Letzte Hoffnung Trump: «Sie schlachten uns ab – natürlich brauchen wir Hilfe»
Seit der Niederschlagung der Proteste Anfang Januar ist es auf den Strassen im Iran ruhiger geworden. Viele glauben jedoch, dass es die Ruhe vor dem Sturm ist.
Denn die politische Lage bleibt angespannt: US-Präsident Donald Trump lässt seit Donnerstag eine militärische Drohkulisse vor dem Iran aufbauen – und erwägt laut Berichten gezielte militärische Schläge, die den Druck auf das Mullah-Regime erhöhen und neue Proteste auslösen sollen.
Im Westen löst das vor allem Sorgen vor einer Eskalation aus.
Im Iran löst es noch etwas anderes aus: Hoffnung.
watson hat mit einer jungen Frau aus Teheran gesprochen, die auf einen US-Angriff hofft. Sie erklärt, warum viele überhaupt an diesen Punkt gekommen sind: aus Verzweiflung.
Die Nächte, die alles veränderten
Parisas* Flugzeug landete genau am Abend des 8. Januars, als die Proteste im ganzen Land aufflammten. Sie war gerade von einem Besuch bei Freunden zurück in Teheran. Schon vom Flughafen aus hörte sie, was in der Stadt passierte:
Als sie sich später endlich auf den Weg nach Hause machen konnte, wirkte die Stadt auf sie wie ein Kriegsgebiet: «Ich sah überall verbrannte Busse, verbrannte Abfalleimer und Patronenhülsen verteilt auf der ganzen Strasse.» Und dann dieser Geruch: Tränengas, das noch Stunden später in der Luft hing, die Haut brennen liess, die Augen reizte.
Sie habe schnell gemerkt, dass dieses Mal etwas anders war als bei den Protesten zuvor. Was sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste: Auch am nächsten Tag würde sie wieder stundenlang hören, wie geschossen wird.
Diese Schiessereien seien für sie nichts Neues, sagt Parisa. Solche Nächte habe sie auch bei früheren Protestwellen erlebt. Neu sei etwas anderes gewesen: dass dabei so viele Menschen starben. In nur zwei Tagen.
Die Menschenrechtsorganisation Amnesty bezeichnete die Vorkommnisse vom 8. und 9. Januar später als «Protest-Massaker».
Propaganda mit Todeszahlen
Parisa war nach eigenen Angaben seit 2017 bei praktisch allen Protestwellen dabei. Sie kennt das Muster, wenn Sicherheitskräfte auftauchen: rennen, nicht in Sackgassen geraten, ständig prüfen, ob man verfolgt wird. Doch bei diesem Protest habe sich vieles zugespitzt – auch durch Scharfschützen, sagt sie.
Sie erzählt von einer Szene aus ihrem Umfeld: Ein Mädchen sei mit ihrem Vater auf einem Motorrad unterwegs gewesen. «Sie trafen ihn am Hinterkopf. Ein Kopfschuss», sagt sie. Recherchen von internationalen Medien zeigen, dass Sicherheitskräfte während der Januar-Proteste in mehreren Städten mit scharfer Munition in Menschenmengen schossen. Videos zeigen zudem auf Dächern positionierte Scharfschützen.
Das Ausmass der Brutalität zeigt sich auch in Zahlen: Ein iranischer Offizieller sprach gegenüber Reuters von mindestens 5000 «verifizierten» Todesfällen, darunter rund 500 Sicherheitskräfte. Parisa hält das für Propaganda und verweist auf Schätzungen von Medien und NGOs von deutlich über 30’000 Toten. «Das Regime will natürlich um jeden Preis verhindern, dass die Welt davon erfährt.» Oder die eigene Bevölkerung.
Für Aufsehen im Iran sorgt ein Video, das zurzeit in der Bevölkerung kursiert. Darin ist zu sehen, wie ein Vater in Teheran 12 Minuten lang an aufgereihten Leichensäcken vorbeigeht und den Namen seines Sohnes ruft. Doch selbst solche Bilder werden vom Regime als Propaganda und Lügen abgetan.
Die Menschen glaubten dem Regime aber nicht mehr, ihnen seien die Augen geöffnet worden, sagt Parisa. «Das iranische Volk ist so vereint wie nie.» Früher habe es noch Menschen gegeben, die glaubten, das Regime könne sich reformieren. Dieses Mal sei es anders. Vielen sei klar: Das System müsse weg.
Zu tun hat das auch mit Rasht.
