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Iranerin erzählt von ihrem erniedrigenden Leben als Frau im Iran

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Banoo gemeinsam mit ihrer Tochter an einer Kundgebung für ein freies Iran in Zürich.bild: banoo

Diese Iranerin bekam die Macht der Sittenpolizei am eigenen Leib zu spüren

Der Tod der 22-jährigen Mahsa Amini hat bei Banoo alte Wunden aufgerissen. Seit fünf Jahren lebt die gebürtige Iranerin in der Schweiz. Mit dem Schicksal von Amini kann sie sich identifizieren – auch sie wurde im Alter von 21 von der Sittenpolizei festgenommen und verhört.
21.10.2022, 18:4924.02.2023, 21:50
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«Sie haben uns bedroht, geschlagen und mundtot gemacht» – Iranerinnen, die in der Schweiz Zuflucht gesucht haben, erzählen während des Protestes auf der Zürcher Rathausbrücke auf dem Podium von ihren Erfahrungen mit der islamischen Sittenpolizei. Ihre Zeit der Angst, des Schweigens sei vorbei. Sie erheben ihre Stimme, berichten von den Missständen, der Unterdrückung des Mullah-Regimes.

Zwischendurch erklingt die persische Version des italienischen Partisanen-Songs «Bella ciao». Ein Lied des Protestes, des Widerstands. Ein Lied, dessen Melodie von Frauen stammen soll, die Anfangs des 20. Jahrhunderts als Reispflückerinnen unmenschliche Arbeit errichten mussten. Ein Lied über die Hoffnung auf Freiheit.

Kundgebung auf der Zürcher Rathausbrücke am 15. Oktober 2022: Das Verbrennen von Kopftüchern dient nur als Symbol, viele Iranerinnen und Iraner sehnen sich nach einer Revolution.
Kundgebung auf der Zürcher Rathausbrücke am 15. Oktober 2022: Das Verbrennen von Kopftüchern dient nur als Symbol, viele Iranerinnen und Iraner sehnen sich nach einer Revolution.bild: watson

Unter den Protestierenden befindet sich die gebürtige Iranerin Banoo*. Keinen Iran-Protest hat sie bisher verpasst. Ihre sechs Monate alte Tochter, die sie mit einem Tuch um den Oberkörper gewickelt hat, nimmt sie immer mit. Eines Tages will Banoo ihrer Tochter ihre Heimat zeigen – den wahren Iran, ohne Mullah-Regime.

Laut ruft sie die Protestrufe: «Frau, Leben, Freiheit.»

Freiheit kennt die 36-Jährige erst, seit sie vor fünf Jahren in die Schweiz zog. Davor war ihr Alltag bestimmt von massiver Unterdrückung. Frauen sind im Iran durch das angewandte Rechtssystem, die Scharia, in vielen Bereichen stark benachteiligt. Das Regime lehnt eine Gleichstellung von Mann und Frau kategorisch ab.

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Banoo mit ihrer Tochter bei der ersten Iran-Demonstration an der Bahnhofstrasse in Zürich. bild: banoo

Die Wut über diese Ungerechtigkeit entlädt sich seit Monaten von Beirut bis Berlin. Im Iran haben sich die Proteste zu einem landesweiten Aufstand gegen die islamische Diktatur herangewachsen. Auslöser war der Tod der 22-jährigen Mahsa Amini, die von der Sittenpolizei verhaftet wurde, weil sie ihren Hidschāb angeblich nicht korrekt genug trug. Während der Inhaftierung verstarb die junge Frau. Die genauen Umstände ihres Todes sind unklar.

Die Behörden sprachen erst von einem Herzversagen, danach von einem Hirnschlag. Augenzeugen, darunter ihr Bruder, berichteten von massiver Polizeigewalt. Für die Familie des Opfers lässt das die Schlussfolgerung zu: Amini wurde zu Tode geprügelt.

Die Aufstände lassen Banoo kaum noch schlafen. Nachts scrollt sie durch Medienberichte und Social-Media-Feeds. Doch die Informationsbeschaffung gestaltet sich schwierig. Kritische Stimmen werden zum Schweigen gebracht. Auch der Austausch mit ihrer Familie ist erschwert, da die Mullahs das Internet einschränken, um Unruhen kleinzuhalten.

