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Die Lage im Iran spitzt sich weiter zu – das musst du wissen

Feuer in Mahabad: Die Lage im Iran spitzt sich weiter zu – das musst du wissen

Nach dem Tod der jungen Kurdin Mahsa Amini dauern die Demonstrationen im Iran weiter an. Am Mittwoch und Donnerstag kam es Landesweit zu mehreren Vorfällen – eine Übersicht in 4 Punkten.
27.10.2022, 18:0827.10.2022, 19:55
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Demonstranten setzen staatliche Gebäude in Brand

Im Nordwesten des Irans haben Demonstranten Berichten zufolge versucht, die Gebäude von staatlichen Behörden zu besetzen. Auf Videos, die am Donnerstag in sozialen Medien kursierten, waren Szenen zu sehen, die aus der kurdischen Stadt Mahabad stammen sollen.

Feuer bei Protesten im Iran

Video: watson

Unklar war zunächst, ob die Demonstranten – wie behauptet – auch das Büro des Gouverneurs besetzen konnten. Zudem wurde über Schüsse in der Stadt berichtet. Die Umstände waren unklar. Die Videos liessen sich zunächst nicht verifizieren.

Die staatliche Nachrichtenagentur Irna berichtete, mit Hilfe der Polizei sei ein Eindringen der Demonstranten verhindert worden. Sie veröffentliche mehrere Fotos chaotischer Strassenszenen mit ausgebrannten Läden. Auch diese Angaben liessen sich zunächst nicht unabhängig überprüfen. Die Menschenrechtsorganisation Hengaw mit Sitz in Oslo, die Kontakte in die Region unterhält, berichtete über Zusammenstösse mit Sicherheitskräften. Dabei soll in Mahabad mindestens ein Demonstrant getötet worden sein.

Tote bei Terroranschlag in Schrias

Die südiranische Grossstadt Schiras wurde am Mittwoch derweil von einem Terroranschlag erschüttert. Nach Angaben staatlicher Medien mindestens 15 Menschen getötet. In der Millionenstadt sollen an der schiitischen Heiligstätte Schah Tscheragh zudem Dutzende weitere Menschen verletzt worden sein, berichtete das Staatsfernsehen. Augenzeugen zufolge gab es rund um den Schrein ein grosses Aufgebot an Polizei und Sicherheitskräften.

Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) reklamierte die Attacke auf einem Telegram-Kanal für sich. Immer wieder verüben die sunnitischen Dschihadisten etwa in Afghanistan Angriffe auf schiitische Muslime, die sie als Abtrünnige des Islam bezeichnen und verachten.

Mohammad Bagheri, der Stabschef der iranischen Streitkräfte, machte die Teilnehmer von Protesten mitverantwortlich. «Sie sind mitschuldig an diesem grossen Verbrechen», zitierte die staatliche Nachrichtenagentur den Kommandeur am Donnerstag. Zugleich drohte er: «Die ausländischen und einheimischen Drahtzieher und Verursacher dieses schrecklichen Verbrechens werden bald von Sicherheitskräften und dem Geheimdienst überfallen.»

Chief of the General Staff of Iran's Armed Forces Gen. Mohammad Hossein Bagheri addresses during a military parade commemorating the anniversary of the start of the 1980-88 Iraq-Iran war, in fron ...
Stabschef Mohammad BagheriBild: keystone

Inwiefern die Protestteilnehmer mitschuldig sein sollen, ist unklar. Viele Iraner befürchten, dass Sicherheitskräfte nach dem Anschlag noch härter bei Demonstrationen durchgreifen. Am Donnerstag rief eine staatliche Institution dann zu Protestmärschen nach dem Freitagsgebet auf.

EU verurteilt iranische Sanktionen

Die EU hat unterdessen vom Iran angekündigte Strafmassnahmen gegen europäische Politiker, Journalisten und Einrichtungen scharf verurteilt. Die Sanktionen gegen zwölf Einzelpersonen und acht Einrichtungen seien offensichtlich rein politisch motiviert, sagte ein Sprecher des EU-Aussenbeauftragten Josep Borrell in Brüssel. Anstatt sich auf politische Vergeltung zu konzentrieren, sollte der Iran lieber die Grundfreiheiten der eigenen Bevölkerung gewährleisten, die zum Beispiel Meinungsfreiheit einfordere.

In der iranischen Hauptstadt demonstrierten am Donnerstag Hunderte systemtreue Studenten vor der britischen Botschaft. Sie riefen Parolen gegen die Sender BBC Persian und Iran International, die in London ansässig sind. Vor wenigen Tagen hatte das iranische Aussenministerium die Sender auf eine Terrorliste gesetzt.

Die Hintergründe

Auslöser der systemkritischen Massenproteste im Iran war im vergangenen Monat der Tod der 22 Jahre alten iranischen Kurdin Mahsa Amini. Die Sittenpolizei hatte sie festgenommen, weil sie gegen die islamischen Kleidungsvorschriften verstossen haben soll. Die Frau starb am 16. September in Polizeigewahrsam. Seit ihrem Tod demonstrieren landesweit Tausende gegen den repressiven Kurs der Regierung sowie das islamische Herrschaftssystem.

(dab/sda/dpa)

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Die Gesichter des Protestes gegen das Regime in Iran
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Die Gesichter des Protestes gegen das Regime in Iran
Der Auslöser für die Proteste war der Tod der jungen Kurdin Mahsa Amini. Die 22-Jährige starb wohl, weil sie ihr Kopftuch nicht so getragen hatte, wie die iranischen Mullahs und das iranische Gesetz es für Frauen vorsehen. Die genauen Umstände ihres Todes sind noch unklar. Amini wurde zu einer Ikone im Kampf für Freiheit.
quelle: keystone / abedin taherkenareh
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12 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Kommentar*innen
27.10.2022 18:55registriert Juni 2018
Frau - Leben - Freiheit

In Solidarität mit den Frauen und Männern im Iran, die sich mit grösstem Mut gegen dieses fanatische, diktatorische System zur Wehr setzen und ihr Leben dabei riskieren.

Frau - Leben - Freiheit!
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Haftstrafen im Prozess um Terroranschlag in Südfrankreich verhängt

Knapp sechs Jahre nach einem islamistischen Anschlag in Südfrankreich mit vier Toten hat ein Gericht in Paris sechs Männer und eine Frau aus dem Umfeld des Täters zu Haftstrafen zwischen sechs Monaten und vier Jahren verurteilt. Die höchste Strafe verhängten die Richter am Freitagabend für die damals 18 Jahre alte Freundin des Täters, weil sie in seine Pläne eingeweiht war und nicht die Polizei alarmierte. Wie die Zeitung «Le Parisien» aus dem Gerichtssaal berichtete, gehen die Behörden aber davon aus, dass die junge Frau inzwischen nicht mehr radikalisiert ist.

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