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Iran: Zwischen Traum und Albtraum – der Kampf gegen das Mullah-Regime

Zwischen Traum und Albtraum – die Lage im Iran

Viele Iranerinnen und Iraner träumen von einer Revolution, noch sind sie gefangen im Albtraum.
05.11.2022, 20:1207.11.2022, 05:36
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Der Traum einer Revolution gegen die Mullah-Regierung schwindet nicht. Seit über sechs Wochen halten die Massenproteste im Iran an, die durch den Tod von Mahsa Amini ausgelöst wurden.

Gefangen im Albtraum, verlieren die Menschen im Iran immer mehr die Furcht. In der Hauptstadt Teheran schlagen die Proteste gegen das autoritäre Regime in immer gewaltsamere Aufstände um. Augenzeugen sprechen von einer neuen Dimension der Proteste.

«Wir waren bei mehreren Protesten dabei, aber das hier spielt in einer anderen Liga.»
Dies berichtete ein Augenzeuge der Nachrichtenagentur SDA

Es ist nicht die erste Protestwelle, die sich seit der islamischen Revolution im Jahr 1979 entfacht hat. Doch noch nie hatten Aufstände eine solche Dynamik erreicht.

Angst hat sich inzwischen zu Hass gesteigert. Es grenzt an ein Wunder, dass die Menschen noch nicht aufgegeben haben. Für ihren Traum, den Sturz der Regierung, nehmen sie Schläge, Freiheit und ihr Leben in Kauf.

People stage a protest against the death of Mahsa Amini, a woman who died while in police custody in Iran, during a rally in central Rome, Saturday, Oct. 29, 2022. Amini, a 22-year-old woman was held  ...
Rom, Italien, am 29. Oktober 2022: Menschen rund um den Globus haben sich aus Solidarität den Protesten im Iran angeschlossen. Bild: keystone

Gleichzeitig geht die Regierung immer brutaler gegen die Zivilbevölkerung vor. Hunderte von Menschen sollen nach Protesten festgenommen oder umgekomme sein. Bei Festnahmen drohen Folter, sexuelle Gewalt und Willkür, wie Menschenrechtsorganisationen berichten.

«Die Augen der Leute waren voller Hass, da war kein Platz mehr für Angst.»
Aussage eines weiteren Augenzeugen.

Ausserhalb des Landes bekommen wir nur einen Bruchteil mit, was sich im Iran tatsächlich abspielt. Journalistinnen und Journalisten können nicht unabhängig berichten, da sie durch Drohungen und Festnahmen zum Schweigen gebracht werden. Und Informationen über soziale Medien dringen nur schwer an die Öffentlichkeit, da das Internet grossflächig gedrosselt ist und die Bevölkerung überwacht werde.

«Wir schwören beim Blut unserer Gefährten, wir geben bis zum Ende nicht auf.»
Protestruf in Teheran

Trotzdem haben wir versucht, eine Übersicht der Ereignisse zu schaffen:

Immer jüngere Opfer

Iranerinnen und Iraner verschwinden während Protesten zu Tausenden – vereinzelt kehren sie in Särgen zu ihren Familien zurück. Unter den Opfern befinden sich auch Kinder.

Das Regime schreckt angeblich nicht davor zurück, Gewalt an den jüngsten Demonstrantinnen und Demonstranten anzuwenden. Dies zeigen Recherchen von Amnesty International.

So soll ein Elfjähriger während eines Protestes in Zahedan, im Südosten des Irans, durch scharfe Munition getötet worden sein. «Sein Todesfall spiegelt die Gräueltaten und die Brutalität wider, mit denen die Sicherheitskräfte auf den Freiheitsdrang reagieren», schreibt Amnesty International.

Der Todesfall des blutjungen Javad ist kein Einzelschicksal.

Er ist eines von mindestens 23 Kindern, die in den vergangenen Wochen getötet wurden, heisst es im Amnesty-Bericht. Die Menschenrechtsorganisation geht von einer hohen Dunkelziffer aus.

Suizide vs. vertuschte Todesfälle

Nach Angaben der Regierung sollen all diese Kinder an Suizid oder tödlichen Krankheiten gestorben sein.

Wie Amnesty International berichtet, sollen die Familien der verstorbenen Kinder massiv bedroht und eingeschüchtert worden sein, damit sie eine offizielle Erklärung abgeben, dass ihre Kinder Suizid begangen hätten oder krank gewesen seien.

