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Reporter ohne Grenzen: Lage für Journalisten in Gaza immer gefährlicher

epa10934217 Palestinian civil defense workers search for victims and survivors among the rubble of a destroyed family house following an Israeli air strike in Gaza City, 23 October 2023. More than 4,7 ...
Ein zerstörtes Wohnhaus im Gazastreifen.Bild: keystone
Interview

«Deutlich als Journalisten erkennbar und trotzdem von einer israelischen Rakete getroffen»

Sie werden eingeschüchtert, bedroht, verletzt und sogar getötet. Die Lage im Nahen Osten spitzt sich für Journalistinnen und Journalisten immer mehr zu. Ein Experte der Nichtregierungsorganisation Reporter ohne Grenzen gibt Auskunft.
01.11.2023, 20:0202.11.2023, 01:13
Ralph Steiner
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Die Zahl steigt.

Die Zahl an verletzten oder getöteten Journalistinnen und Journalisten in der Konfliktregion im Nahen Osten. Aus einem Bericht der Nichtregierungsorganisation Reporter ohne Grenzen geht hervor, dass seit Beginn des Krieges zwischen der Hamas und Israel bislang 34 Journalisten getötet wurden. Mindestens 12 von ihnen kamen bei der Arbeit ums Leben, davon zehn im Gazastreifen, einer im Libanon und einer in Israel.

Das Hauptbüro von Reporter ohne Grenzen in Paris hat aufgrund dieser Vorfälle beim Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag eine Strafanzeige eingereicht.

Für Journalistinnen und Journalisten ist es zunehmend gefährlicher, aus der Konfliktregion im Nahen Osten zu berichten. Neben dem Gazastreifen und dem Südlibanon ist auch das Westjordanland betroffen. Und auch in Israel hat sich die Lage für Medienschaffende verschlechtert.

«Da, wo das Auge der Öffentlichkeit nicht hinschaut, ist es dunkel. Und in der Dunkelheit passieren die meisten Gräueltaten. Die schlimmsten Menschenrechtsverletzungen.»
Christopher Resch von Reporter ohne Grenzen

Ein Bericht der deutschen Sektion von Reporter ohne Grenzen zeigt detailliert auf, wie Journalisten bedrängt, eingeschüchtert, verletzt und sogar getötet werden. Die Überprüfung von Vorfällen ist aufwendig und zeitintensiv, gerade im Gazastreifen ist die Lage unübersichtlich.

Christopher Resch ist bei Reporter ohne Grenzen Deutschland als Pressereferent für die Gebiete Naher Osten und Nordafrika zuständig. Gegenüber watson hat Resch erläutert, mit welchen Problemen Journalistinnen und Journalisten im Nahen Osten konfrontiert sind.

In Ihrem Bericht heisst es, dass seit dem Angriff der Hamas auf Israel Medienschaffende extrem gefährdet seien. Was verstehen Sie unter «extrem gefährdet»?
Christopher Resch: Bereits vor dem Hamas-Angriff war es schwer, als Journalist eine Zulassung für die Berichterstattung im Gazastreifen zu erhalten. Seit dem 7. Oktober kommen gar keine internationalen Journalisten mehr rein. Für diejenigen Journalisten, die noch dort sind, ist es extrem schwierig, sich adäquat zu schützen. Gerade in Gaza ist das Gebiet so dicht besiedelt. Dadurch sind Journalisten – genau wie die zivile Bevölkerung – ganz grundsätzlich viel stärker gefährdet als anderswo.

Woran liegt das hauptsächlich?
Ein wichtiger Grund ist die Art der Kriegsführung: Es kommen Flugzeuge zum Einsatz, Raketen, Drohnen. Verglichen mit dem Committee to Protect Journalists (CPJ), einer anderen Nichtregierungsorganisation, die sich weltweit für Pressefreiheit und die Rechte von Journalisten einsetzt, haben wir – was Todesfälle betrifft – jedoch vergleichsweise niedrige Zahlen.

