergeltung direkt gegen israelische Gebiete ausgerichtet ist. Theoretisch könnte sie sich auch gegen israelische Institutionen, also Botschaften, richten.

Andreas Böhm leitet an der Uni St. Gallen das Kompetenzzentrum Philanthropie und hat zum Libanon wissenschaftliche Studien verfasst.
Bild: zvg
Zur Person
Andreas Böhm leitet an der Uni St. Gallen das Kompetenzzentrum Philanthropie und hat zum Libanon wissenschaftliche Studien verfasst.

Meint es Khamenei tatsächlich ernst?
Das ist anzunehmen. Die Frage, die sich jetzt stellt, ist, ob es wieder so eine choreografierte Aktion gibt wie im April, als die Iraner in Israel wohl ganz bewusst keinen grösseren Schaden anrichten wollten. Oder ob die Iraner dieses Mal mit ihren Raketen Israel richtig wehtun wollen.

Was wäre der wichtigste Grund für eine iranische Vergeltung? Bloss wegen Ismail Hanijas Tod wird Khamenei doch keinen neuen Nahostkrieg starten, oder?
Die Interessenslage der Iraner ist relativ klar. Wenn sie eines nicht wollen, dann ist es ein neuer regionaler Krieg. Und wegen der Hamas würden sie normalerweise auch kein Risiko eingehen. Das Problem ist aber ein ganz anderes: In Teheran wurde am Mittwoch ein hochrangiger Gast nach der Amtseinführung des iranischen Präsidenten in einer offiziellen Residenz ermordet. Diese Blamage können die Iraner nicht auf sich sitzen lassen.

Es geht also um die Wiederherstellung der eigenen Glaubwürdigkeit gegenüber den Verbündeten im Nahen Osten?
Genau. Und um eine gewisse Abschreckung wiederherzustellen. Es ist ja letztendlich die ganz grundlegende Funktion eines Staates, dass er innerhalb seiner Grenzen für Sicherheit sorgt. Und wenn ein Staat dazu nicht in der Lage ist, hat er ein ganz massives Legitimationsproblem. In dem Sinne braucht es eine performative abschreckende Wirkung, um zu verhindern, dass nicht der Eindruck entsteht, dass Israel und der Mossad auf iranischem Staatsgebiet machen können, was sie wollen. Obwohl dies faktisch wohl zutrifft.

Was erhofft sich die Regierung Netanyahu in Israel von der gezielten Tötung ihrer Erzfeinde?
Im Prinzip sind diese israelischen Operationen der Versuch, taktische Erfolge zu erzielen, weil man genau weiss, dass man strategisch in einem Dilemma steckt.

Iranians burn a representation of the Israeli flag during the funeral ceremony of Hamas leader Ismail Haniyeh and his bodyguard who were killed in an assassination blamed on Israel on Wednesday, at En ...
Iranische Demonstranten verbrennen nach der Tötung von Ismail Hanija eine Israel-Fahne.Bild: keystone

Welches strategische Dilemma meinen Sie?
Strategisch hat Israel seit dem 7. Oktober enorm verloren, sei in der Wahrnehmung in der Region und in der Weltöffentlichkeit, sei es - im Besonderen - in den Beziehungen zu den USA. Die Unterstützung ist nicht mehr unbedingt. Sowohl Kamala Harris als auch Donald Trump haben Netanyahu bei seinem letzten USA-Besuch zu verstehen gegeben, dass er unter ihrer Amtsführung an einer weitaus kürzeren Leine geführt würde als wie gegenwärtig unter Biden. Das heisst: Für Netanyahu gibt es jetzt noch ein gewisses Zeitfenster, um zu agieren, das sich dann im November schliessen wird.

Welche Auswirkungen wird der Tod von Hanija für die Waffenstillstandsverhandlungen in Gaza haben?
Diese Gespräche befanden sich ohnehin in der Sackgasse. Das entscheidende Element ist, dass die Amerikaner jetzt Druck auf Netanyahu machen, um wirklich zu einem Waffenstillstand zu kommen. Hanija hatte bei diesen Gesprächen nicht mehr als eine Briefträgerfunktion. Die wichtigsten Entscheidungen wurden in den Tunneln von Gaza durch Yahia Sinwar getroffen.

