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Interview

«Setzt Putin Atomwaffen ein, würde er aus der Weltgemeinschaft verbannt»

epa10188667 Ukrainian servicemen ride an armoured personnel carrier (APC) with a national flag at a street in the recently recaptured city of Izyum, Kharkiv region, northeastern Ukraine, 16 September  ...
Die ukrainische Armee glaubt an den Sieg. Panzer fahren durch die befreite Stadt Isjum.Bild: keystone
Interview

«Setzt Putin Atomwaffen ein, würde er aus der Weltgemeinschaft verbannt»

Der Expertre Pierre Servent, sieht die Dynamik im Krieg aufseiten der Ukraine. Putin derweil könnte, anstelle der Atombombe, auch auf eine andere Waffe setzen.
30.09.2022, 10:1330.09.2022, 15:25
Stefan Brändle, Paris / ch media

Pierre Servent ist in Paris ein bekanntes Gesicht: Der 68-jährige französische Militärstratege und Publizist kommentiert für französische Medien Fragen der europäischen Sicherheit und Verteidigung – momentan vor allem rund um den Krieg in der Ukraine. Als Reserveoffizier mit früheren Einsätzen in Afghanistan, Afrika und dem Balkan verfügt er über beste Kontakte zu Geheimdiensten im Nato-Raum. Früher auch Sprecher des französischen Verteidigungsministeriums hat Servent zahlreiche Bücher über den Zweiten Weltkrieg und französische Präsidenten verfasst.

Der französische Militärexperte Pierre Servent.
Der französische Militärexperte Pierre Servent.Bild: Bruno Klein

Herr Servent, haben Sie eine Erklärung für die Pipeline-Sabotage in der Ostsee?
Pierre Servent: Ich kann auch nur eine Annahme treffen, da bisher keine gesicherten Daten vorliegen. Es könnte sich um eine russische Spezialoperation mittels U-Boot-Roboter handeln, der die Sprengsätze angebracht hat. Ziel wäre eine psychologische Aktion mit dem Ziel, den Europäern eine Botschaft zukommen zu lassen: Hört auf, den Ukrainern Waffen zukommen zu lassen. Heute zeigen wir euch unsere Kapazität, leere Pipelines zu treffen, morgen könnten wir die Leitung aus Norwegen zerstören. Dazu käme eine Bedrohung der Meeres-Internetkabel. Aber ich betone, das ist eine persönliche Interpretation, keine gesicherte Information.

Im Hintergrund geht es also um die Bewaffnung der Ukraine. Ganz simpel gefragt: Wird dieser Krieg noch lange dauern?
Das ist äusserst schwer zu sagen. Niemand weiss, was nach den Pseudo-Referenden in der Ostukraine passieren wird; niemand könnte sagen, ob sich die Proteste gegen die Teilmobilisierung in Russland ausweiten werden. Selbst die Frage, wie isoliert Putin ist, lässt sich kaum beantworten, obschon die Unterstützung durch China, Indien und die Türkei beim Samarkand-Gipfel relativ flau schien.

«Seit Hiroshima sind Atomwaffen ein Tabu. Setzt sie Putin ein, würde er völlig isoliert und aus der Weltgemeinschaft verbannt.»

Wie ist die militärische Lage?
Die Ukrainer haben mit ihrer jüngsten Offensive die Dynamik auf ihrer Seite. Und ihre taktischen Erfolge kommen nicht von ungefähr. Sie haben strukturelle Gründe: Kiew profitiert vom Nachrichtendienst der Amerikaner und Europäer und hat eigene Leute hinter den russischen Frontlinien. Ferner haben die Ukrainer modernes Kriegsgerät, so sehr ihnen schwere Panzer und Kampfjets fehlen. Sie lernen sehr schnell und haben eine gute Truppenmoral, da sie an den Sieg glauben.

Ein Kontrast zur russischen Seite...
Ja, die Russen sind weit entfernt von der Koordination der ukrainischen Armee, bei der Heer und Luftwaffe, Infanterie und Artillerie, Logistik und Genie eng zusammenarbeiten. Das einzige, was die Russen beherrschen, ist die Zerstörung ganzer Städte, mit dem Tod zahlloser Zivilisten. Die russische Truppenmoral ist schlecht. Das gilt noch stärker für die Reservisten, die Putin nun einberuft.