Christopher Resch, bei Reporter ohne Grenzen Deutschland als Pressereferent für die Gebiete Naher Osten und Nordafrika zuständig.
Christopher Resch, bei Reporter ohne Grenzen Deutschland als Pressereferent für die Gebiete Naher Osten und Nordafrika zuständig. bild: zvg

Wie entsteht diese Differenz?
Das CPJ erfasst jeden Journalisten, der ums Leben kommt. Reporter ohne Grenzen untersucht, ob ein Journalist während oder sogar wegen seiner Arbeit getötet wurde. Wenn ein Journalist zuhause war und da getötet wurde, ist das absolut tragisch, zählt bei uns aber nicht als ein getöteter Journalist.

Wenn ein Journalist zwar zuhause getötet wird, aber explizit aufgrund seines Berufes, wie beurteilen Sie einen solchen Fall?
Da schauen wir schon genau hin. Es gab ja den Fall von Mohammed Baluscha. Dabei handelt es sich um einen Mitarbeiter des Fernsehsenders «Palestine Today». Baluscha wurde zuhause durch einen Luftschlag der israelischen Streitkräfte getötet, er hat in dem Moment nicht gearbeitet. Sein Arbeitgeber «Palestine Today» ist von den israelischen Behörden in der Vergangenheit jedoch verboten worden. Das legt nahe, dass er als getöteter Journalist gezählt werden muss, der wegen seiner Arbeit ums Leben kam.

Reporter ohne Grenzen
Die Nichtregierungsorganisation Reporter ohne Grenzen dokumentiert Verstösse gegen die Presse- und Informationsfreiheit weltweit und alarmiert die Öffentlichkeit, wenn Journalistinnen und deren Mitarbeitende in Gefahr sind.

Reporter ohne Grenzen setzt sich für mehr Sicherheit und besseren Schutz von Journalistinnen und Journalisten ein und kämpft online wie offline gegen Zensur, gegen den Einsatz sowie den Export von Überwachungstechnik und gegen restriktive Mediengesetze.

Seit 1994 ist die deutsche Sektion von Berlin aus aktiv. Der Verein Reporter ohne Grenzen e.V. ist Teil der 1985 gegründeten internationalen Organisation «Reporters sans frontières» (RSF) mit Hauptsitz in Paris. Die Schweizer Sektion besteht seit 1990.

Mehr als 150 Korrespondentinnen und Korrespondenten sind für Reporter ohne Grenzen im Einsatz. Neben Deutschland und der Schweiz besitzt das Netzwerk auch Sektionen und Büros in Belgien, Brasilien, England, Finnland, Frankreich, Österreich, Schweden, Senegal, Spanien, Taiwan, Tunesien und den USA.

Mohammed Baluscha ist nur eines der Opfer, das journalistisch tätig war. Am 22. Oktober kam Ruschdi Sarradsch bei einem israelischen Luftangriff auf sein Haus in Gaza ums Leben. Sarradsch war zuletzt als freier lokaler Mitarbeiter für «Radio France» tätig.

Drei Tage zuvor wurde bei einem Angriff durch israelische Streitkräfte ein provisorisches Nachrichtenzelt zerstört, es befand sich in der Nähe des Nasser-Krankenhauses in Chan Junis. Im Zelt befanden sich Journalisten von «BBC», «Reuters», «Al-Dschasira», «AFP» und lokalen Nachrichtenagenturen, verletzt wurde niemand.

Auch aus technischen Gründen wird die Arbeit für Journalisten im Gazastreifen immer anspruchsvoller. Es fehlt etwa an Treibstoff für Generatoren. Als Folge davon haben die meisten der 24 Radiosender in Gaza ihren Betrieb eingestellt.

Können Medienschaffende gerade im Gazastreifen, wo die Gefahr hoch ist, überhaupt noch sicher arbeiten?
Christopher Resch: Orte, an den Journalisten jederzeit sicher arbeiten können, sogenannte Safe Spaces, gibt es nicht. Natürlich ist man im Moment sicherer, wenn man sich im Süden des Gazastreifens aufhält. Aber der Weg dorthin und auch der Süden selbst werden bombardiert. Im Süden wurde beispielsweise das erwähnte Nachrichtenzelt zerstört. Ob dieser Angriff gezielt war oder nicht, ist schwer zu sagen.