Banoo sieht es als ihre Pflicht, jenen etwas zurückzugeben, die ihr Leben riskieren, um gegen das autoritäre Regime zu protestieren. «Die Welt muss erfahren, was im Iran vor sich geht.»

Eine Frau sammelt in einer Box abgeschnittene Haare ein.
Eine Frau sammelt in einer Box abgeschnittene Haare ein. bild: watson

Sie betont, dass es bei den Protesten nicht um Religion oder ums Kopftuch ginge. Banoo holt tief Luft und sagt: «Was das Mullah-Regime mit uns Frauen macht, tun die nicht einmal Tieren an.»

«Was das Mullah-Regime mit uns Frauen macht, tun die nicht einmal Tieren an.»
Banoo schneidet sich aus Protest zum zweiten mal die Haare ab.
Banoo schneidet sich aus Protest zum zweiten mal die Haare ab.bild: watson

Vor der Kundgebung treffe ich die junge Mutter in einem Kaffee. Sie spricht fliessend Deutsch, ohne je einen Sprachkurs besucht zu haben. Ziemlich schnell teilt sie mir mit, dass sie bei unserem Gespräch vermutlich weinen werde. «Auch wenn es mir schwerfällt, über die Zeit im Iran zu sprechen, es ist das Wenigste, das ich tun kann», so Banoo.

Ich war neun Jahre alt, als mein Vater starb. Sein Tod stellte das Leben meiner Mutter auf den Kopf. Sie musste sich alleine um mich und meinen grösseren Bruder kümmern. Finanzielle Unterstützung erhielt meine Mutter nicht. Seit ich auf der Welt bin, arbeitet sie. Trotzdem war das Geld knapp. Um etwas zu sparen, wollte sie in eine kleinere Wohnung ziehen.

Doch die Suche erwies sich als Herkulesaufgabe. Niemand wollte einer alleinstehenden Frau eine Wohnung vermieten. Man muss wissen, Männer stehen unter dem iranischen Regime über allem. Deshalb denken viele Männer, dass Frauen ohne Männer nichts auf die Reihe kriegen.

Dennoch kämpfte sich meine Mutter – ohne Mann an ihrer Seite – durchs Leben.

Banoo sieht in ihrer Mutter ein Vorbild. Durch sie habe sie gelernt, zu kämpfen. Kämpfen bedeutete für sie damals nicht, an Protesten teilzunehmen, sondern sich zu widersetzen, wenn Männer versuchten, ihre Macht auszuspielen. «Wenn man sich als Frau fürchtet, seine Stimme gegen die Männer zu erheben, dann passieren schreckliche Dinge», so Banoo.

Es ist eine Anspielung auf einen Vorfall, der sich an ihrer Uni abspielte.

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Banoo wohnt und arbeitet seit fünf Jahren in der Schweiz. Über 30 Jahre lang lebte sie in der iranischen Hauptstadt Teheran.bild: watson

Nach der Schule habe ich begonnen, Architektur zu studieren. In der Universität wurden wir am Eingang mittels eines Überwachungssystems kontrolliert, ob wir uns so kleideten, wie es das Regime vorschreibt. Wir mussten lange, dunkle Mäntel und ein Kopftuch tragen, obwohl an der Uni nur Frauen studieren durften. Schminke war verboten.

Einmal zerrten mich zwei Frauen in einen Raum, weil ich meine Fingernägel in einem hautfarbenen Ton lackiert hatte. Sie fragten mich, warum ich mich hübsch mache. Ich fragte, ob sich hier jemand deswegen gestört fühle.

Weil ich mich nicht sofort entschuldigte, musste ich meinen Ausweis abgeben und wurde zum Chef der Schulüberwachung geschickt.

Dieser fragte mich, ob es mir gefällt, wenn ich mich hübsch mache. Ich sagte, ich sei gerne gepflegt. Dann sagte er, dass er es besser fände, wenn ich mich nur für ihn zuhause schön mache. Der Mann war verheiratet. Ich muss hier kurz anmerken, dass Männer in Iran gesetzlich mehrere Frauen heiraten dürfen.

Ich lehnte ab. Dann drohte er mir mit dem Rauswurf aus der Uni.

Diese Konsequenzen nahm Banoo in Kauf, obwohl das Studium ihr am Herzen lag. Sie verliess das Schulgebäude und befürchtete die baldige Entlassung. Doch das Schicksal meinte es gut mit ihr.

