Russland und der Iran-Krieg: Wie Putin von Trumps Angriffen profitiert
Der US-geführte Krieg gegen den Iran droht zu einer grossen Belastungsprobe für die amerikanischen Rüstungsbestände zu werden – mit Folgen für die Ukraine.
Während russische Truppen weiterhin ukrainische Städte und Energieinfrastruktur beschiessen, konkurriert Kiew nun unmittelbar mit Israel und den US-Streitkräften im Nahen Osten um dieselben knappen Luftabwehrraketen und Präzisionswaffen.
Eine besondere Knappheit zeichnet sich schon jetzt bei den Flugabwehrsystemen Patriot, Nasams und Iris‑T ab. Diese Systeme sind teuer und die Produktionskapazitäten für die Munition sind begrenzt. Der Iran-Krieg belastet die Lieferketten sehr: Angesichts des grossen Raketen- und Drohnenarsenals Teherans ist der Bedarf der USA an Abfangraketen hoch.
Genau diese Munition – etwa Patriot PAC‑3‑Abfangraketen oder Amraam-Raketen für Nasams – sind zugleich jedoch entscheidend dafür, dass die Ukraine russische Raketen- und Drohnenwellen über Kiew, Charkiw oder Odessa abwehren kann.
Die Rüstungsindustrie fährt Sonderschichten
Der Ukraine-Krieg hat die Lager westlicher Armeen bereits seit 2022 stark geleert. Die USA, Deutschland und andere Nato-Staaten mussten erkennen, dass ihre Vorräte an Luftabwehrraketen, 155‑Millimeter-Artilleriemunition und Präzisionslenkwaffen eher für kurze, begrenzte Konflikte ausgelegt waren – nicht für jahrelange Abnutzungskriege.
Zwar bauen zumindest die europäischen Rüstungshersteller neue Fabriken und erhöhen die Kapazitäten ihrer vorhandenen Anlagen, doch der Ausbau von Produktionslinien für komplexe Lenkflugkörper dauert Jahre, nicht Monate. Damit wirken sich zusätzliche Grosskonflikte, wie der Krieg gegen den Iran, unmittelbar auf die Verfügbarkeit dieser Systeme aus.
Für die Ukraine kommt der Krieg zur Unzeit
Aus ukrainischer Sicht kommt der Krieg in Nahost also zur Unzeit. Präsident Wolodymyr Selenskyj hat in den vergangenen Tagen mehrfach gewarnt, ein langwieriger Krieg gegen den Iran könne die Versorgung mit Luftverteidigungsraketen gefährden.
Seine Sorge: Solange die USA und ihre Verbündeten im Nahen Osten grosse Mengen an Abwehrmunition verbrauchen und dort zusätzlich stationieren, werden weniger Systeme und die dazugehörige Munition für die Ukraine verfügbar sein – oder sie können zumindest nur verzögert geliefert werden. Das ist vor allem problematisch, weil die Ukraine in den vergangenen Wochen an Momentum gewinnen und laut Berichten der US-amerikanischen Denkfabrik «Institute for the Study of War» so viele Gebiete zurückerobert hat wie lange nicht mehr.
Hinzu kommt, dass sich mit Trumps Rückkehr ins Weisse Haus im vergangenen Jahr die politische Prioritätensetzung verändert hat. Die Militärhilfe für die Ukraine stützt sich fast ausschliesslich auf europäische Finanzierungen und längerfristige Beschaffungsprogramme, während weniger Waffen und Munition direkt aus US-Beständen kommen.
Das verschiebt Verantwortung und Druck nach Europa: Berlin, Paris, Warschau und andere Hauptstädte müssen entscheiden, wie viele eigene Systeme sie an die Ukraine abgeben. Zugleich müssen sie ihre eigenen Lager auffüllen und den Krieg im Nahen Osten sowie die daraus erwachsenen Risiken für Europa – etwa mögliche Angriffe mit ballistischen Raketen auf Ziele im Osten des Kontinents – mitdenken.
Aufmerksamkeit aus Washington verschiebt sich
Der Westen hat also einen gemeinsamen, aber begrenzten Munitionspool. Wie der ehemalige australische Generalmajor Mick Ryan in seinem Blog «Futura Doctrina» schreibt, benötigen die westlichen Länder für unterschiedliche Krisen zum Teil identische oder zumindest eng verwandte Munition.