«In Gaza würde ich eine erhöhte Gefahr für erkennbare Journalisten eher ausschliessen. Das Bombardement ist so flächendeckend, da ist es eigentlich fast egal, ob man als Journalist zu erkennen ist oder nicht.»

Medienschaffende in solchen Konfliktregionen müssen also mit dieser Unsicherheit leben?
Als Journalistin oder Journalist exponiert man sich immer etwas mehr. Das gehört zum Beruf. Diese Gefahr für Leib und Leben ist die eine Ebene. Die andere berücksichtigt, in welchem Umfeld sich Journalisten bewegen. Im Gazastreifen können sich Reporter freier bewegen, wenn sie nicht als Hamas-Kritiker bekannt sind. Die Hamas terrorisiert auch ihre eigene Bevölkerung und knöpft sich kritische Journalisten vor.

Hilft es Journalisten vor Ort, wenn sie sich als solche zu erkennen geben, oder ist das im Gegenteil eher eine Gefahr?
Es gibt den Fall eines getöteten libanesischen Reuters-Journalisten, Issam Abdallah, der in einer Gruppe bestehend aus sieben Leuten in Israel unterwegs war. Die restlichen sechs wurden teilweise schwer verletzt. Sie alle waren deutlich als Journalisten erkennbar und trotzdem wurden sie von einer israelischen Rakete getroffen. In Gaza würde ich eine erhöhte Gefahr für erkennbare Journalisten eher ausschliessen. Das Bombardement ist so flächendeckend, da ist es eigentlich fast egal, ob man als Journalist zu erkennen ist oder nicht.

epaselect epa10952582 Members of an Israeli artillery unit move toward the border with the Gaza Strip, at an undisclosed location, southern Israel, 01 November 2023. Overnight, combined IDF troops str ...
Mitglieder einer israelischen Artillerie-Einheit.Bild: keystone

Reporter ohne Grenzen hat eigene Korrespondenten im Gazastreifen. Wie sieht die Lage bei Ihren Leuten aus?
Eine unserer Korrespondentinnen ist aktuell leider im Krankenhaus. Sie wurde als Folge eines israelischen Luftschlags von einem Splitter am Bein verletzt, als sie von Gaza in Richtung Süden unterwegs war. Zum Glück nicht schwer. Aktuell ist sie jedoch nicht arbeitsfähig, was den Informationsfluss zusätzlich einschränkt.

Es ist ein Zielkonflikt zwischen dem Schutz von Journalistinnen und Journalisten und der Motivation, auch weiterhin aus den Krisengebieten im Nahen Osten zu berichten. «Gaza darf nicht zu einem medialen schwarzen Loch werden», sagte Katja Gloger, Vorstandssprecherin von Reporter ohne Grenzen.

Die Nichtregierungsorganisation schätzt, dass bislang mindestens 50 Medienschaffende ihre Häuser in Gaza verlassen haben. Das israelische Militär hat sie zur Evakuierung aufgefordert.

Wie handhaben Sie als Organisation den Zielkonflikt zwischen der Sicherheit von Journalisten und der Berichterstattung, die weiterhin gewährleistet werden soll? Gibt Reporter ohne Grenzen diesbezüglich Empfehlungen ab?
Christopher Resch: Das ist eine gute Frage. Unser Ziel ist immer, dass weiter berichtet werden kann. Das ist der Zweck unserer Arbeit. Da, wo das Auge der Öffentlichkeit nicht hinschaut, da, wo Journalisten nicht hingucken können, da ist es dunkel. Und in der Dunkelheit passieren die meisten Gräueltaten. Die schlimmsten Menschenrechtsverletzungen. Bei einem Krieg, wie er jetzt gerade stattfindet, kann man natürlich nicht guten Gewissens sagen: «Geh du jetzt dahin und berichte.» Es muss aber dennoch alles dafür getan werden, dass journalistisch gearbeitet werden kann. Was man betonen muss: Sowohl die Terroristen der Hamas als auch die Streifkräfte Israels haben ein Interesse daran, dass möglichst wenig berichtet wird.