Auf dem Podium der Zürcher Rathausbrücke berichteten in der Schweiz lebende Iranerinnen von gewaltsamen Verhaftungen der sogenannten Sittenpolizei.
Auf dem Podium der Zürcher Rathausbrücke berichteten in der Schweiz lebende Iranerinnen von gewaltsamen Verhaftungen der sogenannten Sittenpolizei.bild: watson

Einige Tage nach diesem Vorfall erfuhr ich, dass dieser Mann entlassen wurde. Er soll auch andere Studentinnen bedroht haben. Viele hätten sich aus Angst aber nicht getraut, sich ihm zu widersetzen. An jenem Tag ist er erwischt worden, wie er in seinem Büro eine Studentin sexuell missbrauchte.

Es würde nicht der einzige Zwischenfall in Banoos Leben bleiben.

Noch während der Studienzeit ereignete sich ein weiterer Zwischenfall. Der Schock dieses Tages sitzt bei Banoo noch immer tief. «Immer wenn ich mich daran erinnere, muss ich weinen».

Ich wartete auf der Strasse auf ein Taxi. Ich war konform gekleidet. Im Iran müssen wir unsere Haare verdecken und einen Mantel tragen, der alles bis auf unsere Hände und Füsse verdeckt. Zudem sollten wir vorzugsweise schwarze Kleidung tragen, um nicht aufzufallen. Trotzdem wurde ich von der Sittenpolizei angehalten. Die Einheiten kontrollieren, ob sich die Frauen an die Kleidervorschriften halten. Alle Körperteile ausser Hände, Füsse und Gesicht müssen bedeckt sein. Enganliegende Kleidung ist verboten.

Die Polizisten steckten mich in einen kleinen Bus. Die Sittenpolizei war damals noch relativ neu – und nicht so gewaltsam wie heute.

Im Bus befanden sich bereits andere Frauen. Sie weinten.

Sie brachten uns zur Polizeiwache, wo wir wie Verbrecherinnen stehend mit einem Nummernschild in einem engen Raum warteten, bis unsere Nummern ausgerufen wurden. Danach wurden wir einzeln verhört.

Sie fragten mich, ob ich mich ausweisen könne. Ich sagte, dass ich keinen Ausweis dabei hätte – obwohl ich ihn in meiner Tasche hatte. Ich hatte Angst, dass ich einen Strafregistereintrag erhalte und dann nicht mehr studieren oder arbeiten kann.

Zum Glück haben sie meine Taschen nicht durchsucht.

Warum ich festgenommen wurde, weiss ich bis heute nicht. Vielleicht wollten sie mich einschüchtern, vielleicht war ihnen aber auch einfach meine pinke Tasche ein Dorn im Auge.

«Die Polizisten redeten mit mir, als wäre ich nichts.»

Jedenfalls sagten sie mir, dass mein Mantel zu wenig dick sei und ich ihn deshalb zerschneiden müsse. Aus Wut habe ich den Mantel in ganz kleine Stücke geschnitten. Danach wartete ich auf meine Mutter, die mir einen neuen Mantel bringen musste.

Ich suchte eine Toilette. Auf dem Weg dorthin haben mich drei Polizisten unsittlich berührt, als wäre es das normalste der Welt. Ich drehte wieder um. Ich hatte solche Angst, dass ein Polizist mir auf die Toilette folgt.

Als meine Mutter kam, liessen sie mich gehen. Danach fing ich an zu weinen. Mindestens zwei Stunden verbrachte ich in Polizeigewahrsam. Die Polizisten redeten mit mir, als wäre ich nichts.

Und genauso fühlte sie sich: wie nichts. Nicht nur an diesem einen Tag – sondern tagtäglich.

Ich wurde in meinem Leben so oft gedemütigt. Beispielsweise musste ich bei meiner ersten Anstellung meinen Chef küssen, damit er mir den Lohn ausbezahlt. Ich muss betonen, dass bei weitem nicht alle Männer im Iran böse sind, aber viele sind durch das System krank im Kopf geworden.

«Bei weitem nicht alle Männer im Iran sind böse, aber viele sind durch das System krank geworden.»

