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Ikkimel im Interview: Deutsch-Rapperin über Hass und Toleranz

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Ikkimel bewegt immer öfter als Headliner die Massen. Hier tritt sie auf dem Open Air Frauenfeld 2025 auf.Bild: chmedia/andrea stalder
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Rapperin Ikkimel: «Mich macht es stolz, diese Hassfigur zu sein»

Die deutsche Rapperin Ikkimel ist für viele eine feministische Ikone, für andere eine Provokation. Im Interview spricht sie über ihren Hass auf Heteromänner, frauenfeindliche Frauen – und weshalb sie immer kompromissloser wird.
07.06.2026, 06:4407.06.2026, 06:55
Mark Schoder / ch media

Die umstrittene Alt-Feministin Alice Schwarzer hat einen Wandel hinter sich: Erst fand Schwarzer Sie als Fotzenrapperin «unmöglich», jetzt verteidigt ebendiese Sie. Wie fühlt es sich an, Alice Schwarzer bekehrt zu haben?
Ikkimel: Die hat viele Takes gebracht, die ich nicht so geil finde. Daher juckt es mich wenig.

Wie sind Sie zum Feminismus gekommen?
In der Schulzeit kam das bei mir nicht so dolle. Aber an der Universität habe ich viel feministische Literatur gelesen. Und im Rap-Business, hat mich die Rapperin Young FSK18 krass geprägt. Sie hat mir gezeigt: Im Kampf der Frauen gegen das Patriarchat steckt zwar viel Ehrgeiz dahinter, weil wir besser werden und unsere Musik nach aussen tragen wollen. Aber wir nehmen uns gegenseitig nichts weg.

Im Netz trendet der Begriff «Heterofatalismus»: die Idee, dass immer mehr Frauen Beziehungen mit Männern als Enttäuschung, Gefahr oder emotionale Arbeit erleben. Können Sie mit dem Begriff etwas anfangen?
Ja, sehr. Wenn ich mir meine Tante oder so anschaue, merke ich: Die älteren Frauengenerationen mussten die Care-Arbeit übernehmen und unbezahlt das ganze System am Laufen halten. Ich verstehe daher die Wut auf dieses System. Und ich kann verstehen, dass nun viele Frauen von Heteromännern fordern, sich emotional weiterzubilden. Das ist ein zentraler Punkt.

Können Sie das erklären?
Von klein auf müssen wir uns in der Welt beweisen und erarbeiten uns eine emotionale Kompetenz. Wir bekommen nichts hinterhergeworfen. Das wird den Jungs noch nicht so beigebracht. Da gibt es Nachholbedarf.

An dieser Stelle winken manche Frauen ab und sagen: «Wir haben oft genug erklärt, was wir uns wünschen. Jetzt müssen Männer aktiv werden.»
Das verstehe ich. Das ist bei mir auch so. Wenn ich jemanden date und merke, der rafft es nicht, dann bin ich schnell wieder weg. Ich lehne die Rolle der Lehrerin oder Mutter ab, bin nicht dazu da, den Männern etwas zu erklären. Ich mache keine Abstriche für den Mann und gebe ihm nicht noch eine Chance und dann noch eine. Irgendwann sage ich: Lern selbst oder du kommst nicht mit. Fair enough, oder?

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Ikkimels Kunst schiesst gegen das Patriarchat.Bild: chmedia/mark schoder

In einem Song rappen Sie, dass Sie eigentlich nur noch schwule Männer mögen. Ist das wirklich so?
Ich mag aufgeklärte, kluge, liebevolle Männer. Da habe ich oft bessere Erfahrungen mit schwulen Männern gemacht, weil viele von ihnen ähnliche Vorurteile erleben wie Frauen. Aber natürlich gibt es auch schwule Männer und Frauen, die frauenfeindlich sind.

Haben Sie eine konkrete Situation im Kopf, in der Sie dachten: Genau deshalb nerven mich Heteromänner?
Unter meinen Mitarbeitenden traut sich der Mann oft mehr zu als eine Frau. Wir Frauen stellen unsere Kompetenz zu sehr unter den Scheffel. Dabei können wir konkreter sagen, was wir können und was nicht. Das schätze ich im Privat- und Arbeitsleben sehr: die eigenen Schwächen anerkennen. Männer hingegen überschätzen sich und sagen: «Ich kann das alles, ich mache das alles.» Dann wirken sie oft selbstbewusst und überkompetent, können ihre Versprechen aber nicht immer einlösen.

Berlinerin mit steilem Aufstieg
Ikkimel heisst eigentlich Melina Gaby Strauss und wurde 1997 geboren. Die Rapperin aus Berlin-Tempelhof studierte Deutsche Philologie, Sozial- und Kulturanthropologie sowie Sprachwissenschaft. Nach dem Tod ihres Vaters startete sie während der Corona-Pandemie ihre Musikkarriere. Mit provokanten Texten, feministischen Botschaften und ihrem selbsternannten «Fotzenstyle» wurde sie zu einer der auffälligsten Stimmen im deutschsprachigen Rap. Nach ersten Veröffentlichungen ab 2022 erschien ihr Debütalbum Fotze 2025. Das aktuelle Album Poppstar stieg 2026 auf Platz 1 der deutschen Charts. (msc)

Warum löst weibliche Wehrhaftigkeit bei manchen Männern so viel Aggression aus, und warum erschreckt sie andere Frauen?
Wenn du dein Leben lang mit Privilegien gelebt hast und dann auf einmal die Frauen kommen und nicht mehr «Bittebitte» sagen, um die gleichen Privilegien zu besitzen, dann nervt es dich. Weil sich dann Männer schnell so fühlen, als würde ihnen etwas weggenommen, obwohl Frauen nur das Gleiche wollen. Der Punkt des Bittebitte ist überschritten. Das merkt man an der Crowd, die ich bewege: Das fühlt sich eher wie ein Kampf an und kann nicht mehr nur auf der Humorebene betrachtet werden.