Die Russen beherrschen aber weiterhin 120'000 Quadratkilometer ukrainisches Terrain. Im Süden kam die ukrainische Offensive bei der Stadt Cherson nicht weit.
Das war zum Teil eine Scheinoffensive, um russische Truppen aus dem Donbass anzuziehen. Die Ukrainer können mit Rücksicht auf die Zivilisten nicht einfach eine Stadt wie Cherson bombardieren, wie das die Gegenseite tut. Wenn die Russen eine Stadt einnehmen wollen, zerstören sie sie einfach zu 80 oder 90 Prozent, wie 1996 in Grosny. Die Ukrainer visieren deshalb eher das russische Armeekorps in der Dnjepr-Schlaufe. Sie versuchen es in einer Art «Stalingrad» einzukesseln und mit dauerndem Artilleriebeschuss zu belegen.

epa10182258 A local man rides a bicycle past a damaged car with the Z symbol on a road near the recently recaptured city of Balakliia in Kharkiv's area, Ukraine, 13 September 2022. The Ukrainian army  ...
Ein Zivilist fährt an einem Auto mit Z-Symbol vorbei, Balaklija in Charkiw.Bild: keystone

Wenn Sie von Stalingrad sprechen: Haben die Russen im Zweiten Weltkrieg nicht vorgemacht, dass sie über ein unerschöpfliches Reservoir an Truppen verfügen, das sie als Kanonenfutter einsetzen und womit sie 1945 sogar die deutsche Wehrmacht zurückwarfen?
Dieser Masseneffekt spielt in der teils verschachtelten Ukraine weniger als in den weiten Steppen des Zweiten Weltkriegs. Wenn der russische Generalstab nun 300'000 Mann aufbietet, halst er sich damit womöglich mehr Probleme auf, als er löst. Diese Truppen sind ein leichtes Ziel für die ukrainische Artillerie. Sie haben kaum Tarnung, schlafen teils in Kartonkisten.

Was die Truppenmoral auch nicht gerade fördert.
In Moskau traut die Duma den eigenen Soldaten nicht: Das Parlament hat die Strafen für Deserteure und Materialdiebe heraufgesetzt – und dies schon vor der Teilmobilisierung! Das sagt viel aus über den Zustand der Truppen. Wobei nicht alle Reservisten an die Front kommen. Viele ersetzen in den russischen Kasernen besser ausgebildete und bewaffnete Regimenter, die stattdessen an die Front geschickt werden. Ihr Einsatz wird allerdings noch Monate in Anspruch nehmen.

«Man muss die Drohungen dieser Person leider ernst nehmen.»

Welcher Seite nützt der kommende Winter?
Im Herbst bremsen die nassen Böden die ukrainischen Offensivtruppen. Sie dürften deshalb im verbleibenden Jahr eher einen Partisanenkrieg hinter den russischen Linien aufziehen, mit gezielten Attacken auf Truppen, Treibstofflager und Material. Dazu kommen Nachteinsätze per Helikopter oder auch zu Fuss. Auf der Krim waren solche Operationen sehr wirksam. Im Winter, wenn die Böden hart sind, könnte Kiew dann neue Offensiven starten.

Was kann Putin dagegen tun?
Er dürfte noch mehr Truppen aufbieten, treu seiner überholten Generalstabsplanung aus dem 20. Jahrhundert. In seinem eigenen Land könnte er noch das Kriegsrecht ausrufen, falls die Polizei die Lage nicht mehr in den Griff kriegt. Das Kriegsrecht würde es ihm erlauben, Unternehmen zu requirieren und die Freiheiten noch ganz aufzuheben. Jede missliebige Berichterstattung durch ausländische oder heimische Medien oder auch nur Handyvideos würde verboten. Soweit ist es allerdings noch nicht: So spektakulär die Proteste gegen aussen wirken, beschränken sie sich bisher auf wenige Rekrutierungszentren und Randgebiete.

Wäre das Kriegsrecht ein weiterer Schritt hin zum Einsatz von Atomwaffen?
Nein, wenn Putin Atomwaffen einsetzen will, braucht er dafür das Kriegsrecht nicht.