Auch die Hisbollah wird den Tod ihrer Nummer zwei, Fuad Schukr, nicht einfach hinnehmen. Sie haben in letzter Zeit den Libanon häufig besucht. Was wissen sie über die Stimmung innerhalb der Hisbollah?
Hisbollah-Führer Hassan Nasrallah steckt in einem Dilemma. An der Basis wird der Druck, grossen Worten auch Taten folgen zu lassen, immer stärker. Gleichzeitig steckt die Hisbollah in einer Zwangslage, was die Situation im Libanon betrifft. Das Land hängt sowieso an einem seidenen Faden über dem Abgrund. Wenn es jetzt zu einem grösseren Krieg käme und grössere Teile der libanesischen Infrastruktur zerstört würden, zöge man die Hisbollah zur Verantwortung, das Land in den Abgrund gestossen zu haben.

Was die Bewaffnung der Hisbollah angeht, geistert immer die Zahl von 150'000 Raketen und Drohnen herum. Das wäre ein gewaltiges Arsenal. Gibt es verlässliche Angaben über die militärischen Möglichkeiten der Hisbollah?
Es gibt seitens des israelischen Sicherheits-Establishments Szenarien, die davon ausgehen, dass die Hisbollah in der Lage wäre, über zwei oder drei Wochen jeden Tag eine vierstellige Zahl von Raketen abzufeuern, wodurch das israelische Luftverteidigungssystem Iron Dome über die Grenzen der Kapazität ausgereizt würde.

A supporter of the Lebanese Islamic group and the Islamist Hamas movement holds a mock rocket as he attends with other supporters a protest to condemn the killing of Hamas political chief Ismail Haniy ...
Ein Pro-Palästina-Demonstrant tritt mit einer Rakete aus Plastik auf.Bild: keystone

Und dann?
Selbst wenn Israel den Libanon dann in die Steinzeit zurückbomben würde, wie der israelische Verteidigungsminister vor einigen Wochen angekündigt hat, würde das an der Ausgangslage nicht so viel ändern: Israel wäre auch dann nicht in der Lage, die Hisbollah längerfristig zu eliminieren.

Das wäre wohl nur dann möglich, wenn Israel wie 1982 bis nach Beirut vordringen würde. Damals hatte man es ja geschafft, den Abzug der palästinensischen Freischärler durchzusetzen.
Zu einer solchen Bodenoffensive ist die israelische Armee heute vermutlich nicht in der Lage. Nach den Operationen in Gaza ist sie ausgelaugt. Es fehlt an Munition und auch die Moral soll, wie man hört, nicht besonders gut sein. Zudem treten Spaltungen in der Gesellschaft immer stärker zutage. Auch innerhalb des Establishments.

Wie gross ist die Gefahr, dass im Falle einer Eskalation auch die USA in einen neuen Nahostkrieg hineingezogen würden?
Die Biden-Regierung hat Netanyahu bisher keine roten Linien gesetzt. Die USA könnten da viel konsequenter agieren. 1982 hatte die Drohung, die Waffenlieferungen einzustellen, zum Ende der Belagerung von Beirut geführt. (aargauerzeitung.ch)

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34 Kommentare
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Gina3
02.08.2024 12:06registriert September 2023
„ Es ist ja letztendlich die ganz grundlegende Funktion eines Staates, dass er innerhalb seiner Grenzen für Sicherheit sorgt. Und wenn ein Staat dazu nicht in der Lage ist, hat er ein ganz massives Legitimationsproblem. In dem Sinne braucht es eine performative abschreckende Wirkung“
Und genau aus diesem Grund zwingen sie die Frauen, den schwarzen Tschador zu tragen: um ihre Kontrolle über alle sozialen Strukturen zu beweisen und stärken.
Echt: ein Beweis für Stärke und Mut
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