Sondern?
Die Frauen wollen sich wehren und dagegen schiessen.

Früher wirkte Frauenfeindlichkeit eher dumpf und prollig. Heute beobachten wir eine Mischung aus rechter Ideologie, Fitness-Männlichkeit, Tradwife-Sehnsucht, Andrew-Tate-Gewaltsprache und den Predigten der Evangelikalen. Warum ist diese Allianz so wirkmächtig?
Die jungen Generationen sehnen sich wieder nach konservativen Rollenbildern. So viele Infos scheppern jeden Tag auf sie drauf. Infos über etwas, was sie nicht ändern können und was sie verunsichert. Darum suchen sie Halt, etwa in einer Nationalität, auf die sie wieder stolz sein können. Sie wollen sich für nichts mehr schämen. Oder eine Wertigkeit aus der Religion schöpfen. Sie wollen sich wieder klar in Schubladen stecken und mögen das Befreite nicht so gern. Das kann auch schnell ins Extreme abrutschen und ist leider mit viel Hass und Ausgrenzung verbunden.

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Ikkimels Kunst stösst viele ab. Sie wolle letztlich Respekt und Frieden fördern.Bild: chmedia/zvg

Sie sind für viele Rechte eine Hassfigur.
Mich macht es stolz, diese Hassfigur zu sein. Mein Ansatz wirkt für viele grob, aber am Ende wissen doch alle, dass ich etwas Gutes für unsere Gesellschaft bewirken möchte. Das wichtigste Gut ist das friedliche Zusammenleben.

Fürchten Sie das Erstarken reaktionärer Kräfte?
Ja, aber das hat wenig mit meiner Kunst zu tun. Ausgrenzung und Disrespect, Hass und Hetze – das schüchtert ganz generell ein. Ich bin aber stolz, dass ich Leute bewegen kann, auch mal in eine andere Richtung zu denken. Und dass ich eine Meinung abbilden kann.

Wenn der Ton in Deutschland und der Schweiz in zehn Jahren noch rauer geworden ist: Welche Ikkimel wird man dann erleben?
Wahrscheinlich eine kompromisslosere. Ich will aber auch nicht konstant wüten, das zeige ich auch mit meinem neuen Album. Ich brauche das auch für mich, diese sweeten Momente zu haben. Ich will in der Rage nie vergessen, wofür ich die Kunst eigentlich mache und was ich an der Welt liebe.

Wenn Sie an junge Frauen denken, die heute 16 oder 17 sind: Glauben Sie, sie wachsen gerade freier auf als Ihre Generation?
Ne. Heute wachsen die Jungen zwar gebildeter auf als meine Generation, gerade beim Thema Feminismus. Aber freier? Das glaube ich nicht. Es wird immer konservativer und Freiheiten werden immer mehr genommen. Eine Muslimin oder ein Gay in Berlin ist nicht besonders frei. Das spüre ich in meinem Umkreis. Die Leute radikalisieren sich. Auch in meinem Team werden Leute angepöbelt und verfolgt. Ich fürchte, aktuell wird es extremer und schlimmer.

Radikalisieren Sie sich gleichermassen?
Auch ich bin immer kompromissloser geworden, ja. Wenn irgendein Heterosexueller Scheisse redet und sich übergriffig verhält, dann fliegt er raus. Früher hätte man ein Auge zugedrückt und gesagt: «Der ist halt so.» Über diesen Punkt sind wir hinaus. Ich werde mich nie nach rechts bewegen. Ich bin links, schon immer gewesen. Damit einhergehen moralische Werte, die ich für unsere Gesellschaft realisiert sehen will. Und von dem, was ich mir für das friedliche Zusammenleben wünsche, entferne ich mich nicht. Das bedeutet aber nicht, dass sich jeder einen Tanga anziehen und oben ohne herumlaufen muss. Aber es wäre schön, wenn ein Grundrespekt für andere Menschen herrscht. (schweizheute.ch)

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103 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Fish'n'chips
07.06.2026 07:10registriert März 2018
Das Interview ist gefällt mir. Ich mag leider keinen Hip Hop, aber es scheint eine starke Frau zu sein, weiter so!
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DJRene
07.06.2026 08:38registriert September 2024
Ich mag ihre Musik gar nicht, aber wenn ich in mich hineinhorche und, so gut wie möglich, neutral, mein Leben noch mal reflektiere und wie ich von klein auf sozialisiert wurde, dann muss ich als Mann zugeben, dass sie in vielen Dingen recht. Und das zuzugeben ist gar nicht einfach, weil man sein ganzes Leben gelernt hat, dass es anders ist.
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WatSohn?
07.06.2026 09:14registriert Juni 2020
Ich war stets überzeugt, dass die Frauen das stärkere Geschlecht sind. Ich bin Hetero, seit 45 Jahren mit derselben Frau verheiratet. Jeder macht im Haushalt das, was er gerne tut- bei mir ist das z.B. Kochen- und was an unangenehmen Aufgaben übrigbleibt, wird fair aufgeteilt. (Ich bin derjenige, der die Toiletten und die Küche putzt. Wir lachen viel zusammen und wir sind einander die besten Freunde. Zuerst fragte ich mich ja, was die wohl für Müll zusammenschreibt, aber das hat alles Hand und Fuss und ich würde jedes Wort unterschreiben. Das geht auch bei einem Heteromann😀
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