«Wir würden aber keine Journalisten verteidigen, die bewusst Hamas-Propaganda wiedergeben und sich zum Sprachrohr der Hamas machen. Dann sind es Propagandisten, keine Journalisten.»
Christopher Resch

Welche Rolle nimmt Reporter ohne Grenzen in einem Konflikt wie dem zwischen Israel und der Hamas ein?
Wir berichten über die Situation der Journalistinnen und Journalisten vor Ort. Sie sind Teil der Zivilbevölkerung und müssen deswegen besonders geschützt werden. Wir haben zudem ein Nothilfeteam, das schaut, wie man beispielsweise eine schwerst bedrohte Journalistin aus einem Gebiet evakuiert oder eine zerstörte TV-Kamera ersetzt. Wir kommentieren jedoch keine politischen Zusammenhänge. Uns geht es darum, dass parteienübergreifend berichtet werden kann. Wir würden aber keine Journalisten verteidigen, die bewusst Hamas-Propaganda wiedergeben und sich zum Sprachrohr der Hamas machen. Dann sind es Propagandisten, keine Journalisten.

Hat eine solche Situation wie jetzt im Gazastreifen auf Journalisten eine besonders anziehende Wirkung?
Es wird derzeit kein grosses Medium geben, das keine Korrespondenten vor Ort hat. Glücklicherweise beobachten wir noch relativ wenig Naivität, das war in der Ukraine anders. Da haben wir Anfragen bekommen von jungen Journalisten, die haben sich teils nicht mal um eine Sicherheitsweste oder einen Schutzhelm gekümmert. Wir haben sie darauf hingewiesen, dass ein solch naives Vorgehen nicht zu empfehlen ist.

Nicht nur Journalistinnen und Journalisten, die im Gazastreifen arbeiten, stehen unter erhöhter Gefahr. Ein Reporter wurde im Westjordanland von israelischen Streitkräften verhaftet, weil er über das Vorgehen Israels im Gazastreifen berichtet hatte.

Ahmed Darwascha, ein Korrespondent von «Al-Araby TV», wurde in Jerusalem während einer Live-Sendung von einem Polizisten bedroht und beleidigt, wie Reporter ohne Grenzen berichtet. Ein weiteres Beispiel: In Tel Aviv hat die Polizei ein Team der BBC mit vorgehaltener Waffe angehalten, obwohl deren Fahrzeug mit der Aufschrift «Presse» versehen war. Die Polizisten befürchteten eine Tarnung.

In Jerusalem steht das Büro des katarischen Senders Al-Dschasira kurz vor der Schliessung. Israelische Politiker werfen dem Sender vor, Hamas-Propaganda zu verbreiten. Auch international gibt es gemäss Reporter ohne Grenzen jedoch Vorbehalte gegen die Berichterstattung von Al-Dschasira.

Nebst Zwischenfällen in der realen Welt kommt es im Konfliktgebiet auch immer wieder zu Cyberangriffen. Am 9. Oktober, zwei Tage nach dem ersten Angriff der Hamas, war etwa die Website der Zeitung «Jerusalem Post» aufgrund mehrerer Cyberangriffe nicht erreichbar.

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49 Kommentare
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oliversum
01.11.2023 20:51registriert Februar 2014
Es ist selten ein gutes Zeichen, wenn ein Land die Pressefreiheit beschneidet, siehe Russland.
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Snowy
01.11.2023 21:55registriert April 2016
Auch wenn es sehr bedrückend ist - oder gerade deswegen: Danke für dieses wichtige und gute Interview.
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Toni.Stark
01.11.2023 21:45registriert Juli 2018
Yep, Krieg ist gefährlich.
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