Wenn die Eltern keine Erklärung abgeben, dann erledigt dies die Regierung.

Nach dem Tod der 16-jährigen Demonstrantin Sarina Esmaeilzadeh soll die Regierung behauptet haben, dass das Mädchen vom Hochhaus ihrer Grossmutter gefallen sei. Nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen sei sie von der Sittenpolizei zu Tode geprügelt worden.

epa10195629 Iranian poeple light candles and hold pictures of Iranian Mahsa Amini druing a protest after her death, in Istanbul, Turkey, 20 September 2022. Mahsa Amini, a 22-year-old Iranian woman, wa ...
20. September 2022: In Istanbul haben Menschen für die verstorbene Mahsa Amini, die zur Symbolfigur der Proteste geworden ist, Kerzen angezündet.Bild: keystone

Ein weiteres Beispiel ist der Fall der 16-jährigen Nika Shakarami. Das Mädchen sei Medienberichten zufolge durch angeblich schwere Schläge auf den Kopf durch die Sittenpolizei getötet worden. Den Behörden zufolge soll sie Suizid begangen haben.

Mehr als 14'000 Festnahmen

Mehr als 280 Menschen wurden seit den anhaltenden Protesten nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen getötet, mehr als 14'000 verhaftet.

Unter den Inhaftierten sollen sich auch Kinder befinden. Berichten zufolge soll die 15-jährige Asal Nahi in einem iranischen Gefängnis festgehalten werden. Der Grund für die Verhaftung sei der Familie nicht bekannt. Ihnen werde jeglicher Kontakt verwehrt.

In Haft befinden sich auch bekannte iranische Persönlichkeiten, darunter der iranische Rapper ToomajSalehi – die musikalische Stimme des Widerstands.

In seinen Texten kritisiert er das Mullah-Regime. Nach seiner Verhaftung Anfang November meldet er sich in einem Video mit verbundenen Augen an seine Anhängerschaft. Mit gebrochener Stimme entschuldigt er sich für seine Aussagen.

Kritisch gegen das Regime geäussert hat sich auch die Journalistin Nazila Maroufian. Berichten zufolge sei sie bei Verwandten festgenommen worden und steckt im Evin-Gefängnis fest.

Eine Begründung für die Festnahme liege derzeit nicht vor. Klar ist: Maroufian berichtete über die Proteste im Iran. Vermutlich ist sie noch am Leben, da sie in einem Artikel schrieb:

«Ich habe weder die Absicht, Selbstmord zu begehen, noch habe ich eine Grundkrankheit.»

Das Gefängnis, in dem sie seit Sonntag inhaftiert sei, ist bekannt für Hinrichtung politischer Gefangenen.

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Ein Exemplar der iranischen Tageszeitung Sazandegi mit der Überschrift: Journalismus ist kein Verbrechen. Die Bilder zeigen die iranischen Journalistinnen, die festgenommen wurden.Bild: keystone

Ein weiterer bekannter Inhaftierter ist der Menschenrechtsaktivist Hossein Ronaghi, der am 22. September in Teheran verhaftet wurde. Seine Familie sitzt seit 20 Tagen vor dem Gefängnis, um Informationen über Hossein zu erhalten. Seit Wochen soll Ronaghi sich im Hungerstreik befinden.

Er wurde beschuldigt, ein «Verbrecher der Erde» zu sein. Darauf steht die Todesstrafe.

Regierung übergeht Scharia

Die Scharia ist das Rechtssystem des Islam und umfasst alle religiösen und rechtlichen Normen. Je nach Land wird die Scharfia anders angewandt.

Nach der iranischen Auslegung der Scharia sind die Frauen den Männern nicht gleichgestellt. Ehemännern ist erlaubt, Gewalt an ihren Ehefrauen anzuwenden. So ist beispielsweise eine Vergewaltigung in der Ehe kein juristischer Tatbestand.

«Die Staatsmacht hält sich nicht einmal selbst an die Gesetze, die sie erlassen hat.»

Für die Mullahs ist die Scharia heilig. Wer sich nicht an die geltenden Rechte hält, wird von der Sittenpolizei gerügt.

Doch gewisse Gesetzesgebungen soll selbst die Islamische Republik missachten. Laut der Scharia müssten Angehörige von inhaftierten Demonstranten über deren Aufenthalt informiert werden. «Die Staatsmacht hält sich nicht einmal selbst an die Gesetze, die sie erlassen hat», sagt der Menschenrechtsanwalt Saeid Dehghan zu DW.

