Der Sohn des Schahs soll die Mullahs beerben – doch es gibt Widerstand
«Ich werde heimkehren», sagte Reza Pahlavi, der Sohn des letzten Schahs von Iran. Von seinem Exil in den USA aus machte Pahlavi den Iranern Hoffnung, die Herrschaft des schiitischen Klerus bald abschütteln zu können. Das war im Jahr 1986, und damals wurde nichts aus dem Umsturz.
Jetzt meldet sich der inzwischen 65-jährige Kronprinz wieder zu Wort und präsentiert sich in der neuen Protestwelle als Anführer der iranischen Opposition. Auch diesmal verspricht er, bald in den Iran zurückzukehren. Aber in seiner Heimat ist er umstritten. Manche Iraner sehen ihn als Retter der Nation, andere als Marionette der USA und Israels.
Das iranische Regime zeigte nach Ausbruch der neuen Proteste vor zwei Wochen zunächst Verständnis für die Beschwerden der Demonstranten über steigende Preise und sinkende Lebensstandards, doch die Kundgebungen, bei denen auch der Sturz des Regimes gefordert wird, lassen sich damit nicht eindämmen. Das Regime droht den Demonstranten inzwischen mit der Todesstrafe.
Trotzdem gingen die Iraner in der Nacht zum Sonntag wieder auf die Strassen, so wie seit zwei Wochen täglich. Exil-Menschenrechtler berichten, 116 Menschen seien bei Auseinandersetzungen mit staatlichen Einsatzkräften getötet worden. Möglicherweise gibt es viel mehr Opfer: Die britische BBC meldete unter Berufung auf Ärzte, allein am Freitag seien 70 Leichen in eine Klinik in der nordiranischen Stadt Rascht gebracht worden. Eine Bestätigung gab es nicht, denn seit Donnerstag sind die Internet- und viele Telefonverbindungen im Iran unterbrochen. Das US-Zentrum für Menschenrechte im Iran erklärte, ein «Massaker» drohe.
Demonstranten in einigen Städten auf dem Vormarsch
Pahlavi erklärte auf der Plattform X, er wisse von «vielen» Deserteuren bei der Polizei. Er rief für Sonntagabend zu neuen Protesten auf. Westliche Experten sehen Anzeichen dafür, dass iranische Einsatzkräfte mancherorts gegen die Demonstranten den Kürzeren ziehen. In einigen Städten hätten sich die Truppen zurückziehen müssen, weil sie keine Verstärkung erhielten, teilte die US-Denkfabrik Institut für Kriegsstudien (ISW) mit.
Regimechef Ali Khamenei hatte am Freitag erklärt, der Staat werde nicht zurückweichen. Das deutet darauf hin, dass er sich vor allem auf die Elitetruppe des Regimes, die Revolutionsgarde, stützen will. Die Garde hatte in der Vergangenheit mehrere Aufstände niedergeschlagen. US-Präsident Donald Trump droht mit einer Militärintervention gegen das Regime und hat sich laut «New York Times» von seinen Generälen verschiedene Optionen vorlegen lassen. Pahlavi lobte Trumps Bereitschaft, den Demonstranten zu helfen.
Der Kronprinz hatte den Iran im Jahr 1978 verlassen, um sich in den USA zum Kampfpiloten ausbilden zu lassen. Ein Jahr später musste sein Vater Mohammad Reza Pahlavi den Pfauenthron aufgeben und ins Exil gehen, wo er ein Jahr später starb.
Nach fast 50 Jahren im Exil sieht Kronprinz Pahlavi jetzt die Chance auf Heimkehr. Bei den neuen Protesten ist mehrmals der Ruf nach Wiedererrichtung der Monarchie zu hören gewesen. Pahlavi feuert die Demonstranten über die sozialen Medien an. Die Iraner sollten sich nicht mehr mit Kundgebungen zufriedengeben, sondern ganze Innenstädte «erobern und halten», sagte er am Wochenende.
Wieviel Unterstützung Pahlavi im Iran geniesst, ist ungewiss. Sein Vater wurde auf dem Thron von den USA, Grossbritannien und Israel unterstützt und liess in den fast vier Jahrzehnten seiner Herrschaft viele Menschen foltern und töten. Die Revolution gegen den Schah von 1979 wurde nicht nur vom schiitischen Klerus getragen, der später die Macht eroberte, sondern von vielen Gruppen der iranischen Gesellschaft. Gegen Pahlavi spricht auch, dass er wegen seines langen Exils den Iran von heute kaum kennt. Iraner, die nach der Revolution von 1979 geboren wurden, stellen die Mehrheit der Bevölkerung.
Die Verzweiflung der Iraner ist riesig
Die iranische Zivilgesellschaft sei sehr heterogen, sagt die deutsch-iranische Aktivistin Daniela Sepehri. «Es gibt einige, die sich eine Rückkehr zur Monarchie wünschen, andere lehnen Reza Pahlavi ab – allen voran die ethnischen Minderheiten», sagte Sepehri zu CH Media. «Bei vielen Menschen ist die Verzweiflung auch so gross, dass es ihnen egal ist, wer danach kommt – Hauptsache, die Mullahs sind weg.» Nach einem Sturz des Regimes müsse es freie Wahlen geben, damit die Iraner selbst über ihre Zukunft entscheiden könnten.
Pahlavi strebt nach eigenen Worten keine Rückkehr zur absoluten Monarchie an, sondern ein demokratisches System. Ein neuer Iran werde mit Israel und den arabischen Staaten zusammenarbeiten, sagte er vor drei Jahren bei der Münchner Sicherheitskonferenz.
Kritiker haben Pahlavi in Verdacht, Erfüllungsgehilfe von Amerikanern und Israelis zu sein. Ein Besuch von Pahlavi in Israel vor drei Jahren verstärkte diesen Eindruck. Laut der israelischen Zeitung «Haaretz» unterstützte Israel den Kronprinzen im vorigen Jahr mit einer Kampagne in den sozialen Medien. Trotzdem hat er es bisher nicht geschafft, die Opposition zu einen. Die Zweifel an Pahlavi sind so gross, dass selbst Trump – der sonst wenig Wert auf diplomatische Feinheiten legt – bisher ein Treffen mit ihm ablehnt. (aargauerzeitung.ch)
