Pekings heikle Balance: Warum sich China im Iran-Krieg zurückhält
Dicke Luft im chinesischen Aussenministerium: Mit Nachdruck wehrt sich Peking gegen eine «bösartige Herleitung» der früheren amerikanischen UNO-Botschafterin Nikki Haley. Ein Sprecher betonte am Dienstag: China habe nichts zu tun mit dem Frachter, der am Wochenende von US-Streitkräften in der Strasse von Hormus abgefangen wurde.
Die US-Republikanerin hatte in den sozialen Medien behauptet, der geenterte Frachter habe von China aus «Chemikalien für iranische Raketen» transportiert. Chinas Komplizenschaft bei der iranischen Aufrüstung sei «eine Tatsache, die nicht ignoriert» werden dürfe. Fast zeitgleich mit Haleys Anklage forderte Staatschef Xi Jinping die Öffnung der Strasse von Hormus.
The ship the U.S. seized in the Strait of Hormuz this weekend was headed from China to Iran and is linked to chemical shipments for missiles.
— Nikki Haley (@NikkiHaley) April 20, 2026
It refused repeated orders to stop.
Another reminder that China is helping prop up Iran’s regime—a reality that can’t be ignored.
Doch dieser diplomatische Ausbruch stellt die klare Ausnahme dar. Denn bis dahin hat sich Peking im Iran-Krieg auffallend zurückgehalten. Weder übt die Grossmacht sichtbaren Druck auf Teheran aus, damit die Mullahs einem Friedensdeal zustimmen. Noch greift sie politisch, geschweige denn militärisch stärker ein.
Dabei trifft Donald Trumps Militäroperation China an einem empfindlichen Punkt. Rund 12 Prozent seiner Ölimporte stammen aus der Islamischen Republik, wichtige Handelsrouten verlaufen durch die aktuell wieder geschlossene Strasse von Hormus.
Umso mehr ist Pekings Zurückhaltung das Ergebnis einer nüchternen Interessenabwägung. Zwar ist China der wichtigste Abnehmer iranischen Öls, doch die Abhängigkeit ist begrenzt. Fachleute betonen, dass China Ausfälle aufgrund seiner gigantischen Reserven zumindest zeitweise abfedern könne.
Bestimmender ist darum, dass Peking jegliche Instabilität scheut. «Sie mögen keinen Krieg, der über ihnen schwebt», sagt die Asien-Analystin Yun Sun vom Stimson-Center zur «New York Times». Deshalb setzt Peking offiziell ganz auf Diplomatie. Präsident Xi Jinping hat vor seinem Appell vom Montag einen Vier-Punkte-Plan vorgelegt, der «friedliche Koexistenz», Respekt für Souveränität, die Einhaltung internationalen Rechts sowie eine Verknüpfung von Sicherheit und wirtschaftlicher Entwicklung vorsieht.
China wolle im Iran-Krieg «Friedensgespräche fördern» und betone, dass «Gewalt niemals das Ende von Streitigkeiten» sein könne, heisst es in einem Kommentar des Staatssenders CGTN. Gleichzeitig werde die chinesische Staatsführung «keine Seiten ergreifen».
Konflikt im Nahen Osten als gigantische Falle
Die «Washington Post» fasst Chinas Rolle so zusammen: «Peking versucht, sich als Friedensstifter zu positionieren – will aber gleichzeitig Distanz wahren zum Krieg in einer Region, wo es minimalen militärischen Einfluss hat.» Die Gefahr, in den Konflikt hineingezogen zu werden, ist genau das, was die Führung von Präsident Xi Jinping um jeden Preis zu vermeiden sucht: «Eine Führungsrolle im Nahen Osten ist nicht ein Preis, den man anstrebt, sondern eine Falle, die man vermeiden will.»
Ausserdem, so stellt die «New York Times» fest, gebe es ohnehin «wenig, was Peking tun könnte oder tun würde, um seinen Partner unter Druck zu setzen». Darum agiere Peking bewusst im Hintergrund. Selbst bei den Vermittlungsversuchen ist die Zurückhaltung spürbar. Zu gross sei Xi Jinpings Befürchtung, bei einem Scheitern von Verhandlungen als der Buhmann dazustehen, findet die Analystin Sarah Beran in der «New York Times».
Stattdessen schiebt man die Rolle des unbedachten Aggressors lieber den USA zu, was sich mit einer grundsätzlichen Skepsis gegenüber militärischen Eskalationen paare. «Chinesische Führer sehen US-Interventionen im Nahen Osten als einen wichtigen Treiber des amerikanischen Niedergangs – und haben kein Interesse, diesem Modell zu folgen», ergänzt die China-Expertin Patricia Kim.
So kann sich China als Alternative inszenieren, während die USA militärisch gebunden sind. Gerade in der jetzigen Lage kann China aller Welt zeigen, eine verantwortungsvollere Führung zu haben als Trumps unberechenbare Regierung. Wie um das zu unterstreichen, heisst es im Kommentar von GGTN: «China hält das internationale Recht hoch; ein Recht, das selbst den schwächsten Nationen erlaubt, aufrecht dazustehen.» (aargauerzeitung.ch)