Schreckensszenen in Rasht
Auch in Rasht, der rund 700'000 Einwohner zählenden Hauptstadt der iranischen Provinz Gilan, gingen Menschen am 8. Januar auf die Strasse, um für den Sturz des Mullah-Regimes zu protestieren.
Was dann folgte, wurde für viele zur Schreckensszene dieses Aufstands: Im historischen Basar, in dem sich viele Protestierende vor den Sicherheitskräften versteckten, kam es zu einem Grossbrand. Berichte und Rekonstruktionen westlicher Medien legen nahe, dass iranische Sicherheitskräfte auf Menschen geschossen haben könnten, die aus dem Feuer, dem Rauch und dem Gedränge fliehen wollten – wie viele dabei starben, ist unklar. Medien berichten von bis zu Zehntausenden.
Parisa selbst hat einen Freund in Rasht. Sein Haus liegt nahe am Basar. «Er hat mir gesagt, dass er noch zwei Wochen später das verbrannte Fleisch der Menschen riechen konnte. Dass er den Geruch nie vergessen werde», sagt Parisa.
Sie beschreibt die Version, die in ihrem Umfeld kursiert: Protestierende fliehen, geraten im Basar in einen Hinterhalt, das Feuer lodert auf. Wer versucht zu entkommen, werde beschossen. In Rasht glaubten viele, dass Sicherheitskräfte Menschen in die Flammen getrieben und sie dort sterben gelassen hätten. watson kann auch diese Erzählung nicht unabhängig verifizieren.
Nach den Protesten kamen die Beerdigungen
Seit diesen Eskalationen sind die Proteste von den Strassen verschwunden. «Es gibt gerade keine aktiven Proteste», sagt sie. Nicht, weil es vorbei sei. Sondern, weil sie sich verschoben haben.
Viele Menschen müssten zudem ihre Angehörigen beerdigen. «Jeder, den ich kenne, kennt jemanden, der bei diesen Protesten verstorben ist», sagt Parisa. Gleichzeitig sei das Schicksal vieler anderer noch unbekannt. Parisa selbst spricht von einem Freund, der in ein Gefängnis verschleppt worden sei. Ob er noch lebe, wisse sie nicht. In ihrem Umfeld kursiere die Angst, dass Familien erst zur Zahlung aufgefordert würden – und später statt einer Freilassung eine Leiche bekämen.
Seit der Niederschlagung des Protestes hat Parisa keinen normalen Alltag mehr. «Die Strassen sind meistens leer, weil die Menschen Angst haben», sagt sie. Aber: «Überall, wo ich hingehe, fluchen die Menschen über dieses Regime», sagt sie. Dazu kommen die Preise: Sie stiegen «alle paar Tage» wieder. Manche hätten keine Hoffnung mehr. Andere versuchten, Hoffnung zu verbreiten.
Die Hoffnung vieler Iraner baut sich zurzeit auf Trump.
Hoffnung und Schrei nach Hilfe
Trump hat die iranischen Protestierenden bereits Mitte Januar öffentlich ermutigt und postete sinngemäss: «Hilfe ist unterwegs.»
Nun verdichten sich die Zeichen, dass eine militärische Intervention der USA möglich sein könnte. Trump hat bereits einen Flugzeugträger mit seinen 90 Kampfflugzeugen an Bord in den Nahen Osten geschickt, eine Armada an US-Kriegsschiffen in die Region sei unterwegs.
Parisa sagt: Genau deshalb hoffen viele. Sie beschreibt ein Kräfteverhältnis, das sie als ausweglos erlebt: Militärwaffen gegen Zivilisten mit Steinen. «Wir Iranerinnen und Iraner sind Geiseln dieses Regimes. Sie massakrieren uns – natürlich brauchen wir Hilfe», sagt sie. Wenn kein anderes Land helfe, würden die Menschen entweder irgendwann an der Armut zerbrechen – oder das Regime werde sie weiter töten.
Die junge Frau ist überzeugt: Ein Angriff würde das Regime beschäftigen, Kräfte abziehen, die Kontrolle lockern – und genau dann, glaubt sie, könnte der Moment kommen, in dem die Strassen wieder voller werden und das System kippt.
Doch sie fürchtet auch den Gegenschlag: Das Regime könnte nach innen zurückschlagen und zivile Wohngebiete bombardieren, weil es von aussen unter Druck gerät.
Dass Parisa trotz dieses möglichen Szenarios auf einen US-Schlag hofft, ist keine Kriegssehnsucht, sondern die verzweifelte Suche nach einem Ausweg.
*(Name von der Redaktion geändert)