A woman lights a candle in solidarity with Iranian women during a protest against the death of Mahsa Amini, a woman who died while in police custody in Iran, during a rally in Tel Aviv, Saturday, Oct. ...
Eine Frau zündet während einer Kundgebung in Tel Aviv am Samstag, 29. Oktober 2022, eine Kerze an. Bild: keystone

Irans Führer schiebt Schuld den Erzfeinden zu

«Tod dem Diktator», rufen die Demonstranten während der Proteste. Die Rufe richten sich an Ali Chamenei – Irans politischer und religiöser Führer. Die Schuld an den Aufständen sucht der Führer im Ausland, besonders bei den Erzfeinden der Islamischen Republik. «Die Unruhen wurden alle von Amerika und Israel geplant», sagt Chamenei kürzlich in einer öffentlichen Rede. Es ginge ihnen darum, die iranische Religion anzugreifen. Das Kopftuch abzuschaffen und Moscheen anzuzünden.

HANDOUT - Ajatollah Ali Chamenei, oberster F�hrer des Iran, h�lt eine Rede anl�sslich des muslimischen Feiertags Eid al-Adha, der auch als �Opferfest� bekannt ist. Foto: -/Iranian Supreme Leader' ...
Der oberste Führer Irans, Ali Chamenei.Bild: sda

Abgesehen von Herrscher Chamenei haben sich öffentlich noch nicht keine Hochrangige getraut, sich zu den Protesten geäussert – geschweige denn, das Regime zu kritisieren. Ausser Ayatollah Alavi Boroujerdi, einer der höchsten schiitischen Geistlichen. In einer Rede fordert er den Führer zum Handeln auf: «Unsere Jugend hat etwas zu sagen. Gebt ihnen den Raum, um sich zu äussern.»

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Die Gesichter des Protestes gegen das Regime in Iran
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Die Gesichter des Protestes gegen das Regime in Iran
Der Auslöser für die Proteste war der Tod der jungen Kurdin Mahsa Amini. Die 22-Jährige starb wohl, weil sie ihr Kopftuch nicht so getragen hatte, wie die iranischen Mullahs und das iranische Gesetz es für Frauen vorsehen. Die genauen Umstände ihres Todes sind noch unklar. Amini wurde zu einer Ikone im Kampf für Freiheit.
quelle: keystone / abedin taherkenareh
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Feuer bei Protesten im Iran
Video: watson
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15 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Herbsli69
05.11.2022 21:15registriert März 2018
Ich hoffe so sehr, dass es den Menschen im Iran gelingt, diesem Alptraum zu entkommen...
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Kommentar*innen
05.11.2022 21:22registriert Juni 2018
Chamenei schickt Russland tödliche Drohnen.
Chamenei schickt Geld der Hizbullah, eine Terrororganisation, die Israel auslöschen will und überall im Nahen Osten Terror ausübt.
Chamenei unterstützt die Huthi-Rebellen im Jemen.
Chamenei ist Papst, Militärchef und Präsident in einem. Er lässt auf sein eigenes Volk schiessen, brutal ermordern, verhaften, foltern, hinrichten. Und: Er liebäugelt mit der Atombombe.
Die Prostestierenden sind global zu unterstützen. Desto eher dieses brutale Regime gestürzt wird, umso besser für die ganze Welt.

Und ja: Saudi Arabien ist kein Deut besser!
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Schmidi Schmidhauser
05.11.2022 21:42registriert Januar 2019
Unglaublich, wie diese Menschen kämpfen. Ich wünsche dem iranischen Volk, dass es zu einer Wende kommt. Ali Chamenei muss weg.
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Unicef: Keine höhere Bildung für afghanische Mädchen seit 1000 Tagen
In Afghanistan dürfen nach Machtübernahme der Taliban Mädchen seit nunmehr 1000 Tagen keine höhere Schule mehr besuchen.

Darauf wies das UN-Kinderhilfswerk Unicef am Donnerstag hin. «Für 1,5 Millionen Mädchen ist dieser systematische Ausschluss nicht nur eine eklatante Verletzung ihres Rechts auf Bildung, sondern führt auch zu schwindenden Chancen und einer Verschlechterung der psychischen Gesundheit», erklärte Unicef-Exekutivdirektorin Catherine Russell.

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