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Die deutschen Satiriker Martin Sonneborn (l.) und Nico Semsrott der deutschen «Partei».
Die deutschen Satiriker Martin Sonneborn (l.) und Nico Semsrott der deutschen «Partei».
Bild: EPA/EPA
Interview

Satiriker Martin Sonneborn fällt gnadenloses Urteil über von der Leyen

06.09.2020, 09:4406.09.2020, 12:25
Lukas Weyell / watson.de

Diese Woche begann der Prozess gegen die mutmasslichen Drahtzieher des Anschlags auf die Redaktion des Satiremagazins «Charlie Hebdo» in Paris. 14 Angeklagte stehen vor Gericht und müssen sich für den Mord an zwölf Menschen verantworten, die im Januar 2015 von mehreren Attentätern in Paris ermordet wurden.

Weit über die Grenzen Frankreichs hinaus wird der Prozessbeginn beobachtet. Denn was hier verhandelt wird, ist weit mehr als Mord. Der Anschlag galt nicht nur der Redaktion von «Charlie Hebdo», sondern der Meinungs- und Pressefreiheit der westlichen Welt. Veröffentlichte Mohammed-Karikaturen galten als Hintergrund der verheerenden Attacke auf die Redaktion damals. In der Folge entspann sich weltweit, auch in Deutschland, eine Debatte um die Frage: Was darf Satire und wie frei ist sie eigentlich?

Wie es um die Freiheit von Satire steht, weiss er: Martin Sonneborn war Chefredakteur der Titanic und sitzt seit 2014 für die Satirepartei «Die Partei» im Europaparlament. Im Interview mit watson erzählt er, wie die Anschläge auf die Redaktion von Charlie Hebdo den Umgang mit Satire verändert haben, welche Verantwortung Satire hat und warum er Martin Schulz und Elmar Brok vermisst.

«Grosse Teile der Branche sind vorsichtiger geworden.»

watson: Wie hat sich Satire seit den Anschlägen auf Charlie Hebdo 2015 verändert?
Martin Sonneborn:
Ich würde sagen, grosse Teile der Branche sind vorsichtiger geworden. Dass nach den Anschlägen Autoren oder Zeichner an manchen Beiträgen ihre Namen nicht haben wollten, gab es zum Beispiel vorher selten.

Ist auch der Humor der Satiriker vorsichtiger geworden?
Ich hoffe nicht. Ich habe jedenfalls keine Schere im Kopf.

Ein Schild erinnert an den Anschlag auf das Satire-Magazin «Charlie Hebdo».
Ein Schild erinnert an den Anschlag auf das Satire-Magazin «Charlie Hebdo».
Bild: keystone
«Zurzeit wird der Begriff Satire wirklich für jeden Mist missbraucht.»

Viele Rechte berufen sich auf die Kunstfreiheit, wenn sie Menschen im Netz beleidigen und sagen, das sei Satire. Inwiefern haben Satiriker wie Jan Böhmermann mit seinem Erdogan-Gedicht hier den rechten Trollen Tür und Tor geöffnet?
Ich ärgere mich über viel Dummes im Netz, das gern auch als Satire ausgegeben wird. Satire ist eine Kunstform, die nicht jeder beherrscht. Zurzeit wird der Begriff wirklich für jeden Mist missbraucht. Von plumpen Beleidigungen seitens der (verf******) AfD bis zur Nominierung von Olaf Scholz als Kanzlerkandidat, alles Satire. Das kann nicht allein Böhmermanns Schuld sein ...

Charlie Hebdo hat zum Prozessauftakt dieselbe Mohammed-Karikatur auf das Cover genommen, die damals mutmasslich Anlass für den Anschlag war. Ist das Satire oder blosse Provokation?
Die Redaktion wollte und musste sich positionieren. Ich würde es als satirische Provokation werten, die zeigt, dass man weiterhin sein Fähnlein hochhält und sich nicht unterkriegen lässt.

Tausende Menschen protestierten nun jedoch gegen die erneute Veröffentlichung der Karikaturen. Wo sind die Grenzen von Satire?
Es gibt keine allgemeingültige Antwort auf diese Frage. Wir hatten früher bei Titanic den Auftrag, die Grenzen monatlich neu auszuloten. Und zwar in alle möglichen Richtungen. Wenn ich mir die Reaktionen, Beschimpfungen und Klagen in Erinnerung rufe, haben wir das auch getan … Smiley.