Das Studium musste Banoo unterbrechen. Das Leben wurde im Iran wegen der steigenden Inflation immer teuer. Grund dafür sind die scharfen Sanktionen, unter denen das Land aufgrund seines Atomprogramms seit Jahren ächzt. Viele Menschen sind trotz guter Ausbildung arbeitslos.

Banoo jobbte während ihres Studiums, doch das Geld reichte nicht bis zum Abschluss. Sie suchte sich eine Vollzeitstelle.

Es würde ihr letztes Kapitel im Iran sein.

Banoo betont immer wieder, dass viele Iranerinnen und Iraner nicht gegen die Relgion sind, sondern gegen das Regime – das Mullah Regime.
Banoo betont immer wieder, dass viele Iranerinnen und Iraner nicht gegen die Relgion sind, sondern gegen das Regime – das Mullah Regime.bild: watson

Ich begann in einer Lebensmittelfabrik zu arbeiten. Dort verliebte ich mich in einen Mann. Wir waren etwa sechs Monate zusammen, bis ich herausfand, dass er eine Familie hat. Ich beendete die Beziehung, worauf er mich bedrohte und sexuell missbrauchte.

Ich liess einiges über mich ergehen, bis ich den Mut fasste, ihn anzuzeigen. Doch niemand unterstütze mich. Man schob mir die Schuld in die Schuhe. Er sei schliesslich ein verheirateter Mann.

Die Situation in ihrer Heimat setzte ihr zu. Sie träumte von einem Land, in dem nicht nur ein Geschlecht das Recht auf Selbstbestimmung hat. Durch einen Kontakt findet sie einen Weg, in die Schweiz zu kommen.

«Jetzt weiss ich, was Leben bedeutet»

«Jetzt weiss ich, was Leben bedeutet», so Banoo. Sie muss sich nicht mehr verschleiern, kann anziehen, was sie möchte, ihre Nägel lackieren. Und sie kann Dinge tun, die sie sich davor nicht vorstellen konnte, wie etwa ihren Freund auf der Strasse küssen.

Banoo ruft an der Iran-Demo auf der Rathausbrücke den Protestruf «Frau, Leben, Freiheit».
Banoo ruft an der Iran-Demo auf der Rathausbrücke den Protestruf «Frau, Leben, Freiheit».bild: watson

Bannos Tochter macht sich bemerkbar, als würde sie uns signalisieren wollen, dass der Protest bald anfängt. Gemeinsam schlendern wir zur Ratsbrücke. Banoo zeigt auf einen Polizeiwagen, der am Rande der Kundgebung Stellung hält. «Guck, diese Polizisten schauen, dass uns nichts passiert, dass wir demonstrieren können. Im Iran würden sie uns verprügeln und einsperren.»

*Name von der Redaktion geändert

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Die Gesichter des Protestes gegen das Regime in Iran
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Die Gesichter des Protestes gegen das Regime in Iran
Der Auslöser für die Proteste war der Tod der jungen Kurdin Mahsa Amini. Die 22-Jährige starb wohl, weil sie ihr Kopftuch nicht so getragen hatte, wie die iranischen Mullahs und das iranische Gesetz es für Frauen vorsehen. Die genauen Umstände ihres Todes sind noch unklar. Amini wurde zu einer Ikone im Kampf für Freiheit.
quelle: keystone / abedin taherkenareh
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13 Kommentare
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Capsaicine
21.10.2022 21:24registriert August 2018
Ein berührender Bericht. Wir hier in der Schweiz geniessen so viel Freiheit, so viel Sicherheit. Klar, es ist bei weitem nicht alles gut, aber ich bin überzeugt: für mich als Frau ist die Schweiz eines der sichersten Länder.
Und das macht mich auch unendlich traurig: warum nur ist es auch heute, im Jahr 2022, noch immer ein Privileg, sich als Frau sicher und frei zu fühlen?

Hey, ihr Männer da draussen : ihr alle seid von einer Frau geboren worden...
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Lilou07
22.10.2022 08:39registriert Januar 2022
Ein sehr trauriger und berührender Bericht. Ich kann es nicht fassen, dass Frauen unter solchen Bedingungen im Iran leben müssen! Ich finde es fast schon frech, dass ich das hier aus der freien Schweiz auf dem Sofa sitzend schreiben muss.

Lasst uns unser Mitgefühl mit den Frauen im Iran ausdrücken und die mutigen Domonstrierenden unterstützen!
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