Atombombe Fat Man, Nagasaki
Der Atombombenpilze über Nagasaki im August 1945.Bild: Pixabay

Sind seine Drohungen ernstzunehmen?
Man muss die Drohungen dieser Person leider ernst nehmen. Ich gehörte zu den wenigen, die zu Beginn des Jahres glaubten, dass Putin die Ukraine wirklich angreifen würde. Das sage ich deshalb, weil ich heute nicht glaube, dass Putin Atomwaffen einsetzen wird. Ihre Zerstörungswucht ist zu gross: Selbst die taktischen Nuklearwaffen – die schwächer sind als die strategischen – sind noch zehnmal stärker als die Atombomben von Hiroshima und Nagasaki, die 1945 über 200'000 Menschenleben forderten.

Putin kann es sich nicht leisten, in Kiew, wo auch viele Russen und Russlandfreunde leben, zwei Millionen Menschen umzubringen. Die Retorsionsmassnahmen des Westens wären gewaltig, auch verlöre Putin die Unterstützung der Chinesen, Inder und Türken. Seit Hiroshima sind Atomwaffen ein Tabu. Setzt sie Putin ein, weil er mit konventionellen Waffen nicht weiterkommt, würde er völlig isoliert und aus der Weltgemeinschaft verbannt. Das wäre sein Ende. Aber Putin hat andere Möglichkeiten.

«Putin hat einen Raubtier-Charakter, er versteht nur das Recht des Stärkeren.»

Welche?
Ich denke an den Einsatz chemischer Waffen. Und zwar nicht direkt, sondern durch den Angriff auf die Nitrat- und Ammoniak-Lager der wichtigen ukrainischen Düngerwirtschaft. Nach dem üblichem Szenario würde Putin dann behaupten, die Ukrainer hätten die Lager gesprengt, um sie als chemische Waffen gegen die Russen einzusetzen. So wie Putins Verbündeter Baschar al-Assad in Syrien die Opposition verantwortlich machte, nachdem er chemische Waffen gegen Zivilisten eingesetzt hatte.

Kurz gefragt zum Schluss: Sollten Westpolitiker wie Frankreichs Präsident Emmanuel Macron trotz der bisherigen Wirkungslosigkeit – und trotz aller Kriegsverbrechen und Staatslügen – weiter mit Putin telefonieren?
Ja, dieser Kanal sollte bestehen bleiben, auch wenn wir uns keinerlei Illusionen hingeben dürfen.

Russian President Vladimir Putin, right, is welcomed by French President Emmanuel Macron at the Palace of Versailles, near Paris, France, Monday, May 29, 2017. Monday's meeting comes in the wake of th ...
Noch reden mit Putin? Hier mit Emmanuel Macron 2017 in Versailles.Bild: AP/AP POOL

Was meinen Sie: Sollte Putin geschont werden, damit er sich nicht in die Enge gedrängt fühlt und noch gefährlicher wird – oder gehorcht er, wie Sie schon vor Krieg erklärt hatten, nur dem Recht des Stärkeren?
Das Zweitere: Putin hat einen Raubtier-Charakter, er versteht nur das Recht des Stärkeren.

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Trinity: Die erste Atombombe

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Trinity: Die erste Atombombe
quelle: wikimedia
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159 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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kleine_lesebrille
30.09.2022 10:37registriert Mai 2022
Dass in der westlichen Bevölkerung über die atomaren Drohungen Russlands gesprochen wird, ist genau Putin’s Kalkül.

Er will, dass wir im Westen Angst haben, statt dass wir eins und eins zusammenzählen und zuerst mal darüber nachdenken, was eigentlich die Konsequenzen für Russland selbst wären, wenn sie (die Durchgeknallten) zuerst auf den roten Knopf drücken.

Vor der NATO haben Putin & Clique großen Respekt. Aber uns westliche Bürger und Politiker halten sie für weich, bequem, naiv und ängstlich.
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G. Laube
30.09.2022 10:37registriert April 2020
Ein Hinterhofschläger versteht immer nur das Recht des Stärkeren, und er wird solange weitermachen, bis sein Gegener kapituliert, oder aber er selber am Boden liegt, weil er seine Stärke überschätzt hat. Ich hoffe auf letzteres.
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Pebbles F.
30.09.2022 10:25registriert Mai 2021
Wer beseitigt denn endlich diesen Wicht?
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