Das gilt für die Flugabwehr, aber auch für Präzisionsschläge. Sowohl im Nahen Osten als auch in der Ukraine kommen luft- und seegestützte Präzisionsbomben sowie Marschflugkörper zum Einsatz, etwa für Angriffe auf Kommandoposten, Flugplätze und Logistik. Engpässe betreffen auch Führungs- und Aufklärungsmittel wie vernetzte Sensoren und Datenschnittstellen, deren Zahl und Integration begrenzt ist.
Je länger der Konflikt mit dem Iran andauert und je intensiver die USA und Israel dort militärisch aktiv bleiben, desto stärker verschiebt sich die Aufmerksamkeit der politischen Entscheidungsträger in Washington. Die Folge ist kein abruptes Abwürgen der Ukraine-Hilfe, aber eine schleichende Konkurrenz um Budget, Produktionskapazitäten und diplomatischen Fokus. Denn auch das am Krieg gegen den Iran beteiligte Israel ist von US-Rüstungslieferungen abhängig.
«Die Ukraine könnte somit zur Nebenfront degradiert werden»
Auch Oberst Markus Reisner sieht das Problem. Der österreichische Militärexperte sagte n-tv: «Ein von den USA und Israel geführter Krieg, der die Aufmerksamkeit und Ressourcen im Nahen Osten auf sich zieht, ist ein strategisches Geschenk für Russland und China» – und das, obwohl Russland mit dem iranischen Regime am Ende einen wichtigen Verbündeten verlieren könnte.
Russland könne seine militärischen und energiepolitischen Beziehungen zu einem geschwächten Iran vertiefen und die Ablenkung des Westens in seinem Krieg gegen die Ukraine ausnutzen, befürchtet Reisner.
«China kann sich hingegen als verantwortungsbewusster Stabilisator beziehungsweise Mediator positionieren, weiterhin Energie zu günstigen Preisen kaufen und die USA als Hauptursache für die globale Instabilität darstellen», so der Militärexperte weiter.
Seine Angst: «Die Ukraine könnte somit zur Nebenfront degradiert werden. Dies bedeutet im schlimmsten Fall noch weniger Ressourcen, wie konkret Patriot-Flugabwehrraketen.» Bereits heute müssten die einzelnen Verbündeten der Ukraine Priorisierungslisten erstellen, welche Rüstungslieferungen wirklich «kriegskritisch» sind – und welche aufgeschoben werden.
Drohnen kamen aus dem Iran
Genau darauf setzt der Kreml: Dass die westliche Öffentlichkeit und Politik irgendwann «kriegsmüde» wird und andere Krisenherde in den Vordergrund rücken. Vor dem Hintergrund steht die Frage im Raum, ob die Spannungen im Nahen Osten Russlands Einsatz zentraler Waffensysteme wie der Shahed-Drohne beeinträchtigen könnten.
Die Auswirkungen des Iran-Kriegs auf Russlands Drohnenfähigkeit dürften jedoch begrenzt sein. Russland habe die Drohnen zunächst aus dem Iran bezogen, produziere sie aber seit 2023 mit iranischer Unterstützung im eigenen Land, sagte John Hardie von der «Foundation for Defence of Democracies» dem TV-Sender Euronews.
Nach ukrainischen Angaben setzte Russland 2025 mehr als 54'500 Shahed-Drohnen ein, darunter 32'200 Kampfdrohnen. Zudem testet Moskau weiterentwickelte Varianten unter den Bezeichnungen «Geran-4» und «Geran-5».
«Der Iran spielt in der Lieferkette von Shahed keine Rolle»
Der Innovationszyklus liege bei weniger als acht Wochen. Viele der identifizierten Bauteile stammten jedoch nicht aus dem Iran, sondern aus China sowie westlichen Staaten. «Der Iran spielt in der Lieferkette von Shahed derzeit eine untergeordnete oder gar keine Rolle», so Hardie weiter.
Der Krieg gegen den Iran schafft also keine völlig neuen Probleme, verschärft jedoch bestehende Engpässe. Ob dies den Verlauf des Kriegs in der Ukraine entscheidend verändert, hängt weniger von Teheran oder Washington ab – sondern davon, ob Europa bereit ist, diese Lücke zu schliessen und die Ukraine trotz zweiter Front im Nahen Osten weiter auf hohem Niveau zu unterstützen.