Hat Satire eine Verantwortung?
Klar. Warum sollten Satiriker anders als Bäcker oder watson-Redakteure davon entbunden sein?

Ist es dann in Zeiten von Euroskeptikern und Brexit noch legitim, sich über den Bürokratiedschungel in Brüssel lustig zu machen oder spielt man damit den Falschen in die Hände?
Falls Sie mich meinen, ich mache mich selten über Bürokratie lustig. Mehr über die Diskrepanz zwischen dem proklamierten demokratischen Ideal der EU und den nationalistischen, unsozialen, rein wirtschaftsorientierten Handlungen ihrer Organe. In Bulgarien haben wir derzeit eine ähnliche Situation wie in Weissrussland – interessiert niemanden. Ungarn ist die erste Diktatur in der EU. Wird etwas dagegen unternommen? Der Fall Nawalny ist äusserst undurchsichtig, wird aber resolut gegen den Bau von Nord Stream 2 instrumentalisiert. Wann holt ein Ärzte-Team Julian Assange aus dem britischen Gefängnis in die Charité?

Über den Abschied von Elmar Brok:

«Es wird weniger gebrüllt auf den Gängen, es fliegen weniger Schuhe durch die Gegend und niemand will mir an die Gurgel.»

Wie sicher fühlen Sie sich als Satiriker in Brüssel?
Recht sicher. Noch sicherer würde ich mich fühlen, wenn die EU-Kommission in der Lage wäre, einen Überblick über die Corona-Situation in den Mitgliedsstaaten zu geben, und eine vergleichbare Datenbasis schaffen würde.

Wie hat sich der Parlamentsalltag in Brüssel verändert, seitdem Elmar Brok nicht mehr Abgeordneter ist?
Es wird weniger gebrüllt auf den Gängen, es fliegen weniger Schuhe durch die Gegend und niemand will mir an die Gurgel. Schade, wir wollten immer mal einen Tuba-Spieler hinter Elmar durchs Parlament laufen lassen; ich hoffe, er kommt noch mal zu Besuch.

Gibt es einen Nachfolger als Ihr Nemesis im EU-Parlament?
Der ein oder andere Konservative versucht sich daran, aber die Fussstapfen, die Elmar Brocken hinterlassen hat, sind relativ gross.

Und wie sehr vermissen Sie Martin Schulz?
Sehr. Politisch ist er mir zu konservativ, aber er hat sich in Krisen einfach selbst ermächtigt, stand bei Rats-Treffen – der Rat, das sind die Arschlöcher in Europa, 27 Länderchefs, die ungebrochen national denken statt europäisch – uneingeladen vor der Tür und hat die Position des Parlaments – des demokratischeren Teils der EU-Institutionen – dargelegt. Oder Victator Orban und dem Irren vom Bosporus einfach mal die Grenzen aufgezeigt. Der neue Parlamentspräsident Sassoli ist leider – genau wie Frau von der Leyen an der Spitze der Kommission – ein blasser Abklatsch ohne grosse Wirkungsmöglichkeit.

Wie viel Angriffsfläche bietet denn Ursula von der Leyen?
Zu viel. Keine Ahnung, wenig Überzeugungen, keine Hausmacht im EU-Parlament, verspricht jedem alles, was er hören will. Sie hat sich eine Wohnung im Berlaymont-Gebäude einbauen lassen, schottet sich dort mit einer Clique überwiegend deutscher Berater ab. Die Agentur von Kai Diekmann, vormals «Bild-Zeitung», schreibt ihr die Twitter-Einträge. Europa nicht den Leyen überlassen!

Ursula von der Leyen.
Ursula von der Leyen.
Bild: keystone

2015 war es noch nicht möglich, die Titanic im Parlamentskiosk zu kaufen. Gibt es sie dort inzwischen?
Ich glaube nicht. Ich bin Herausgeber, ich bekomme monatlich mein Exemplar zugeschickt.

Das Interview wurde schriftlich geführt. Die Antworten von Martin Sonneborn wurden unverändert veröffentlicht.

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07.01.2015: Attentat auf die Redaktion der Satirezeitschrift «Charlie Hebdo»

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07.01.2015: Attentat auf die Redaktion der Satirezeitschrift «Charlie Hebdo»
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